Poor Niagara!

Der Tag begann damit, dass wir vom Steward zum Frühstück geweckt wurden. Im Bus gab es außer dem Fahrer noch einen Steward, der sich um das Wohl der Fahrgäste kümmerte. Vergleichbar mit einem Flugzeug. Wir waren ausgeschlafen und gut erholt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so bequem in einem Bus gereist zu sein. Wir waren bereits in der Provinz Misiones und hatten die Provinzhauptstadt Posadas passiert. Vor uns lagen noch gut drei bis vier Stunden Fahrt. Die haben wir damit zugebracht, auf unserer Argentinienkarte nachzuvollziehen, wo wir gerade sind. Viel zu sehen gab es eigentlich nicht, aber für uns war alles ganz neu. Man konnte an der Natur erkennen, dass wir uns in einer anderen Klimazone befanden. Sehr auffallend war die feuchte, rote, lehmige Erde. Die Natur sah sehr frisch und vital aus. Es wechselten sich dichte Wälder mit Wiesen und Feldern ab. Der Einfluss des Menschen ist fast überall sichtbar. So sah man viele Aufforstungen mit Nadelbäumen, die so gar nicht ins Bild passten. Die wenigen Ortschaften an der Straße waren sehr klein und lang gezogen.

Routa 12 in der Provinz Misiones nach Puerto Iguazu in Argentinien

Kurz nach zwölf sind wir dann in Puerto Iguazú angekommen. Als wir aus dem Bus stiegen, war es, als ob wir in eine Waschküche traten: Unglaublich heiß, unglaublich feucht und unglaublich (sub)tropisch. Die Sonne brannte gnadenlos vom makellos blauen Himmel. Was für ein Klima! Unser erster Weg führte uns direkt in die Touristeninformation am Busterminal. Wir wollten nach einer Umgebungskarte fragen. Dort empfing uns eine junge, sehr hübsche Argentinierin, die uns einen Stadtplan gab und uns den Weg zum Hostel beschrieb. Ihr Spanisch war bezaubern: Langsam und klar, gut verständlich und kein bisschen genuschelt. Unser Hostel, das Puerto Canoas, war nicht schwer zu finden, denn Puerto Iguazú ist ein sehr kleiner Ort. Mit unserer Reservierung hatte alles bestens geklappt und wir freuten uns über unser riesiges Zimmer mit winzigem Bad. Waschbecken, daneben Klo und Bidet. Aber wo ist die versprochene Dusche? Der Blick nach oben offenbarte uns dann die Duschvorrichtung. Diese war in der Mitte des Raumes, fast direkt über dem Klo angebracht. Wie praktisch! So können wir uns beim Sch… schon mal die dreckigen Füße waschen. Einen Hahn für Warmwasser sucht man vergeblich. Den braucht man hier auch nicht, denn eine kalte Dusche ist bei den Temperaturen die reinste Wohltat. Nach der Körperpflege wollten wir sofort in den Parque Nacional Iguazú. Wir mussten unbedingt noch heute die Wasserfälle sehen. Deswegen haben wir das ganze ja auf uns genommen.

Abbruchkante des Wasserfalls "Salto Bossetti" im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Der Bus zum Nationalpark fährt zirka alle halbe Stunde. Überall auf dem Busterminal wird versucht, die Bustickets an den Mann oder die Frau zu bringen. Es bringt aber weder Vor- noch Nachteile, die Karten vorzukaufen. Man kann die 5 Peso auch direkt beim Fahrer löhnen. Wir mussten ca. 20 Minuten auf den nächsten Bus warten und fuhren dann noch mal ungefähr eine halbe Stunde, so dass wir erst um drei Uhr im Park ankamen. Dass der so weit weg von der Stadt ist, hätten wir nicht gedacht. Der Eintritt beträgt 60 ARS (ca. 13 EUR) pro Person. Es gibt allerhand Ermäßigungen, keine wollte jedoch so recht auf uns zutreffen. Der Preis ist aber auch ziemlich fair. Eigentlich war uns nach Baden, dafür war es aber schon zu spät. Das Boot zur Isla San Martín, auf der es die einzige Badestelle im Nationalpark gibt, legt um halb vier zum letzten Mal ab. Also entschieden wir uns für die Garganta del Diablo, den Schlund des Teufels. Der Park auf der argentinischen Seite der Iguazú-Fälle bietet viele verschiedene Wanderpfade, die die 2,7 km breiten Fälle erschließen.

