Zum ersten Mal seit Wochen haben wir uns den Wecker gestellt. Auf zwölf Uhr! Wir wollten ja noch die Wäsche abholen, bevor es nach Tigre ins Paraná-Delta geht. Gestern hatten wir uns bereits schlau gemacht, wie das mit dem Tren de la Costa funktioniert und waren sehr gespannt, ob sich dieser Umweg lohnen würde. Wir hatten uns vorgenommen, den Zug um 14:24 ab Retiro zu nehmen. Also nichts wie zur U-Bahn (Linea C) und zum großen Bahnhof.

Das Gedränge ist dort nachmittags gar nicht so schlimm, trotzdem haben wir unseren Zug um genau eine Minute verpasst. Das ist aber kein großes Problem, denn die Züge fahren ca. alle 20 Minuten. Man darf eben nicht vergessen, das Fahrkartenkaufen einzuplanen. An den Schaltern sind nämlich immer lange Schlangen. Automaten gibt es zwar auch, aber die schlucken nur die raren Münzen, hinter denen hier jeder her ist. Münzen, egal welchen Nennwerts, sind Mangelware und werden von allen gesammelt und gehortet. Sie sind besonders beim Bus- und Zugfahren wertvoll, wobei im Bus ohne Münzen gleich gar nichts geht. Aber selbst an Automaten muss man hier Geduld haben und anstehen. Kaum hatten wir uns in die Schlange am Fahrkartenschalter eingereiht, wurden wir auch schon um Wasser angebettelt, da wir eine große Wasserflasche in der Hand hatten. Der kleine, schmutzige Junge hatte extra eine Plastikflasche dabei zum Umfüllen. Er sagte immer wieder, das Wasser sei für seine kleine Schwester im Kinderwagen. So was kann einen ganz schön runterziehen. Um Wasser angebettelt zu werden ist ziemlich krass.
Tren de la Costa
Obwohl wir noch 15 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges hatten, sind wir gleich auf den Bahnsteig. Die Bahnsteige kann man hier nur mit gültigen Tickets betreten. Der Bahnhof ist eine typische Stahlkonstruktion aus dem 19. Jahrhundert und wirkt, als wäre er seit seiner Errichtung kaum verändert worden. Die Eisenbahnen in Argentinien stammen fast vollständig aus England. So wundert man sich wenig, dass an den reichlich verzierten, massiven Stahlträgern „Liverpool“ eingeprägt ist.

Der Bahnhof wirkt völlig überdimensioniert für die paar Züge, die wir gesehen haben. Um mit dem Tren de la Costa nach Tigre zu kommen, muss man von Retiro zunächst zum Bahnhof Bartolomé Mitre fahren. Dort steigt man nicht einfach nur um, sondern wechselt auch gleich noch in den gegenüberliegenden Bahnhof, Estación Maipú. Die beiden Bahnhöfe sind durch eine Überführung verbunden. Dort taucht man in eine völlig andere Welt. Man wird mit Musik empfangen, alles ist ruhig fast schon gediegen. Das schlägt sich auch im Ticketpreis nieder. Mit 12 Pesos pro Person bezahlt man ungefähr das 10-fache vom normalen Fahrpreis. Das können sich wahrscheinlich nur die gutverdienenden Argentinier leisten. Der Zug ist dafür dann auch sehr modern, klimatisiert und hat große Fenster.

Wer nun erwartet, dass der Zug direkt an der Küste entlang fährt, wird enttäuscht sein. Nur ein paar Mal hat man kurz Sicht auf den Rìo de la Plata. Ansonsten gibt es echt nicht viel zu sehen außer gepflegten Holzbahnhöfen, die sehr an das British Empire erinnern. Mit dem Tren de la Costa kommt man in Tigre am Bahnhof Delta an. Dieser liegt ca. 1 km vom anderen Bahnhof in Tigre entfernt. Wir sind der Meinung, die Fahrt mit dem Tren de la Costa lohnt sich nicht. Die Zeit, die man mit Warten und Umsteigen verbringt und für den ganzen Umweg benötigt, ist besser in den Flüsschen des Deltas investiert.
Paraná-Delta
Da es schon fast 16 Uhr war, war das touristische Angebot etwas ausgedünnt. Wir sind zuerst in die Touristeninformation gegangen und haben uns beraten lassen. Dort haben wir erfahren, dass man am besten zur Rama Negra oder nach Tres Bocas fährt. Dort kann man etwas Zeit verbringen, spazieren gehen und die Umgebung erkunden. Es gibt auch Restaurants und kleine Lädchen. Dorthin kommt man am besten mit einem der Holzboote, die man zuhauf durchs Delta kreuzen sieht. Die Colectivos des Deltas sozusagen.

