Ländergrenzen und andere Konzepte von gestern

Unsere Hoffnung hat sich erfüllt und ein neuer heißer und subtropischer Tag wartete auf uns. Die Klimaanlage hatten wir die letzte Nacht gar nicht erst an gemacht, da es ausreichend kühl zum Schlafen im Zimmer war. Doch heute Morgen, als wir erwachten, war es bereits so stickig, dass wir in unserem eigenen Schweiß lagen. Nach der kalten Dusche haben wir das Frühstück im Hostel ausprobiert. Normalerweise ist das Frühstück in Hostels nicht zu gebrauchen, aber dieses war unerwartet gut. Es gab einen großen Brotkorb voll mit kleinen Brötchen und diversen Facturas (Schweineöhrchen, Blätterteigbatzen, Medialunas etc.). Dazu gab es Kaffee, Butter und Marmelade bzw. Dulce de Leche. Wegen des herrlichen Wetters haben wir unseren Aufenthalt im Hostel für eine Nacht verlängert, um unseren ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen. Wir wollten in den Iguaçu-Nationalpark, diesmal in den auf der brasilianischen Seite. Pedro vom Empfang des Hostels empfahl uns, ein Taxi dorthin zu nehmen, weil es dann mit der Einreise schneller gehen würde und wir so mehr Zeit für den Park hätten.

Aussichtsplattform mit Blick auf den Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Grenzerfahrung

Wir sind also erstmal zum Busterminal und haben uns nach einem Taxi erkundigt. Dieses sollte 80 Peso kosten, und wer weiß was da noch so alles hinzu kommt, wenn man erstmal im Taxi sitzt. Eine natürliche Skepsis beim Taxifahren in Lateinamerika ist ratsam! Die Idee mit dem Taxi nach Brasilien zu fahren, war uns von Anfang an unsympathisch. Den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen ist einfach viel näher dran am Alltag und den Menschen. Also haben wir beschlossen, es ohne Taxi zu versuchen. Da gibt’s wesentlich mehr zu erleben. Der Linienbus nach Foz do Iguaçu stand dann auch schon zur Abfahrt bereit. Wir mussten nur noch einsteigen und 3 Peso pro Person bezahlen. Die Grenze lag gleich am Stadtrand, viel näher als ich erwartet hatte. Dort mussten erstmal alle aussteigen und die Ausreiseformalitäten durchlaufen. Nachdem alle ihren argentinischen Ausreisestempel im Dokument hatten, ging es mit demselben Bus über die Brücke über den Río Iguazú zur brasilianischen Grenzstation.

Salto Rivadavia und Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Dort hieß es dann wieder aussteigen, um diesmal die Einreisestempel für Brasilien zu bekommen. Dabei gab es keinerlei Schwierigkeiten. Nervig ist die ganze Prozedur trotzdem, u.a. weil der Bus weiterfährt und man auf den nächsten warten muss. Grenzen sind schon ein absurdes Konstrukt, an denen Menschen zu Ausländern gemacht werden. Auf den Bus zur Weiterfahrt mussten wir nicht lange warten, höchstens 10 min, und unser Ticket war weiter gültig. Gleich an der nächsten Haltestelle nach der Grenze sind wir wieder ausgestiegen, um auf der anderen Straßenseite mit einem anderen Bus in Richtung Aeroporto / Parque Nacional do Iguaçú zu fahren. So erspart man sich den Weg in die Stadt und hierher zurück. Nach genau einer Stunde und 20 Minuten kamen wir im brasilianischen Nationalpark an. Die Einreise mit dem Bus verlief total easy und unkompliziert. Ein Taxi hätte uns höchstens 20 Minuten erspart. Diese Ersparnis steht allerdings in keinem Verhältnis zu dem Erlebnis der Busfahrt und den gewonnenen Erkenntnissen über die öffentlichen Verkehrsmittel im Grenzgebiet.

