Durch den Monsun

Ein heftiges Gewitter riss uns in den frühen Morgenstunden aus den Träumen. Es blitzte und donnerte. Der Regen war so stark, dass er auf dem Flachdach unseres Zimmers einen höllischen Lärm machte. Da wir so etwas in der Form noch nicht erlebt hatten, beschlossen wir trotz der Müdigkeit, uns den Wolkenbruch draußen anzusehen. Es muss noch sehr früh am Morgen gewesen sein, denn es war noch nicht ganz hell. Die Regentropfen waren so groß wie kleine Elefanten. Das Wasser wurde von der Kanalisation nicht mehr aufgenommen und schoss in wahren Sturzbächen die abschüssigen Straßen von Puerto Iguazú herunter. Es hatte sich auch merklich abgekühlt, aber kalt war es deswegen trotzdem nicht. Da wir noch sehr müde waren, konnte uns das Schauspiel nicht lange fesseln, und wir legten uns wieder hin und schliefen trotz des Trommelkonzerts auf dem Dach wieder ein. Irgendwie hatte der monsunartige Regen auch was Beruhigendes, Monotones.

Früüühstück…

Gegen 11 Uhr sind wir dann aus unserem Koma erwacht und mussten feststellen, dass der Regen kaum nachgelassen hatte. Trotzdem musste einer von uns nach draußen, um Frühstück zu besorgen. Der Regen ließ zwar manchmal ein wenig nach, aber nur, um dann kurz darauf umso stärker wieder loszulegen. So kam die Suche nach etwas Essbarem einem Vollbad gleich. Die zwei heißen Kaffees und diversen Facturas (Süße Teilchen) überlebten den Transport aber schadlos. Der Regen war genau so, wie man ihn sich im Dschungel vorstellt: Warm und heftig. Man könnte mit Shampoo und Seife bewaffnet auf die Straße gehen und duschen.

Wetterkarte der Unwettersituation in der Region Misiones in Argentinien

Plan B

Bis zum frühen Nachmittag hatten wir noch gehofft, dass es aufhören würde. Als es gegen 14 Uhr immer noch aus Eimern schüttete, gaben wir unsere Pläne, in den Nationalpark zu fahren, für heute endgültig auf. Wir haben uns daraufhin verschiedene Wetterprognosen im Internet angeschaut. Alle waren gleich entmutigend: Dauerregen für die nächsten Tage! Der Typ an der Rezeption des Hostels meinte allerdings, dass man sich hier auf die Prognosen nicht verlassen kann. Er sagte, dass bereits für die letzten fünf Tage Dauerregen vorhergesagt war, aber es erst heute anfing zu regnen. Zum Teufel mit den ganzen Prognosen, aber einen Plan B brauchen wir trotzdem! Falls es weiter so regnen sollte, würden unsere Iguazú-Pläne buchstäblich ins Wasser fallen. Also haben wir uns mit möglichen Alternativen beschäftigt. Zurück nach Buenos Aires zu fahren war keine Option. Bariloche war von hier einfach viel zu weit entfernt, denn dorthin wären wir zwei volle Tage im Bus unterwegs. Asunción, die Hauptstadt von Paraguay, wäre zwar leicht zu erreichen, aber die Wettervorhersage war genau die gleiche wie die für Puerto Iguazú. Was ist mit Brasilien? Schließlich befinden wir uns hier in einem Dreiländereck. São Paulo liegt in Reichweite und Interesse an der Megacity hatten wir beide. Im Internet hatten wir drei Busunternehmen und eine Fahrzeit von 14 Stunden recherchiert. Das ist absolut machbar. Und auf dem Rückweg würden wir dann hier nochmal unser Glück versuchen. Klingt gut!

Es war inzwischen schon 19 Uhr und hatte aufgehört zu regnen. Also haben wir uns am Busterminal um Tickets bemüht. Vom Busterminal in Puerto Iguazú fährt allerdings nur eine einzige Gesellschaft nach São Paulo, nämlich Crucero del Norte. Die anderen beiden Gesellschaften Pluma und Expresso Kaiowa fahren auf der brasilianischen Seite in Foz do Iguaçu ab. Bei Crucero del Norte gab es noch zwei Plätze, die jedoch im Bus verstreut lagen. Nachteil zwei war, dass wir zu einer unmöglichen Zeit in São Paulo ankommen würden, nämlich um 6 Uhr morgens. Nachteil drei, wir hätten alles in cash bezahlen müssen. Hier läuft alles über Bargeld! Das Hostel war schließlich auch noch nicht bezahlt und auch die wollen efectivo. Selbst im Nationalpark ist nur Bares Wahres. Wir haben zwar mittlerweise rausbekommen, das wir mehrfach pro Tag 300 Peso abheben können. Pro Transaktion sind dann aber gut 5 Euro fällig. Das größere Problem ist jedoch, dass man dann mit soviel Bargeld rumrennt. Die zweite Gesellschaft, Pluma, fährt zwar von der brasilianischen Seite, hatte aber wenigstens ein Verkaufsbüro in Puerto Iguazú, so dass wir für die simple Buchung nicht gleich nach Brasilien einreisen müssen. Die Tickets konnte man hier sogar mit Karte bezahlen. Pluma hatte aber für Sonntag auch nur noch Plätze mit einer sehr frühen Ankunft. Der Bus, der um 10 Uhr ankommt, hatte erst ab Montag wieder freie Plätze. Hinzu kam, dass wir dafür einen Termin am Donnerstag in Buenos Aires hätten verschieben müssen. Die ganze Aktion würde sich sonst nicht lohnen. Für eine simple Ticketanfrage bei Kaiowa hätten wir uns eine ca. 1,5-2 stündige Einreiseprozedur nach Brasilien aufgehalst. Da uns das alles zu umständlich erschien, haben wir die São Paulo Pläne wieder aufgegeben. So haben wir kurzerhand beschlossen, morgen nach Rosario zu fahren, sollte das schlechte Wetter anhalten. Dorthin gibt es täglich genügend Busse und Plätze.

Hafen von Puerto Iguazú in Argentinien

Dreiländereck

Da wir heute nicht mehr soviel anstellen konnten, blieb nur noch übrig, das Örtchen Puerto Iguazú zu entdecken. Als erstes sind wir zum Puerto, dem Hafen. Dort ist nicht viel los, eigentlich ist der Begriff Hafen schon zu hochgegriffen. Es ist nicht viel mehr als eine Anlagestelle, allerdings mit regelmäßiger Fährverbindung nach Foz do Iguaçu und Ciudad del Este. Der Hafen liegt deutlich unterhalb der Stadt. Auf den Straßen dorthin strömte noch immer das Wasser in Bächen in den Río Iguazú.