Alternativ gibt es noch Ausflugs-Katamarane und Charterboote, von denen uns verschiedene Leute ausdrücklich abgeraten haben. Die Fahrkarten für die urigen Holzboote gibt es gleich im Nachbarraum der Touristeninformation. Wir hatten Glück, dass der Mann vom Fahrkartenschalter das Boot, das gerade los wollte, per Funk für uns aufhielt und so wurden wir noch mitgenommen. Wir saßen in einem fast leeren Transportboot und konnten uns die besten Plätze aussuchen. Was die Fahrt für uns besonders interessant machte, ist zu sehen, welche Bedeutung diese Boote für das tägliche Leben der Menschen im Delta haben. Fast an jedem Steg sieht man jemand etwas mitgeben, etwas in Empfang nehmen oder für ein paar Stationen mitfahren. Eine Frau gab für den Bootsführer Empanadas ab, eine andere ein frisch gewaschenes und gebügeltes Hemd. So verging die Zeit wie im Fluge und plötzlich hieß es, wir müssen aussteigen. Wir waren an der Rama Negra angekommen.
Rama Negra
Okay… und was machen wir hier nun? … und wie kommen wir hier wieder weg, wenn wir wollen? Überall standen Privathäuschen und es sah nicht so aus, als könne man hier großartig was unternehmen. Wir folgten einem Pfad am Wasser entlang in ein Seitenärmchen, tiefer ins Delta. Allmählich zog uns die Ruhe und Schönheit des Deltas in ihren Bann. Wir hörten die Grillen zirpen und begegneten freilaufenden Hühnern und Gänsen.

Vor einigen Häusern lagen Hunde, die nur beiläufig Notiz von uns nahmen. Wir folgten dem Pfad bis zu einem Almacen. In dieser Mischung aus Tante Emma Laden und Kiosko bediente uns eine ältere Dame. Wir setzten uns, tranken eine kühle Coke und beobachteten das Geschehen. Der nächste Kunde war ein alter Mann mit seinem noch älteren Hund. Ein tolles Paar. Außer diesem und den beiden kleinen Mädchen, die sich dort ein Eis holten, hatte die ältere Dame nicht viele Kunden. Wir gingen ein paar Meter weiter und fanden auch schon das einzige Restaurant am Platz.

Wir hatten viel erwartet aber nicht sowas. Das „Alpenhaus“ macht seinem Namen alle Ehre: Gartenzwerge in saftig grünen Wiesen, ein Rehkitz unter einer Palme und deutschsprachige Bedienung. Nur die Alpen fehlten. Dafür gab es einen schönen Pool. Zwei Deutsche – gefühlte Münchnerinnen – lagen unten am Steg und aalten sich laut unterhaltend in der Sonne. Wir nahmen auf der Terrasse Platz und bestellten auf deutsch einen Apfelstrudel mit Vanilleeis.


Während wir faul in der Sonne lenzten, legte das Versorgungsboot von „Juan & Juan“ an. Das ist so eine Art schwimmender Supermarkt, der im Delta Hausbesuche macht. Wir beobachteten eine Weile, was da so passierte, und mussten uns dann auch schon auf den Rückweg machen. Wieder war die Zeit wahnsinnig schnell vergangen und wir mussten unbedingt das letzte Boot nach Tigre kriegen, das ungefähr um halb acht fuhr. Ganz genau konnte uns das niemand sagen. Eine Übernachtung im Alpenhaus hätte sonst mit 450 Pesos zu Buche geschlagen, in einem eigenen Bungalow immerhin. Am Bootsanleger vertrieben wir uns die Zeit bis das Boot kam, kühlten unsere Füße und testeten wie viele Stufen unter Wasser man die Treppe des Anlegers noch hinabsteigen kann. Die Flüsschen im Delta scheinen uns allesamt nicht sehr tief zu sein, an vielen Stellen sah man die Leute im Wasser stehen. Das Abendlicht war wunderschön und alles strahlte sommerlich in warmen Farben. Die Rückfahrt genossen wir bei diesem Licht umso mehr.

Der Bootsführer sammelte weiter Fahrgäste links und rechts der Wasserstraße von den Stegen ein. Ein älterer Herr hatte es wohl besonders eilig. Unbeholfen versuchte er an Bord zu springen, als das Boot noch viel zu weit weg war. Gerade konnte man ihn noch sehen und schwupp war er weg. Wir hörten etwas ins Wasser plumpsen! Im ersten Augenblick fuhr uns der Schreck in die Glieder und wir ahnten was passiert war. Wie sich herausstellte war aber alles halb so schlimm und der Mann stieg nass wie ein Puddel und laut schimpfend die Treppe zum Steg hinauf. Wahrscheinlich ärgerte er sich über seine eigene Dummheit. Der Mann brabbelte, dass er so wohl nicht mehr in die Stadt kann und zog bedient von dannen. Der Bootsführer rief ihm noch hinterher, ob er warten solle, aber der mutige Springer winkte nur noch ab. Wir fanden die Szene urkomisch und mussten lachen. Der Kapitän fuhr weiter.

Als wir im Hafen anlegten war die Sonne schon fast untergegangen. Wir gingen noch eine Weile an der Promenade spazieren und sind dann zum Bahnhof Tigre aufgebrochen. Wir wollten den Direktzug nehmen, weil es einfach am schnellsten geht. Im runtergekülten Zug haben wir uns mal wieder den Arsch abgefroren und waren heil froh, als wir nach 50 Minuten im warmen Bahnhof Retiro ankamen. Die Subte hatte ihren Dienst für heute bereits eingestellt und so blieb uns nur der Colectivo. Wir mausern uns so langsam zu Colectivo-Spezialisten.
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