Busfahren auf Brasilianisch nach Foz do Iguaçu in Brasilien

Benvindo, Bienvenido und Willkommen

Das Parkgelände macht einen viel moderneren und großzügigeren Eindruck als auf der argentinischen Seite. Der Eintritt ist billiger und man kann die 21,15 Reais (knapp 7 EUR) mit EC-Karte bezahlen. Am Einlass wurden wir überraschenderweise mit „Hallo“ und „Viel Spaß“ begrüßt. Auf den Karten war nämlich vermerkt, das wir Deutsche sind. Die Fortbewegung im Park erfolgt ausschließlich mit Bussen. Die Entfernungen sind deutlich größer als die im argentinischen Nationalpark. Zu Fuß kann man gar nichts erreichen. Als erstes wollten wir natürlich die Fälle sehen und sind bis zur vorletzten Haltestelle gefahren. Hier beginnt der Wanderweg, der einen mit Dauerpanoramen auf die Wasserfälle verwöhnt.

Blick aus Brasilien in die Garganta del Diablo im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Am Beginn des Wanderpfads begegnete uns auch gleich ein Nasenbär. Diese Tiere sehen total putzig aus, trotzdem ist Vorsicht geboten. Nasenbären können ganz schön aggressiv werden, wenn sie sich bedrängt fühlen. Dass man sie nicht füttern soll, versteht sich ja von selbst. Nach nur wenigen Metern bietet sich dann auch schon der erste Panoramablick auf die Fälle. Hier bleibt einem zum ersten Mal die Spucke weg! Egal wie nah man den Fällen in Argentinien kommt, ihre schiere Größe kann man nur von dieser Seite erahnen. Wie es halt so ist: Der mit dem schönsten Haus sieht am wenigsten davon. So auch hier: Argentinien hat zwar den größeren Teil der Fälle auf seinem Territorium, aber die spektakulärsten Sichten hat man von Brasilien aus. Es ist also unbedingt empfehlenswert, sich beide Seiten anzusehen. Da es wiedermal sehr heiß war, klebten nach kurzer Zeit die Klamotten am Körper. Hut ab vor den Leuten, die hier in langen Jeans rumrennen! Der Wanderpfad führt einen immer dichter und dichter an die Wasserfälle und eröffnet einen spektakulären Blick nach dem anderen. Den Höhepunkt bildet ein Besuchersteg, der auf halber Höhe an den Eingang der Garganta del Diablo führt. Auf allen Seiten tost das Wasser und fällt in die Tiefe. Die Gischt kann man hier von unten sehen, wird von ihr eingehüllt und nass gemacht.

Gischt zum Duschen am Steg oberhalb des Wasserfalls Santa Maria mit Blick in die Garganta del Diablo im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Erfrischende Gischt am Steg zur Garganta del Diablo im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Ich kann absolut nachvollziehen, wie sich die Guaraní, die Ureinwohner, die Entstehung der Wasserfälle erklärt haben: Einer ihrer Krieger, Caroba, war in die Frau eines Waldgottes verliebt. Die junge Naipur erwiderte diese Liebe und eines Tages beschlossen die beiden, flussabwärts mit einem Kanu zu fliehen. Der Waldgott bemerkte die Flucht jedoch und wollte sie aufhalten. Mit göttlicher Kraft senkte er das Flussbett ab. Die Fluten schlugen über Naipur zusammen und sie kam ums Leben. Als Fels steht sie nun für ewig am Fuße der Wasserfälle. Caroba hatte auch kein Glück. Er wurde in einen Baum verwandelt und musste fortan auf die zu Fels gewordene Geliebte schauen.

Salto Lanusse im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Nass und erfrischt zurück vom Steg haben wir am Ende des Pfades den Fahrstuhl auf die obere Besucherplattform genommen. Auch hier bieten sich wieder neue Aussichten auf das großartige Naturschauspiel und es fällt schwer, sich davon zu lösen. Wir wollten aber noch den Dschungel sehen und sind zu einer der anderen Haltepunkte an der Parkstraße aufgebrochen. Von dort geht der „Poço Preto“-Trail los. Diese ca. 4 stündige Wanderung führt einen durch den Dschungel direkt an das Ufer des Río Iguazú, von wo es mit einem Boot weiter flussabwärts geht. An einer anderen Stelle kommt man dann wieder an Land und zurück zur Straße. Ein Dschungel-Parcours sozusagen. Das klang sehr vielversprechend.