Blick auf den Río Iguazú vom Hafen in Puerto Iguazú in Argentinien

Plötzlich füllte sich eine Art Aussichtsplattform etwas oberhalb des Anlegers und aus allen Richtungen kamen Menschen. Dies ist wohl der Platz, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Wir sind aber weiter zum Dreiländereck, dem „Hito Tres Fronteras“ gelaufen. Hier begegnen sich, getrennt durch die Flüsse Iguazú und Paraná, die drei Länder Argentinien, Paraguay und Brasilien. Eine Art Obelisk in weiß und blau symbolisiert den Grenzstein auf argentinischer Seite. Als wir ankamen, war es schon dunkel und wir konnten die Lichter der drei Grenzstädte sehen. Richtige Städte sind eigentlich nur das brasilianische Foz do Iguaçu und Ciudad del Este, die am schnellsten wachsende Stadt Paraguays. Puerto Iguazú ist nicht mehr als ein größeres Dorf, aber gar nicht unsympathisch. Dort haben wir etwas mit Nachtaufnahmen experimentiert und über Belichtungszeiten gesprochen.

Blick auf Ciudad del Este in Paraguay und rechts daneben Foz do Iguaçu in Brasilien vom Hito Tres Fronteras in Puerto Iguazú in Argentinien

Eine Argentinierin aus BsAs hat das Treiben mitbekommen und uns in makellosem Deutsch angesprochen. Wir haben uns noch ein wenig mit ihr unterhalten, bis wir schließlich weitergezogen sind. Auf dem Weg zurück in die Stadt haben wir an einem Kiosk ein paar schöne Postkarten gekauft. Der Kioskbetreiber teilte uns bei der Gelegenheit gleich noch mit, dass Schalke 04 momentan auf dem 7. Tabellenplatz rangiert. Da war er offenbar besser informiert als wir. Zurück im Hostel haben wir uns nach Restaurants mit bargeldloser Zahlung erkundigt. Die beiden Typen vom Empfang übertrafen sich gegenseitig mit ihren Empfehlungen. Sehr gut gegessen haben wir letztlich in dem italienischen Restaurant „Il Fratello„.

In der Hoffnung, dass morgen die Sonne wieder scheint sind wir danach ins Bett gefallen.

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Poor Niagara!

Der Tag begann damit, dass wir vom Steward zum Frühstück geweckt wurden. Im Bus gab es außer dem Fahrer noch einen Steward, der sich um das Wohl der Fahrgäste kümmerte. Vergleichbar mit einem Flugzeug. Wir waren ausgeschlafen und gut erholt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so bequem in einem Bus gereist zu sein. Wir waren bereits in der Provinz Misiones und hatten die Provinzhauptstadt Posadas passiert. Vor uns lagen noch gut drei bis vier Stunden Fahrt. Die haben wir damit zugebracht, auf unserer Argentinienkarte nachzuvollziehen, wo wir gerade sind. Viel zu sehen gab es eigentlich nicht, aber für uns war alles ganz neu. Man konnte an der Natur erkennen, dass wir uns in einer anderen Klimazone befanden. Sehr auffallend war die feuchte, rote, lehmige Erde. Die Natur sah sehr frisch und vital aus. Es wechselten sich dichte Wälder mit Wiesen und Feldern ab. Der Einfluss des Menschen ist fast überall sichtbar. So sah man viele Aufforstungen mit Nadelbäumen, die so gar nicht ins Bild passten. Die wenigen Ortschaften an der Straße waren sehr klein und lang gezogen.

Routa 12 in der Provinz Misiones nach Puerto Iguazu in Argentinien

Kurz nach zwölf sind wir dann in Puerto Iguazú angekommen. Als wir aus dem Bus stiegen, war es, als ob wir in eine Waschküche traten: Unglaublich heiß, unglaublich feucht und unglaublich (sub)tropisch. Die Sonne brannte gnadenlos vom makellos blauen Himmel. Was für ein Klima! Unser erster Weg führte uns direkt in die Touristeninformation am Busterminal. Wir wollten nach einer Umgebungskarte fragen. Dort empfing uns eine junge, sehr hübsche Argentinierin, die uns einen Stadtplan gab und uns den Weg zum Hostel beschrieb. Ihr Spanisch war bezaubern: Langsam und klar, gut verständlich und kein bisschen genuschelt. Unser Hostel, das Puerto Canoas, war nicht schwer zu finden, denn Puerto Iguazú ist ein sehr kleiner Ort. Mit unserer Reservierung hatte alles bestens geklappt und wir freuten uns über unser riesiges Zimmer mit winzigem Bad. Waschbecken, daneben Klo und Bidet. Aber wo ist die versprochene Dusche? Der Blick nach oben offenbarte uns dann die Duschvorrichtung. Diese war in der Mitte des Raumes, fast direkt über dem Klo angebracht. Wie praktisch! So können wir uns beim Sch… schon mal die dreckigen Füße waschen. Einen Hahn für Warmwasser sucht man vergeblich. Den braucht man hier auch nicht, denn eine kalte Dusche ist bei den Temperaturen die reinste Wohltat. Nach der Körperpflege wollten wir sofort in den Parque Nacional Iguazú. Wir mussten unbedingt noch heute die Wasserfälle sehen. Deswegen haben wir das ganze ja auf uns genommen.

Abbruchkante des Wasserfalls "Salto Bossetti" im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Der Bus zum Nationalpark fährt zirka alle halbe Stunde. Überall auf dem Busterminal wird versucht, die Bustickets an den Mann oder die Frau zu bringen. Es bringt aber weder Vor- noch Nachteile, die Karten vorzukaufen. Man kann die 5 Peso auch direkt beim Fahrer löhnen. Wir mussten ca. 20 Minuten auf den nächsten Bus warten und fuhren dann noch mal ungefähr eine halbe Stunde, so dass wir erst um drei Uhr im Park ankamen. Dass der so weit weg von der Stadt ist, hätten wir nicht gedacht. Der Eintritt beträgt 60 ARS (ca. 13 EUR) pro Person. Es gibt allerhand Ermäßigungen, keine wollte jedoch so recht auf uns zutreffen. Der Preis ist aber auch ziemlich fair. Eigentlich war uns nach Baden, dafür war es aber schon zu spät. Das Boot zur Isla San Martín, auf der es die einzige Badestelle im Nationalpark gibt, legt um halb vier zum letzten Mal ab. Also entschieden wir uns für die Garganta del Diablo, den Schlund des Teufels. Der Park auf der argentinischen Seite der Iguazú-Fälle bietet viele verschiedene Wanderpfade, die die 2,7 km breiten Fälle erschließen.

