Nach einer tief durchgeschlafenen Nacht wurden wir gegen halb 11 Uhr von einer kleinen Militärparade an der “Plaza Independencia” geweckt. Eine Reiterformation gab ihr bestes und eine Militärkapelle lieferte den passenden Soundtrack dazu. Was für ein Kontrast zu dem Schauspiel von letzter Nacht, in der sich allerlei Partyvolk auf dem Platz tummelte.

Nachdem wir nun wach waren, sind wir runter in den Gemeinschaftsraum, um zu frühstücken. Wir waren schon recht spät dran, denn das Frühstücksangebot galt bis maximal 11 Uhr. Frühstück konnte man das auch nicht wirklich nennen. Auf der Theke standen noch zwei Tabletts mit jeweils einem Hamburgerbrötchen, einem kleinen Päckchen Butter und etwas bereits angetrocknetem Obst. Das Hamburgerbrötchen war mit einer Scheibe Schnittkäse belegt. Kaffee gab es als Instantvariante, abgepackt im 7 g Tütchen. Das Frühstücksangebot schwankt ziemlich stark von Hostel zu Hostel, aber meistens sieht es eher dürftig aus.
Nach diesem kurzen Intermezzo haben wir uns am Counter nach einer Stadtführung erkundigt. Irgendwie hatten wir jedoch das Gefühl, dass uns der Portier nicht so recht verstanden hatte. Auch hier ist es reine Glückssache, auf jemanden zu treffen, der Englisch spricht. Er gab uns aber eine tolle Karte mit allen wichtigen Sehenswürdigkeiten, die jeweils mit kurzer Beschreibung in Spanisch und Englisch ausgestattet war. Wir hatten heute vor, ein paar Museen zu besuchen und dabei die Stadt zu erkunden. Kurz darauf sind wir noch im Hostel mit einem Amerikaner ins Gespräch gekommen, der schon öfter in Montevideo war. Er meinte dass wir heute wohl kein Glück mit den Museen haben werden, da hier ein Sonntag noch ein Sonntag sei. So wie es ihn noch vor gut 30 Jahren in den USA gab, wie er meinte.

Eine fast leere Altstadt
Also haben wir uns doch für die Strandtour entscheiden, die auch noch zu Auswahl stand. Montevideo ist u.a. für seine langen Sandstrände entlang des Südatlantiks bekannt. Das Treiben dort zu sehen, ist sicher eine interessante Sache. So sind wir wenig später in Richtung Altstadt gezogen, um zum Hafen zu laufen.

Von dort wollten wir dann entlang der Docks zu den Stränden laufen. Das Wetter war perfekt. Die Sonne schien irgendwie heller als in Buenos Aires. Wahrscheinlich hat das was mit der fehlenden Smogglocke zu tun, die in BsAs sehr viel Sonnenlicht schluckt. In der Altstadt spürten wir bereits, was Sonntag hier bedeutet.

Es war keine Menschenseele auf den Straßen, kaum ein Auto unterwegs, und kein einziger Laden hatte geöffnet. Nicht mal der 24h McDonald’s, der hier nur 24/6 geöffnet hat. Eine komplett verlassene Altstadt lag uns zu Füßen. Erst am “Mercado del Puerto” trafen wir auf eine Hand voll Touristen, aber auch hier war erstaunlich wenig los. Die wunderschöne Markthalle wurde in den Jahren 1865-68 erbaut, ist heute touristischer Anziehungspunkt in der Altstadt und wartet mit unzähligen Restaurants und kolonialem Ambiente auf.


Bereits bei unserem ersten Weg durch das Barrio ist uns das Gebäude direkt hinter dem Mercado del Puerto aufgefallen. Das “Peatonal Pérez Castellano” wurde erst 1982 erbaut und macht architektonisch einen brachialen Eindruck. Es wirkt sehr futuristisch und könnte einer Atlantropa-Phantasie entsprungen sein. Das riesige Gebäude wird vom Militär (Marine) genutzt.
Die Rambla von Montevideo
Als wir an der Rambla (der Küstenstraße) ankamen, trafen wir auch endlich auf Einheimische. Auf ziemlich viele sogar, und uns wurde klar, wie man hier so gewöhnlich einen Sonntag verbringt. Man ist an den Docks oder am Strand. Man hat Spaß mit der Familie oder angelt in aller Ruhe im Atlantik. Wir zogen auch an etlichen fußballspielenden Jugendlichen vorbei und sahen viele Leute, die einfach in der Sonne dösten. Die Stadt machte einen total entspannten Eindruck, und niemand lies sich von zwei Touristen wie uns stören.