Steg an den Schlund des Teufels im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Besucherplattform_am_Salto Floriano im Parque do Iguaçu in Brasilien

Als wir jedoch gegen 16 Uhr dort ankamen, war der Trail bereits geschlossen. Leider sind diese wichtigen Informationen über Schließ- und Öffnungszeiten der verschieden Attraktionen nur schwer zugänglich. Auf der Karte, die wir am Eingang erhalten haben, stand jedenfalls nichts davon. Es blieb uns noch die Möglichkeit, wieder eine Busstation zurück zu fahren und unser Glück an einem anderen Trail zu versuchen. Dort angekommen, hätten wir auch noch an einer Tour teilnehmen können. Ob sich das lohnen würde, blieb jedoch völlig unklar. Die meiste Zeit würde man eingepfercht in einem Elektrowagen durch den Dschungel chauffiert. Bis auf einen ca. 600m kurzen geführten Fußmarsch und eine Bootsfahrt an die Wasserfälle versprach der Trail wenig Abenteuer und Entdeckungen. Es roch nach einer klassischen Touristenfalle. Wir hatten kein großes Interesse an dieser Ausfahrt und wollten die knapp 100 Euro pro Person lieber für etwas ausgeben, was uns mehr Spaß machen würde. So langsam erklärt sich auch der günstige Eintritt. Für jeden Trail und für jede Attraktion wird man auf brasilianischer Seite kräftig zur Kasse gebeten. Der einzig kostenfreie Wanderpfad, war der an die Garganta. Eigentlich schade, dass die Natur unter dem Vorwand des Naturschutzes so kommerzialisiert wird. Auf der argentinischen Seite ist das besser und man kann mehr von der Natur erleben ohne weitere Kosten. Wir beschlossen, den Park zu verlassen und stattdessen noch Foz do Iguaçu anzuschauen.

Salto Rivadavia und Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Stippvisite in Foz do Iguaçu

Die Fahrt in die Stadt dauerte recht lange, aber so hatten wir genügend Muse, die an uns vorbeiziehenden Örtlichkeiten zu studieren. Brasilien ist schon anders als Argentinien oder Uruguay. Nicht nur durch die Sprache. Auf dem Weg zum Busterminal haben wir z.B. etliche Biergärten gesehen, die haargenau einem deutschen Biergarten entsprachen. Die nannten sich sogar „Biergarten“. Die Fahrt bis zur Endstation am Busterminal hätten wir uns eigentlich sparen können, denn dort gibt es nichts zu sehen. Man steigt besser früher aus, dort wo die Biergärten sind. So liefen wir also die halbe Busstrecke wieder zurück. Foz do Iguazçu scheint über eine ziemlich große arabische Minderheit zu verfügen. Überall gab es Schawarma und Döner. Wie man das bei der Hitze essen kann, bleibt eines von vielen brasilianischen Geheimnissen.