Besuchersteg an der Garganta del Diablo im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Zur Garganta del Diablo, der Hauptattraktion des Parks, führt extra eine kleine Schmalspurbahn wie in einem Freizeitpark. Die letzten paar hundert Meter legt man auf Stegen zurück, die über die reißenden Fluten des Río Iguazú führen. Ich weiß nicht, wie viele Stege wir passierten. Nach jedem dachte ich, wir sind gleich da, aber es dauerte nochmal mindestens 25 Minuten bis wir am Schlund waren. Und zwar direkt am Schlund. Näher geht nicht. Ein atemberaubender Anblick und ein unbeschreibliches Gefühl! Mit tosendem Gebrüll stürzt das Wasser lebensmüde in den hufeisenförmigen Schlund. Weit über ihn steigt die Gischt empor und schwebt mächtig über der Garganta. Einfach gigantisch oder um es mit den Worten von Eleanor Roosevelt zu sagen: „Poor Niagara!“

Abgrund Garganta del Diablo im Iguazu nationalpark in Argentinien

Wie tief das Wasser hier genau nach unten stützt, kann man nicht mal erahnen, da einem der Nebel die Sicht nimmt. Die Sonne untermalt dieses paradiesische Szenario mit einem wunderschönen Regenbogen. Wir waren sehr lange an diesem Schlund und konnten uns kaum satt sehen. Hin und wieder wehte der Wind die Gischt über die Aussichtsplattform. Das war unheimlich erfrischend, denn noch immer schien die Sonne gnadenlos vom Himmel. Irgendwann haben wir uns losgerissen, um noch mehr vom Park zu erleben. Der schließt nämlich um 18:30 Uhr.

Abgrund Garganta del Diablo im Iguazu nationalpark in Argentinien

Mit dem Zug fuhren wir zurück zur Mittelstation „Cataratas“, von der verschiedene Wanderpfade los gehen. Auf jedes Bänkchen der Schmalspurbahn sollten vier Personen passen, im Idealfall. Blöd nur, dass die Ausmaße so mancher Parkbesucher nicht zu den kleinen Bänken passen wollten. So saßen wir eingezwängt in der schweißtriefenden Masse. Wann kommt endlich die Fettsteuer! Die Wanderpfade, die an der Station Cataratas beginnen, haben verschiedene Schwierigkeitsgrade und dauern unterschiedlich lang. Wir entscheiden uns wegen der fortgeschrittenen Zeit für den kürzesten, den Paseo Superior. Dieser führt entlang der oberen Abbruchkante des Basaltplateaus, von dem der Río Iguazú in die Tiefe stürzt.

Blick auf die Isla San Martín im Iguazu Nationalpark Argentinien

Hier kommt man zu den Wasserfällen, die nicht direkt zu Garganta gehören. Insgesamt gibt es mehr als 270 Fälle, die mehr oder weniger spektakulär und teilweise kaskadenartig herabstürzen. Manche der Fälle haben einen eigenen Namen, wie die Dos Hermanas, der Salto Adán und der Salto Eva. Auch hier muss man immer wieder stehen bleiben und staunend die Schönheit auf sich wirken lassen. Man fühlt sich wie im Paradies. Eine Sicht scheint schöner als die vorherige.

Wasserfall Salto Bossetti im Parque Nacional Iguazú in der Provinz Misiones in Argentinien

Panorama Iguazú Wasserfälle mit Salto Bossetti im Vordergrund im Nationalpark in Argentinien

So langsam wurde es dann auch Zeit, den Park wieder zu verlassen. Zum Ein- und Ausgang des Parks mussten wir schon wieder mit der Kinderbahn fahren. Der Fußweg, der vermutlich viel schneller gegangen wäre, war schon geschlossen. Hiermit will man sicherstellen, dass niemand man im Park zurück bleibt, denn das wäre nicht ganz ungefährlich. Hier gibt es nämlich viele wilde und vor allem nachtaktive Tiere.

Krokodil im Iguazú Nationalpark in der Provinz Misiones in Argentinien

Der letzte Bus in Richtung Stadt sollte angeblich gegen 19:15 Uhr abfahren. Allmählich hatten wir Zweifel, dass wir den noch schaffen würden. Es war inzwischen 19:10 Uhr und wir waren immer noch am Bahnhof und warteten, dass es endlich los ging. Als wir schließlich am Ausgang ankamen, war es schon nach halb acht. Jetzt war eh alles egal, so haben wir noch ganz in Ruhe unsere Eintrittskarten stempeln lassen, um morgen in den Genuss des um 50% ermäßigten Eintritts zu kommen, und sind auf den Parkvorplatz gegangen. Dort wartete dann doch noch ein Bus, der uns zurück nach Puerto Iguazú brachte. Der Bus fuhr bei geöffneten Fenstern mit einem Affenzahn dem Feierabend entgegen. Der warme Fahrtwind tat uns richtig gut. Eine bessere Abkühlung hätten wir uns in dem Moment nicht vorstellen können. Falls wir es noch nicht erwähnt haben: Es ist enorm heiß hier!

Aussichtsplattform unterhalb des Salto Ramirez im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

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A las Cataratas oder auf nach Iguazú…

Da wir für 19:40 Uhr den Bus nach Iguazú gebucht hatten, blieb nicht so viel Zeit für ausschweifende Tagesaktivitäten. Wir haben wie fast jeden Tag sehr lange geschlafen und dann die ultimativen Reisevorbereitungen getroffen. Wir wollten so wenig Gepäck wie möglich mit uns rumschleppen, d.h. alles sollte in zwei kleine Rucksäcke passen. Dass wir ohne Laptop reisen würden, stand von vornherein fest. Lange Hosen würden wir wohl im subtropischen Regenwald auch nicht brauchen. So reduzierte sich das Mitzunehmende auf das absolute Minimum. Was ist eigentlich mit Schuhen? Werden wir festes Schuhwerk brauchen? Vorsichtshalber wollten wir die Schuhe lieber mitnehmen. In den Rücksäcken war kein Platz dafür, also haben wir sie einfach angezogen und stattdessen die Flip-Flops verstaut. Ein komisches Gefühl nach Wochen in absoluter Fußfreiheit. Naja, dann noch „schnell“ einen Blogeintrag geschrieben und schon ging’s los. Auf die Reise nehme ich Stift und Schreibblock mit, so dass ich auch unterwegs blocken kann. 😉

Eigentlich wollten wir auch noch Lebensmittel aus dem Supermarkt besorgen, da wir nicht wussten, ob es auf der langen Busfahrt ausreichend zu essen und zu trinken geben würde. Aber dafür war es bereits zu spät! Am Bahnhof Retiro haben wir uns dann einfach an einem Stand mit Bocadillos eingedeckt. Das riesige Busterminal ist zwar nicht weit vom Bahnhof entfernt, trotzdem braucht man für die kurze Strecke viel Zeit, weil unglaubliche Massen von Menschen einem entgegen kommen. Auf dem Weg geht es zu wie auf einem Basar. Pünktlich, nämlich genau 11 Minuten vor Abfahrt, erreichten wir mit Schweißperlen auf der Stirn unseren Bus. Puh, das war knapp! Da wir nur Handgepäck hatten, konnten wir sofort einsteigen. Die anderen Mitfahrer mussten erst ihre Koffer vom Fahrer verstauen lassen. In den zweistöckigen Reisebus passten gerade mal etwas mehr als zwei Dutzend Passagiere. Unsere Sitze waren oben, ganz hinten und wir staunten nicht schlecht, wie viel Platz wir da hatten.