Nicht ohne meinen Mate
Bereits gestern ist uns die extrem hohe Zahl an Matetee-Trinkern aufgefallen. Diese Angewohnheit konnten wir natürlich bereits in Buenos Aires beobachten, aber in Montevideo scheint der Mate noch viel beliebter zu sein.

Überall laufen Menschen mit ihrer bis zum Rand mit Mate gefüllten Kalebasse durch die Stadt. Dazu klemmt unterm Arm immer eine Thermosflasche mit heißem Wasser. Ob jung ob alt, ob reich oder arm: Alle trinken Mate, und das immer und überall.

Später erfuhren wir, dass sich die Argentinier über diese Marotte lustig machen. So spotten diese über den bereits am Körper der Uruguayer angewachsenen Arm mit Thermosflasche. Es ist auf jeden Fall sehr auffällig und gehört zum Stadtbild wie die vielen Oldtimer, die auf den Straßen von Montevideo zu sehen sind. Hier findet man alle alten Marken, die man in Europa oder Amerika längst vergessen hat, sogar Marken aus dem ehemaligen Ostblock (z.B. Lada, Moskwitsch etc.) Die Autos werden aber sicher nicht aus Liebhaberei gefahren sondern wohl eher aus Armut, und weil man noch so viel selbst an dem Auto reparieren kann.

Rambla und kein Ende
Nachdem wir, nach einigen Kilometern, merkten, dass die Rambla etwas zu lang für unsere Füße war, und auch die Sonne ziemlich stark vom Himmel strahlte, sind wir bei der nächstbesten Gelegenheit in eine Straße in Richtung Av. 18 de Julio marschiert.

Zum Glück gab es dort geöffnete Restaurants, und so haben wir erst einmal was gegessen und getrunken. Wir haben mal die Frankfurter Würstchen mit Brötchen im Käsemantel probiert, die wir schon auf anderen Karten gesehen hatten. Die waren auch ziemlich gut. Nach unserer kleinen Stärkung sind wir wieder runter an die Rambla und sind dabei über den Zentralfriedhof (Cementerio Central) gestolpert. Den haben wir uns bei der Gelegenheit auch gleich mal angesehen. Mit der mondänen Extravaganz eines Cementerio de la Recoleta in Buenos Aires kann man diesen Friedhof sicher nicht vergleichen, aber ein Spaziergang über das Areal lohnt sich trotzdem. Auch hier trifft man auf etliche Katzen, die aber eher einen unterernährten Eindruck machten.

Interessant waren u.a. auch die vielen Warnschilder gegen Mosquitos, die Dengue-Fieber übertragen. Die Friedhofsbesucher wurden angewiesen, abgestandenes Blumenwasser auszuschütten, um den Mücken keine Brutplätze zu bieten.
Playa Ramírez und nicht weiter
Nach weiteren Kilometern entlang der Küstenstraße nahmen die Docks so langsam ein Ende, und der erste Strand kam endlich näher und näher. Wie haben die Entfernungen ein wenig unterschätzt. Wenn ich nochmal diesen Weg zurücklegen sollte würde ich ein Fahrrad mieten. Zu Fuß ist es wirklich zu weit. Am ersten Strand (Playa Ramírez) angekommen sahen wir nur einige Leute im Wasser.

Ich denke, für die Einheimischen ist es bereits zu “kalt” zum Baden. Wir wissen es nicht. Wir beschlossen jedenfalls, nicht auch noch zu den anderen Stränden zu laufen, da dies wahrscheinlich weitere Stunden gedauert hätte. So sind wir einfach in den angrenzenden Parque Rodó gelaufen.