Besuchersteg an der Garganta del Diablo im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Zur Garganta del Diablo, der Hauptattraktion des Parks, führt extra eine kleine Schmalspurbahn wie in einem Freizeitpark. Die letzten paar hundert Meter legt man auf Stegen zurück, die über die reißenden Fluten des Río Iguazú führen. Ich weiß nicht, wie viele Stege wir passierten. Nach jedem dachte ich, wir sind gleich da, aber es dauerte nochmal mindestens 25 Minuten bis wir am Schlund waren. Und zwar direkt am Schlund. Näher geht nicht. Ein atemberaubender Anblick und ein unbeschreibliches Gefühl! Mit tosendem Gebrüll stürzt das Wasser lebensmüde in den hufeisenförmigen Schlund. Weit über ihn steigt die Gischt empor und schwebt mächtig über der Garganta. Einfach gigantisch oder um es mit den Worten von Eleanor Roosevelt zu sagen: „Poor Niagara!“

Abgrund Garganta del Diablo im Iguazu nationalpark in Argentinien

Wie tief das Wasser hier genau nach unten stützt, kann man nicht mal erahnen, da einem der Nebel die Sicht nimmt. Die Sonne untermalt dieses paradiesische Szenario mit einem wunderschönen Regenbogen. Wir waren sehr lange an diesem Schlund und konnten uns kaum satt sehen. Hin und wieder wehte der Wind die Gischt über die Aussichtsplattform. Das war unheimlich erfrischend, denn noch immer schien die Sonne gnadenlos vom Himmel. Irgendwann haben wir uns losgerissen, um noch mehr vom Park zu erleben. Der schließt nämlich um 18:30 Uhr.

Abgrund Garganta del Diablo im Iguazu nationalpark in Argentinien

Mit dem Zug fuhren wir zurück zur Mittelstation „Cataratas“, von der verschiedene Wanderpfade los gehen. Auf jedes Bänkchen der Schmalspurbahn sollten vier Personen passen, im Idealfall. Blöd nur, dass die Ausmaße so mancher Parkbesucher nicht zu den kleinen Bänken passen wollten. So saßen wir eingezwängt in der schweißtriefenden Masse. Wann kommt endlich die Fettsteuer! Die Wanderpfade, die an der Station Cataratas beginnen, haben verschiedene Schwierigkeitsgrade und dauern unterschiedlich lang. Wir entscheiden uns wegen der fortgeschrittenen Zeit für den kürzesten, den Paseo Superior. Dieser führt entlang der oberen Abbruchkante des Basaltplateaus, von dem der Río Iguazú in die Tiefe stürzt.

Blick auf die Isla San Martín im Iguazu Nationalpark Argentinien

Hier kommt man zu den Wasserfällen, die nicht direkt zu Garganta gehören. Insgesamt gibt es mehr als 270 Fälle, die mehr oder weniger spektakulär und teilweise kaskadenartig herabstürzen. Manche der Fälle haben einen eigenen Namen, wie die Dos Hermanas, der Salto Adán und der Salto Eva. Auch hier muss man immer wieder stehen bleiben und staunend die Schönheit auf sich wirken lassen. Man fühlt sich wie im Paradies. Eine Sicht scheint schöner als die vorherige.

Wasserfall Salto Bossetti im Parque Nacional Iguazú in der Provinz Misiones in Argentinien

Panorama Iguazú Wasserfälle mit Salto Bossetti im Vordergrund im Nationalpark in Argentinien

So langsam wurde es dann auch Zeit, den Park wieder zu verlassen. Zum Ein- und Ausgang des Parks mussten wir schon wieder mit der Kinderbahn fahren. Der Fußweg, der vermutlich viel schneller gegangen wäre, war schon geschlossen. Hiermit will man sicherstellen, dass niemand man im Park zurück bleibt, denn das wäre nicht ganz ungefährlich. Hier gibt es nämlich viele wilde und vor allem nachtaktive Tiere.

Krokodil im Iguazú Nationalpark in der Provinz Misiones in Argentinien

Der letzte Bus in Richtung Stadt sollte angeblich gegen 19:15 Uhr abfahren. Allmählich hatten wir Zweifel, dass wir den noch schaffen würden. Es war inzwischen 19:10 Uhr und wir waren immer noch am Bahnhof und warteten, dass es endlich los ging. Als wir schließlich am Ausgang ankamen, war es schon nach halb acht. Jetzt war eh alles egal, so haben wir noch ganz in Ruhe unsere Eintrittskarten stempeln lassen, um morgen in den Genuss des um 50% ermäßigten Eintritts zu kommen, und sind auf den Parkvorplatz gegangen. Dort wartete dann doch noch ein Bus, der uns zurück nach Puerto Iguazú brachte. Der Bus fuhr bei geöffneten Fenstern mit einem Affenzahn dem Feierabend entgegen. Der warme Fahrtwind tat uns richtig gut. Eine bessere Abkühlung hätten wir uns in dem Moment nicht vorstellen können. Falls wir es noch nicht erwähnt haben: Es ist enorm heiß hier!

Aussichtsplattform unterhalb des Salto Ramirez im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

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Eine Antwort zu “Poor Niagara!

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