Cama Suite im "Via Bariloche" Reisebus von Buenos Aires nach Iguazú

Bequem reisen in der bettartigen "Cama Suite". Hier "Via Bariloche" auf der Fahrt von Buenos Aires nach Iguazú.

Wir breiteten uns aus und machten uns sofort über die Bocadillos her. Wir hatten jetzt schon Hunger. Unsere Bocadillos waren mit dünnen, frisch gegrillten Steaks und frischem Salat belegt und noch warm. Statt normalen Brötchen hatten wir Pan árabe so eine Art Pita ausgewählt. Während wir so vor uns hin mampften, quatschte uns der Typ aus der Nachbarkoje an, ein Brite aus London. Er berichtete uns u.a. von seiner kleinen Odyssee RosarioBuenos Aires – Rosario – Buenos Aires und schwärmte uns förmlich von Rosario vor. Der Typ hatte sich dort in ein argentinisches Mädchen verguckt, das erklärt auch seine totale Begeisterung für diese Stadt. Die Geburtsstadt von Che stand auch auf unserem Reiseplan und so tauschten wir Tipps und Erfahrungen aus. Die übrige Zeit verbrachten wir mit aus dem Fenster schauen und beobachteten die vorbeiziehende Landschaft.

Vorbeiziehende Autos auf der Busfahrt von Buenos nach Iguazú

Schließlich überquerten wir in der Abenddämmerung den Río Paraná. Als uns das Rausgucken zu langweilig wurde, haben wir in unseren Büchern gelesen. Und kurz darauf gab es bereits Abendessen. Wir waren ziemlich überrascht, wie großzügig das ausfiel. Als Hauptgang wurde Pollo, also Hühnchen serviert, und das reichlich. Das Essen war wirklich sehr gut. Auf einem herkömmlichen Linienflug bekommt man vielleicht die Hälfte von dem, was einem hier kredenzt wurde.

Vorspeisenarrangement des Busunternehmens "Via Bariloche" in der Klasse "Cama Suite"

Wie im Flugzeug wurde danach noch ein Film gezeigt und viele Leute legten sich bereits schlafen. Dafür sind die Sitze bestens geeignet, denn man kann die Lehne komplett zurück klappen, so dass man waagerecht wie in einem Bett schlafen kann. Für uns war das aber noch viel zu früh und so lasen wir noch eine ganze Weile. Irgendwann waren dann auch wir müde und schliefen ein.

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Ein Traumtag im Delta

Zum ersten Mal seit Wochen haben wir uns den Wecker gestellt. Auf zwölf Uhr! Wir wollten ja noch die Wäsche abholen, bevor es nach Tigre ins Paraná-Delta geht. Gestern hatten wir uns bereits schlau gemacht, wie das mit dem Tren de la Costa funktioniert und waren sehr gespannt, ob sich dieser Umweg lohnen würde. Wir hatten uns vorgenommen, den Zug um 14:24 ab Retiro zu nehmen. Also nichts wie zur U-Bahn (Linea C) und zum großen Bahnhof.

Bahnhof Retiro in Buenos Aires am Nachmittag

Das Gedränge ist dort nachmittags gar nicht so schlimm, trotzdem haben wir unseren Zug um genau eine Minute verpasst. Das ist aber kein großes Problem, denn die Züge fahren ca. alle 20 Minuten. Man darf eben nicht vergessen, das Fahrkartenkaufen einzuplanen. An den Schaltern sind nämlich immer lange Schlangen. Automaten gibt es zwar auch, aber die schlucken nur die raren Münzen, hinter denen hier jeder her ist. Münzen, egal welchen Nennwerts, sind Mangelware und werden von allen gesammelt und gehortet. Sie sind besonders beim Bus- und Zugfahren wertvoll, wobei im Bus ohne Münzen gleich gar nichts geht. Aber selbst an Automaten muss man hier Geduld haben und anstehen. Kaum hatten wir uns in die Schlange am Fahrkartenschalter eingereiht, wurden wir auch schon um Wasser angebettelt, da wir eine große Wasserflasche in der Hand hatten. Der kleine, schmutzige Junge hatte extra eine Plastikflasche dabei zum Umfüllen. Er sagte immer wieder, das Wasser sei für seine kleine Schwester im Kinderwagen. So was kann einen ganz schön runterziehen. Um Wasser angebettelt zu werden ist ziemlich krass.

Tren de la Costa

Obwohl wir noch 15 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges hatten, sind wir gleich auf den Bahnsteig. Die Bahnsteige kann man hier nur mit gültigen Tickets betreten. Der Bahnhof ist eine typische Stahlkonstruktion aus dem 19. Jahrhundert und wirkt, als wäre er seit seiner Errichtung kaum verändert worden. Die Eisenbahnen in Argentinien stammen fast vollständig aus England. So wundert man sich wenig, dass an den reichlich verzierten, massiven Stahlträgern „Liverpool“ eingeprägt ist.

Bahnhof Retiro in Buenos Aires

Der Bahnhof wirkt völlig überdimensioniert für die paar Züge, die wir gesehen haben. Um mit dem Tren de la Costa nach Tigre zu kommen, muss man von Retiro zunächst zum Bahnhof Bartolomé Mitre fahren. Dort steigt man nicht einfach nur um, sondern wechselt auch gleich noch in den gegenüberliegenden Bahnhof, Estación Maipú. Die beiden Bahnhöfe sind durch eine Überführung verbunden. Dort taucht man in eine völlig andere Welt. Man wird mit Musik empfangen, alles ist ruhig fast schon gediegen. Das schlägt sich auch im Ticketpreis nieder. Mit 12 Pesos pro Person bezahlt man ungefähr das 10-fache vom normalen Fahrpreis. Das können sich wahrscheinlich nur die gutverdienenden Argentinier leisten. Der Zug ist dafür dann auch sehr modern, klimatisiert und hat große Fenster.