Salto Floriano an der Garganta del Diablo im Parque do Iguaçu in Brasilien

In einer Farmacia haben wir uns Apres Sun Lotion besorgt, um unsere verbrannten Arme einzucremen. Irgendwann an der Straße, in der Nähe des Rathauses, fanden wir auch eine Touristeninformation, bei der wir uns über die touristischen Attraktionen von Foz do Iguaçu erkundigen wollten. Neben fließend Spanisch wurde hier auch gutes Englisch gesprochen. Die Wahrscheinlichkeit, auf jemanden zu treffen, der Englisch spricht, ist in Brasilien sehr hoch. Das kann man nicht genug hervorheben. Vielleicht liegt das daran, dass die Landessprache Portugiesisch nicht sehr verbreitet ist. Bemerkenswert war, dass die Dame frei heraus meinte, dass es hier eigentlich nichts zu sehen gäbe. Eventuell wäre der große Paraná-Staudamm von Interesse, der insbesondere bei Dunkelheit sehenswert sei. Dann machte sie uns auf ein kleines Problem aufmerksam, nämlich, dass der letzte Bus nach Argentinien in ca. 5 Minuten, kurz vor 19 Uhr, von der Bushaltestelle gegenüber der Touristeninformation abfahren würde. Später kommt man dann nur noch mit einem Taxi rüber. Damit war unser brasilianisches Abenteuer auch schon fast zu Ende.

Stadtansicht mit Bus von Foz do Iguaçu in Brasilien

So weit die Füsse tragen…

Nur Augenblicke später saßen wir im Bus zur Grenze. Auf der Fahrt fiel uns noch eine große Werbetafel für eine Wäscherei auf. An dieser hing tatsächlich richtige Wäsche und flatterte fröhlich im Wind. Das nenn‘ ich mal plastische Werbung! An dem brasilianischen Grenzposten hätte der Busfahrer wohl erst gar nicht angehalten, hätten wir ihn nicht laut rufend dazu aufgefordert. Wir wollten die Ein- und Ausreiseregularien dieser Staaten aber lieber nicht missachten. Ein fehlender Ausreisestempel kann bei einem späteren Einreiseversuch leicht als Überziehung des 90-Tage-Visums interpretiert werden. Wir haben auch davon gehört, dass Touristen in Paraguay mit empfindlichen Strafen rechnen müssen, wenn sie ohne argentinischen Ausreisestempel im Pass angetroffen werden. Das gleiche ist für die beiden anderen Länder auch anzunehmen. Also sind wir raus aus dem Bus und rein in den Grenzposten. Anders als bei der Einreise wartete dieser Bus jedoch nicht bis wir fertig waren, und so standen wir an der Grenzstation in dem Bewusstsein, dass uns wohl gerade der letzte Bus weggefahren ist. Wir überlegten, ob wir ein vorbeifahrendes Taxi anhalten, trampen oder einfach die paar hundert Meter zur argentinischen Seite zu Fuß gehen sollten. Wir entschieden uns für das letztere und machten uns auf den Weg. Es dauerte nur wenige Minuten und uns wurde klar, dass wir den Weg total unterschätzt hatten. Nach jeder Biegung hofften wir endlich an die Brücke zu kommen, aber diese kam und kam nicht. Da wir keine andere Wahl hatten gingen wir immer weiter und hofften noch bei Tageslicht anzukommen. Die Vorstellung, im Dunkeln zwischen zwei Staaten umherzuirren, war nicht sehr verlockend. Da kam sie endlich!

Internationale Grenze zwischen Argentinien und Brasilien

Gleich nach der Brücke ist auch schon der argentinische Grenzposten mit dem angeblich besten Duty-free Supermarkt des Kontinents. Uns trieb der Durst in diesen Shopping-Schuppen. Aber außer überteuerten Klamotten, Sonnenbrillen, Parfüm, legalen Drogen aller Art und Bausets für Bahlsen-Lebkuchenhäuser, gab es nichts zu kaufen. Nicht mal Wasser! Wer fällt eigentlich heute noch auf Duty-free Shops rein? Nach dieser Enttäuschung erledigten wir schleunigst die Grenzformalitäten und stellten erfreut fest, dass das Glück uns wieder treu war: Wir waren gerade rechtzeitig gekommen, um von einem Bus, der nach Puerto Iguazú fuhr, mitgenommen zu werden. Was lernen wir daraus? Der letzte Bus ist nie der letzte Bus! Einen halben Tag und vier neue Stempel im Pass später waren wir wieder zurück, glücklich und zufrieden und um viele Eindrücke reicher.

Río Iguazú als natürliche Grenze zwischen Argentinien und Brasilien bei Foz do Iguaçu

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