Die Grünanlage war voller Menschen, die das Wetter und den Sonntag genossen. An den Park grenzte ein ziemlich großer Freiluftmarkt, über den wir allerdings nicht geschlendert sind. Wir wollten so langsam wieder in Richtung Altstadt zurück. Also haben wir uns auf der Karte den Weg dorthin gesucht und sind los gelaufen. Entlang der Haupt- und Nebenstraßen haben wir mehr und mehr von Montevideo entdeckt. Dabei wechselte sich das Niveau mit recht “normal” bis ziemlich heruntergekommen ab. Man kann es auch schlecht beschreiben. Ich glaube, dass “heruntergekommen” für uns Europäer etwas ganz anderes bedeutet als für viele Südamerikaner. Es ist alles eine Frage des Standpunktes, der Herkunft und was man so gewohnt ist. Im Vergleich zu Buenos Aires machte die Stadt allerdings einen wesentlich heruntergekommeneren Eindruck.
XXVI Festival Cinematográfico Internacional del Uruguay
Nachdem wir wieder die Av. 18 de Julio erreicht hatten, sind wir am Kino “Cinemateca 18” vorbei gelaufen und haben gesehen, dass es tatsächlich geöffnet hatte. Es war bereits kurz vor 17 Uhr, und so sind wir einfach mal rein. Die freundliche Frau erklärte uns auf Spanisch, dass heute der letzte Tag des hiesigen Filmfestivals sei und wir gleich jetzt drei Kurzfilme zum Thema “Indisches Kino” sehen könnten. Mit dem Kauf eines Tickets, könnten wir auch alle Filme des heutigen Tages schauen, wenn wir wollten. So sollte um 19:15 ein deutscher Film gezeigt werden. Da uns eh schon alles vom langen Laufen wehtat, wäre in einem klimatisiertem Kino sitzen eine echte Alternative; zumal die Aktivitäten an einem Sonntag in Montevideo recht begrenzt sind. Also haben wir zwei Tickets gekauft und haben uns in den Saal gesetzt. Nur Augenblicke später startete bereits der erste Kurzfilm “Salim Baba”, in dem ein Mann aus Indien porträtiert wurde, der mit einer uralten Kinomaschine in der indischen Provinz unterwegs war. Gleich im Anschluss erhielten wir in “Cuerpo de Bollywood” eine Einführung in die Milliardenschwere Bollywood-Industrie und lernten deren Besonderheiten und Stars kennen. Nach diesem Film haben wir erstmal wieder das Kino verlassen, um vor dem deutschen Film noch etwas zu essen. Uns knurrte beiden der Magen. In dem Restaurant wurden wir von “Rudi Carell” oder dessen Bruder bedient. Wenn ich nicht wüsste, dass er bereits verstorben ist, würde ich behaupten, dass er in Montevideo kellnert. Die Ähnlichkeit war sehr frappierend und der Service tadellos.
Capri, you love?
Zurück im Kino freuten wir uns auf den Start des in Spanisch synchronisierten deutschen Films mit Untertiteln, in dem so herrlich abgetakelten uruguayischen Kino. Gegen 19:15 kam ein Mann in den Saal und bat um Geduld, da es irgendwelche Probleme gäbe. Das Kino war übrigens ziemlich gut besucht, aber nicht voll. Es waren bemerkenswert viele alten Menschen anwesend. Der hohe Altersdurchschnitt fiel uns bereits bei den Kurzfilmen um 17 Uhr auf. Kino scheint hier besonders bei den Alten gut anzukommen.

Nach weiteren 5 Minuten kam der Mann noch mal in den Saal und sagte, dass der Film nun doch in deutscher Sprache gezeigt werden müsse, aber mit englischen Untertiteln. Ein riesengrosses Raunen ging durch den Saal, und wir dachten die Alten rotten sich nun zu einer Demo zusammen oder schlagen das Kino kurz und klein. Nein, Spaß beiseite. Viele verließen daraufhin verärgert das Kino, und so war der Film nicht mehr so gut besucht. Was soll ich sagen, der Film war ziemlich dröge und die, die gegangen sind, haben nicht viel verpasst. Selbst in deutscher Sprache habe ich “Capri, you love” nicht wirklich verstanden. Aber es gab schöne Bilder von Capri.

Nach dem Film sind wir gemächlich zurück zum Hostel geschlendert und haben noch eine Weile den tangotanzenden Menschen an der “Plaza Fabini” zu geschaut. Auch hier wird also abends und nachts Tango getanzt. Nach diesen vielen Eindrücken und noch mehr Kilometern sind wir zufrieden ins Bett gefallen.

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