Zugstation Maipu in Buenos Aires, wo der Tren de la Costa nach Tigre fährt

Wer nun erwartet, dass der Zug direkt an der Küste entlang fährt, wird enttäuscht sein. Nur ein paar Mal hat man kurz Sicht auf den Rìo de la Plata. Ansonsten gibt es echt nicht viel zu sehen außer gepflegten Holzbahnhöfen, die sehr an das British Empire erinnern. Mit dem Tren de la Costa kommt man in Tigre am Bahnhof Delta an. Dieser liegt ca. 1 km vom anderen Bahnhof in Tigre entfernt. Wir sind der Meinung, die Fahrt mit dem Tren de la Costa lohnt sich nicht. Die Zeit, die man mit Warten und Umsteigen verbringt und für den ganzen Umweg benötigt, ist besser in den Flüsschen des Deltas investiert.

Paraná-Delta

Da es schon fast 16 Uhr war, war das touristische Angebot etwas ausgedünnt. Wir sind zuerst in die Touristeninformation gegangen und haben uns beraten lassen. Dort haben wir erfahren, dass man am besten zur Rama Negra oder nach Tres Bocas fährt. Dort kann man etwas Zeit verbringen, spazieren gehen und die Umgebung erkunden. Es gibt auch Restaurants und kleine Lädchen. Dorthin kommt man am besten mit einem der Holzboote, die man zuhauf durchs Delta kreuzen sieht. Die Colectivos des Deltas sozusagen.

Seitenarm der Rama Negra im Paraná-Delta in Tigre nahe Buenos Aires

Alternativ gibt es noch Ausflugs-Katamarane und Charterboote, von denen uns verschiedene Leute ausdrücklich abgeraten haben. Die Fahrkarten für die urigen Holzboote gibt es gleich im Nachbarraum der Touristeninformation. Wir hatten Glück, dass der Mann vom Fahrkartenschalter das Boot, das gerade los wollte, per Funk für uns aufhielt und so wurden wir noch mitgenommen. Wir saßen in einem fast leeren Transportboot und konnten uns die besten Plätze aussuchen. Was die Fahrt für uns besonders interessant machte, ist zu sehen, welche Bedeutung diese Boote für das tägliche Leben der Menschen im Delta haben. Fast an jedem Steg sieht man jemand etwas mitgeben, etwas in Empfang nehmen oder für ein paar Stationen mitfahren. Eine Frau gab für den Bootsführer Empanadas ab, eine andere ein frisch gewaschenes und gebügeltes Hemd. So verging die Zeit wie im Fluge und plötzlich hieß es, wir müssen aussteigen. Wir waren an der Rama Negra angekommen.

Rama Negra

Okay… und was machen wir hier nun? … und wie kommen wir hier wieder weg, wenn wir wollen? Überall standen Privathäuschen und es sah nicht so aus, als könne man hier großartig was unternehmen. Wir folgten einem Pfad am Wasser entlang in ein Seitenärmchen, tiefer ins Delta. Allmählich zog uns die Ruhe und Schönheit des Deltas in ihren Bann. Wir hörten die Grillen zirpen und begegneten freilaufenden Hühnern und Gänsen.

Gans relaxed am Steg

Vor einigen Häusern lagen Hunde, die nur beiläufig Notiz von uns nahmen. Wir folgten dem Pfad bis zu einem Almacen. In dieser Mischung aus Tante Emma Laden und Kiosko bediente uns eine ältere Dame. Wir setzten uns, tranken eine kühle Coke und beobachteten das Geschehen. Der nächste Kunde war ein alter Mann mit seinem noch älteren Hund. Ein tolles Paar. Außer diesem und den beiden kleinen Mädchen, die sich dort ein Eis holten, hatte die ältere Dame nicht viele Kunden. Wir gingen ein paar Meter weiter und fanden auch schon das einzige Restaurant am Platz.

Das Restaurant "Alpenhaus" im Paraná-Delta in Tigre nahe Buenos Aires

Wir hatten viel erwartet aber nicht sowas. Das „Alpenhaus“ macht seinem Namen alle Ehre: Gartenzwerge in saftig grünen Wiesen, ein Rehkitz unter einer Palme und deutschsprachige Bedienung. Nur die Alpen fehlten. Dafür  gab es einen schönen Pool. Zwei Deutsche – gefühlte Münchnerinnen – lagen unten am Steg und aalten sich laut unterhaltend in der Sonne. Wir nahmen auf der Terrasse Platz und bestellten auf deutsch einen Apfelstrudel mit Vanilleeis.

Versorgungsboot im Paraná-Delta macht Hausbesuch am Alpenhaus

Versorgungsboot am Restaurant "Alpenhaus" im Paraná-Delta in Tigre nahe Buenos Aires

Während wir faul in der Sonne lenzten, legte das Versorgungsboot von „Juan & Juan“ an. Das ist so eine Art schwimmender Supermarkt, der im Delta Hausbesuche macht. Wir beobachteten eine Weile, was da so passierte, und mussten uns dann auch schon auf den Rückweg machen. Wieder war die Zeit wahnsinnig schnell vergangen und wir mussten unbedingt das letzte Boot nach Tigre kriegen, das ungefähr um halb acht fuhr. Ganz genau konnte uns das niemand sagen. Eine Übernachtung im Alpenhaus hätte sonst mit 450 Pesos zu Buche geschlagen, in einem eigenen Bungalow immerhin. Am Bootsanleger vertrieben wir uns die Zeit bis das Boot kam, kühlten unsere Füße und testeten wie viele Stufen unter Wasser man die Treppe des Anlegers noch hinabsteigen kann. Die Flüsschen im Delta scheinen uns allesamt nicht sehr tief zu sein, an vielen Stellen sah man die Leute im Wasser stehen. Das Abendlicht war wunderschön und alles strahlte sommerlich in warmen Farben. Die Rückfahrt genossen wir bei diesem Licht umso mehr.

Entspannung pur im Paraná-Delta auf dem Rio Sarmiento in Tigre nahe Buenos Aires

Der Bootsführer sammelte weiter Fahrgäste links und rechts der Wasserstraße von den Stegen ein. Ein älterer Herr hatte es wohl besonders eilig. Unbeholfen versuchte er an Bord zu springen, als das Boot noch viel zu weit weg war. Gerade konnte man ihn noch sehen und schwupp war er weg. Wir hörten etwas ins Wasser plumpsen! Im ersten Augenblick fuhr uns der Schreck in die Glieder und wir ahnten was passiert war. Wie sich herausstellte war aber alles halb so schlimm und der Mann stieg nass wie ein Puddel und laut schimpfend die Treppe zum Steg hinauf. Wahrscheinlich ärgerte er sich über seine eigene Dummheit. Der Mann brabbelte, dass er so wohl nicht mehr in die Stadt kann und zog bedient von dannen. Der Bootsführer rief ihm noch hinterher, ob er warten solle, aber der mutige Springer winkte nur noch ab. Wir fanden die Szene urkomisch und mussten lachen. Der Kapitän fuhr weiter.

Abendstimmung im Paraná-Delta in Tigre nahe Buenos Aires

Als wir im Hafen anlegten war die Sonne schon fast untergegangen. Wir gingen noch eine Weile an der Promenade spazieren und sind dann zum Bahnhof Tigre aufgebrochen. Wir wollten den Direktzug nehmen, weil es einfach am schnellsten geht. Im runtergekülten Zug haben wir uns mal wieder den Arsch abgefroren und waren heil froh, als wir nach 50 Minuten im warmen Bahnhof Retiro ankamen. Die Subte hatte ihren Dienst für heute bereits eingestellt und so blieb uns nur der Colectivo. Wir mausern uns so langsam zu Colectivo-Spezialisten.

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Wieviel Schmerz kann eine Kameralinse einfangen?

Heute wollten wir uns in erster Linie um unseren Ausflug nach Puerto Iguazú kümmern. Die großartigen Wasserfälle im Norden Argentiniens im Länderdreieck mit Brasilien und Paraguay müssen wir unbedingt sehen. Da aber zurzeit überall Hauptsaison ist, wurde uns empfohlen, lieber alles im Voraus zu buchen. Die Gefahr, kein Zimmer mehr zu bekommen, wollten wir im Dschungel lieber nicht eingehen.

Bevor wir jedoch die Unterkunft buchen und Bustickets besorgen konnten, waren noch so einige andere Dinge zu erledigen. Inzwischen war unsere Kleidung aufgebraucht, so dass wir nun unbedingt mal waschen mussten und Bargeld brauchten wir auch noch. In unserer Wohnung gibt es leider keine Waschmaschine, aber ganz in der Nähe, in der Independencia, gibt es einen vertrauenerweckenden, kleinen Waschsalon.

Die süße, kleine Wäscherei "Lav Telmo" in der Independencia 510 in Buenos Aires

Da gibt man einfach die Wäsche ab und holt sie später oder am nächsten Tag wieder ab. Im Laden haben wir uns dann mit Händen und Füßen mit der putzigen, älteren Dame verständigt und schließlich unsere Wäsche in Ihre Obhut gegeben. Morgen gegen 12 können wir sie dann abholen. Geschafft! Bezahlen müssen wir die Wäsche erst beim Abholen. Was für ein Glück, denn wir konnten bisher noch kein Geld ziehen obwohl wir mehrere Banken ausprobiert haben. Von halb drei bis halb vier machen die Banken einfach dicht. Dann werden die Geldautomaten wieder aufgefüllt, hat uns unsere Vermieterin erklärt. Gut zu wissen…

… und jetzt erstmal was essen

Da wir wie gesagt kein Bargeld hatten, blieb uns nichts anderes übrig, als uns nach einem Restaurant umzusehen, in dem man mit Kreditkarte zahlen kann. So sind wir flux ins „El Federal“ an der Ecke Peru und Carlos Calvos. Dort hatten wir einen anständigen Salat in einer Schale aus Brotteig. Im Menü dazu gab es noch ein Getränk nach Wahl und einen Café zum Abschluss.

Das El Federal an der Ecke Carlos Calvos und Peru

So gestärkt konnten wir uns nun um die Tickets kümmern. Da wir für die mehr als 1000 Kilometer ca. 17 Stunden unterwegs sein werden, wollten wir möglichst komfortabel Reisen. Daher kam nur ein Cama Suite (Super Cama) in Frage. Das ist die bestmögliche Art bequem zu reisen, so ähnlich wie Business Class im Flugzeug. Die anderen Kategorien sind zwar günstiger, aber total gerädert ankommen ist das einfach nicht wert.

Subte Linea C zum Bahnhof Retiro in Buenos Aires

Busterminal Retiro

Es gibt sehr viele Anbieter von Busreisen nach Iguazú und alle haben unterschiedliche Bezeichnungen für die Klassen im Bus. Man sollte also genauer hingucken, was man bucht. Am großen Busterminal in Retiro haben wir uns bei „Via Bariloche„, so heißt die von uns favorisierte Busgesellschaft, nach freien Plätzen erkundigt und wollten eine Art Suite buchen, in der sich der Sitz zu einem Bett ganz nach hinten klappen lässt. Man kann also einfach schlafen und morgens aufwachen und hoffentlich entspannt ankommen. Soviel zu unserem Plan. Für Dienstag war aber bereits alles ausgebucht, nur am Mittwoch gab es noch genau zwei Suiten. Die haben wir dann auch genommen und so fahren wir am Mittwochabend, quasi über Nacht, nach Puerto Iguazú.

Gewürzregale in einem Shop am Bahnhof Retiro

Für Dienstag haben wir dann auch gleich Nägel mit Köpfen gemacht und beschlossen nach Tigre ins Delta vom Río Paraná und Río de la Plata zu fahren. Nachdem das organisatorische erledigt war, sind wir zur nahen Plaza San Martín gelaufen, um dort in die Florida Straße shoppen zu gehen. Wir wollten nach kurzen Hosen schauen. Davon kann man bei dem heißen Wetter nicht genug haben. Die Florida ist eigentlich nicht wirklich gut zum Einkaufen geeignet, jedenfalls nicht für uns. Die ganze Meile wirkt wie aus den 1980er Jahren und so ist auch das Angebot da. In der Galeria Pacifico sind wir dennoch fündig geworden.

Aufmacher der Ausstellung "Vidas sitiadas" im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Und weil wir schon mal da waren haben wir nochmal einen Abstecher ins Centro Cultural Borges in den oberen Etagen gemacht. Dort gab es eine neue dokumentarische Fotoausstellung namens „Vidas sitiadas“. Wenn jemand weiß, wie man den Titel am besten übersetzt, möge er doch bitte einen Kommentar hinterlassen.

Ausstellung "Vidas sitiadas" im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Die Ausstellung drehte sich um die Darstellung menschlichen Schmerzes durch die Linse einer Kamera. So sah man beispielweise einen zusammengekrümmten, magersüchtigen jungen Mann in einem Krankenhausbett am Tropf. Oder Portraits von Patienten einer Psychiatrie, die jahrelang mit Psychopharmaka ruhiggestellt wurden. Auch ein Foto eines während der Militärdiktatur mehrfach inhaftierten Pfarrers war zu sehen. Man sah ihm die Verbitterung förmlich an. Die Fotos stimmten alle sehr nachdenklich und die Aufnahmen waren äußerst würdevoll und ästhetisch.

Opfer der argentinischen Militardiktatur

Auf dem Heimweg haben wir uns dann noch ein paar Sachen für den Dschungel besorgt, u.a. Antimückenlotion. Das Geld ist sicher sinnvoll investiert! Zuhause haben wir dann das Hostelzimmer gebucht. Die Verfügbarkeit eines Doppelzimmers war kein Problem, trotz Hochsaison und Karneval. Auf ein Mehrbettzimmer hatten wir beide keine große Lust. Nur wenn es gar nicht anders gegangen wäre.

Die Schauspielerin Maria auf einem Foto von Matias Sacchi Szaqii in der Ausstellung "Vidas Sitiadas" im Centro Cultural Borges

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Zeitzeugen

Am späten Nachmittag haben wir eine Fahrt mit der guten, alten U-Bahn der Linie A gemacht. Dieser Zug ist für mich ein Zeuge der alten Zeit. Sehr mondän muss es zugegangen sein im Buenos Aires Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Diese Linie war die erste U-Bahn auf dem südamerikanischen Kontinent. Eine Fahrt mit den Holzwagen, die noch ganz regulär fahren, gehört zum Pflichtprogramm in dieser Stadt. In Deutschland wäre ein Zug dieser Art heutzutage undenkbar. Die Türen lassen sich während der Fahrt öffnen und man kann den Kopf aus dem Fenster halten. Der TÜV würde hier wohl alle Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Alter U-Bahnwagen in der Subte Linea A in Buenos Aires

Wir sind an der Plaza de Mayo gestartet und bis zur Station Rio de Janeiro gefahren. Von dort wollten wir durch die Straßen zum Parque del Centenario laufen. Eigentlich hatten wir an dem Park gar kein Interesse. Wir waren aber grad mal in der Nähe und auf unserer BsAs Karte waren dort drei Sehenswürdigkeiten, u. a. ein Planetarium, eingezeichnet. Grund genug, da mal vorbei zu laufen. Dort angekommen empfing uns bereits laute Rockmusik und das erste, was wir sahen, war ein Skate- und BMX-Parcours. Auf einer Seite des Parcours waren Schlagzeug, Boxen und Verstärker aufgebaut. Der eigentliche Park lag dahinter und war wie üblich in BsAs umzäunt.

BMXer im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Skateboarding im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Hier aber scheint ein Treffpunkt für die alternative Szene zu sein. Auf den Mauern des Parcours saßen viele Jugendliche und schauten den Skatern beim Freestylen zu. Dazu wummerte Rockmusik aus den Boxen. An einigen Stellen lagen politische Plakate auf den Boden, die u.a. die Invasion Israels in Gaza verurteilten. Uns ist in Uruguay und Argentinien schon mehrfach aufgefallen, dass die israelische Gazapolitik zu heftigen Äußerungen auf Häusern, Plakaten und Bannern führt.

Rock im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Im eigentlichen Parkgelände ging es zu wie an einen Sonntag im Volkspark Friedrichshain. Viele junge Menschen auf den Wiesen am faulenzen und sehen und gesehen werden. Der obligatorische Matetee darf natürlich nicht fehlen. Im Zentrum des Parks befindet sich ein kleiner, künstlich angelegter Teich, um den die Tauben ihre Runden zogen.

Taubenplage im Parque del Cntenario in Caballito, Buenos Aires

Alles machte einen sehr entspannten Eindruck. Die Menschen hier genossen das tolle Wetter und hatten Spaß mit der Familie oder Freunden. Nichts Besonderes, Alltag eben. Da wir das Planetarium noch nicht gefunden hatten, sind wir einfach weiter durch den Park gelaufen. Auf der anderen Seite fand mal wieder eine Feria statt. Diese Ferias sind ein echtes ein Phänomen. Man kann sie schon gar nicht mehr zählen. Diese hier machte eher den Eindruck eines ganz normalen Flohmarktes. Vergleichbar mit dem am Boxhagener Platz in Friedrichshain, wie er früher war. Keine erkennbaren kommerziellen Händler. Es gab fast nur altes, gebrauchtes Zeugs: Postkarten, Fotos und Alltagsgegenstände.

Sonntags im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Dann standen wir plötzlich vor dem MACN, einem naturwissenschaftlichen Museum. Das Museum haben wir einfach mitgenommen, weil wir schon mal da waren. Das Interessanteste daran war auch schon das Gebäude. In der atemberaubenden Geschwindigkeit von 25 min haben wir uns alles angeschaut. Ungefähr 1000 tote Tiere, ausgestopft, skelettiert oder eingelegt. Es roch in dem Gebäude ziemlich nach Formaldehyd und Terrarium. Als wir wieder draußen waren, fanden wir dann auch das olle Planetarium. Es machte einen noch heruntergekommeneren Eindruck als das Museum, wer weiß aus welcher Zeit das stammt. Das interessante an dem Parque del Centenario ist ohnehin nicht das Planetarium oder das Museum, sondern der Eindruck, den man von den Anwohnern gewinnen kann. Wir haben noch eine ganze Weile unsere Gedanken schweifen lassen, nebenan spielte eine Gruppe Fußball und erzeugte auf dem trockenen Boden eine Staubwolke wie bei einem mittelschweren Hurrikan. Dann sind wir weiter.

Fussball im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Unser nächstes Ziel war das Café Las Violetas an der U-Bahnstation Castro Barros. Unterwegs lernten wir das spanische Wort für obdachlos: sin techo. An einem stählernen Brückengeländer über eine Bahntrasse gab es unter dem Motto „Arte sin techoobdachlose Straßenkunst zu sehen. Das „Las Violetas“ ist eines dieser erhaltenswerten und per Gesetz geschützten Cafés (Café notable). Ein weiterer Zeitzeuge des Prunks von Buenos Aires aus einer längst vergangenen Epoche. Als wir dort nach relativ kurzem Fußmarsch ankamen, war es sehr, sehr voll. Der Doorman fand aber noch einen Platz für uns, von dem man das Geschehen im Café bestens im Blick hatte. Wir tranken Cappuccino Italiana (das „a“ ist übrigens kein Tippfehler, so steht’s auf der Karte) und aßen superleckeren Kuchen. Der Renner in dem Café ist aber so eine Art gemischte Platte, ultraviel Süßkram und dazwischen Herzhaftes.

Café Las Violetas in Buenos Aires

Es fällt einem immer wieder auf, dass man sich in manchen dieser Läden den Arsch abfriert und man dann ganz froh ist, wenn man wieder raus in die schwül-warme Stadt kann. Wir liefen noch entlang der Avenida Rivadavia bis zur Plaza Miserere und stiegen dort in die Subte Linea A.

Café Las Violetas in Buenos Aires

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Wer hat sie verraten, die toten Aristokraten?

Wow! Blauer Himmel und Sonne satt. So muss ein Tag aussehen, dann klappt’s auch mit dem Rausgehen. Konkrete Pläne hatten wir für heute nicht, aber den Tag mit Medialunas und Kaffee zu beginnen, ist erstmal keine so schlechte Idee. Und nein, wir sehen noch nicht aus wie Teigkugeln und man kann auch nicht genug davon kriegen!

Publikumsmagnet: Cementario de la Recoleta

Wie wäre es mit dem Aristokraten-Friedhof in Recoleta? Ein Besuch dort lohnt sich immer. In der „Gräberstadt“ kann man im Schatten schlendern und ein wenig Geschichte atmen. Also, vámanos. Mal sehen, ob wir das ohne Karte finden. Nach zirka einer Stunde Fußweg durch die staubigen Straßen von Buenos Aires standen wir direkt vor dem Haupteingang des Friedhofs. Es war Samstag und so war es noch voller als sonst und bei meinem letzten Besuch.

Prunk und Verwahrlosung im Cementario de la Recoleta Buenos Aires

Wenn all die Toten gewusst hätten, dass sich täglich so viele Menschen an ihren Grabstätten vorbei schieben, dann hätten sie es sich vielleicht noch mal überlegt mit dem Pomp. Aber vielleicht ist das ja auch pure Absicht. Die Wichtigkeit und Bedeutung einer Familie misst sich hier an ihrem Mausoleum. Je mehr Macht und Geld eine Familie anhäufen konnte, desto pompöser ist auch deren Gruft. Sehen und gesehen werden, weniger für die Toten als für die Lebenden. Und so pflegen die Angehörigen die prunkvollen Gruften wie Ihr Wohnzimmer und damit Ihren Status. Dass es so viele Touristen sind, ist wahrscheinlich IHR „Verdienst“. An ihrem Grab musste man heute anstehen, um einen Blick zu erhaschen.

Besucherandrang vor der Grabstätte von Evita (Eva Peron) im Cementario de la Recoleta in Buenos Aires

Wer etwas mehr Beschaulichkeit sucht, sollte den Friedhof lieber an einem gewöhnlichen Wochentag besuchen. Man kann in zunehmendem Maße eine gewisse Verwahrlosung der Grabstätten beobachten. Viele Familien sind inzwischen ausgestorben und so verfallen die Gruften und geben dem Friedhof seinen extramorbiden Touch.

Verwahrloste Gruft auf dem Cementario de la Recoleta in Buenos Aires

Gegen 18 Uhr marschierte ein Uniformierter mit Trillerpfeife zwischen den Lippen durch die Gräbergassen und pfiff die Touristen höflich aber bestimmt zusammen, auf dass sie den Friedhof nun verlassen.

In der Grünanlage vor dem Friedhof fand, wie jedes Wochenende, die Feria de Plaza Francia statt. Eigentlich nicht mehr als eine Art Flohmarkt mit Kleinkunst-Ramsch. Das benachbarte Centro Cultural Recoleta war im Begriff zu schließen und so sind wir nur kurz durch geschlendert. Direkt darunter liegt die Buenos Aires Design-Mall, in der es Designermöbel und Einrichtungsgegenstände zu kaufen gibt. Spektakulär ist sie allerding nicht. Im Café La Biela, gleich in der Nähe, machten wir Pause und tranken einen Milchkaffee. Die Terrasse des Cafés liegt direkt unter der schattenspendenden Krone eines gigantischen Gummibaums (Gomero). Er wurde 1878 gepflanzt und hat eine Spannweite von über 50m. Wunderschön! Die riesigen Äste werden mit Balken gestützt.

Großer Gummibaum in Recoleta Buenos Aires (Gran Gomero)

Seit wir in Buenos Aires sind, haben wir schon mehrfach die „Festivales de Buenos Aires„-Plakate gesehen. Diese kündigten jeweils für das Wochenende Konzerte an der Constanera Sur an. Heute wollten wir uns das mal anschauen. Also sind wir dorthin. Auf kürzestem Weg, durch die mondäne Avenida Alvear in Recoleta, über die Plaza San Martín in Retiro, weiter nach Puerto Madero. Auf dem ganzen Weg dorthin hatten wir einen treuen Begleiter: Einen dieser umherstreunenden Hunde, von denen es hier sehr viele gibt. Die Hundedame heftete sich an unsere Fersen und lies uns keine Minute aus den Augen. Man muss echt mal gesehen haben, wie geschickt diese Hunde die heftig befahrenen Straßen überqueren.

Avenida Leandro N. Alem in Retiro Buenos Aires

Costanera Sur

Auf der Avenida Carlos M. Noel an der Constanera Sur reiht sich eine Imbissbude an die andere. Mindestens alle 30 Meter eine und dazwischen knattern die Stromgeneratoren, die die Imbisse für Licht und Kühlung brauchen. Man muss unbedingt auf die tollen Namen achten, die sich die Stände gegeben haben.

La Parrilla de Julio an der Costanera Sur in Buenos Aires

Das Wort „Parrilla“ darf auf keinen Fall fehlen und so gut wie alle spanischen Pronomen wurden mindestens einmal verwendet: Mein (mi), dein (tu), Ihr (su), unser (nuestra), euer (vuestra) Parrilla und so weiter… Die Dinger qualmten was das Zeug hielt und es roch ziemlich verführerisch nach Gegrilltem. Wir wollten aber nicht beim erstbesten essen und uns schon gar nicht den Magen verrenken. Bei 8 Peso (ca. 1,80 Euro) für ein Riesenstück Fleisch wird man ja doch etwas skeptisch. Aber wo viele Argentinier essen, kann es so schlecht nicht sein. Die wissen sicher was sie tun. Und so aßen wir ein saftiges Steak dort, wo es am vollsten war. Es war ultralecker und ich kann jedem empfehlen, dort mal zu essen.

La Parrilla de Julio an der Costanera Sur in Buenos Aires

Das Treiben auf der Promenade hat nach Einbruch der Dunkelheit Volksfestcharakter. Im Gegensatz zu den vielen Ferias, die oft nur für die Touristen gemacht sind, ist man hier aber unter Porteños. Um einen kleinen aber recht authentischen Einblick in den Alltag von BsAs zu kriegen, sollte man das nicht verpassen. Allmählich konnte man auch schon erahnen, wo die besagten Konzerte stattfinden. Die Musik wurde immer lauter und es wurde voller und voller. Nachdem wir ein paar Minuten der Darbietung eines argentinischen Roland-Kaiser-Verschnitts auf den Leim gegangen waren, zogen wir dann weiter zum eigentlichen Open-Air Event. Dort spielte dann vor einigen hundert jungen Leuten Iván Noble. Wir haben noch nie was von ihm gehört. Es klang ein bisschen wie Eros Ramazzotti auf Spanisch.

Iván Noble Open Air Costanera Sur Buenos Aires

Iván Noble Open Air an der Costanera Sur in Buenos Aires

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