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Die Stadt der Jogger

Der Bus schwankte und schaukelte sich mit mächtig viel Schwung durch die noch junge Nacht. Ich versuchte zu schlafen, aber es gelang mir nicht. Mir erschien es, als würde der Bus wie ein Pferd von Bodenwelle zu Bodenwelle springen. Das Schütteln war zeitweise so heftig, dass man den Halt verlor und kurze Momente in Schwerelosigkeit erlebte. Jeder Straßenkrater riss einen erneut aus dem Schlaf und so war der Weg ins Land der Träume noch holpriger als die Straße. Irgendwann berührte mich etwas am Oberarm. Schlaftrunken ignorierte ich das Zeichen. Wieder berührte mich etwas, diesmal mit mehr Nachdruck. Das kann ich unmöglich träumen. Ich klappte die Schlafmaske hoch und sah einen Argentinier, der höflich um seinen Platz bat. Der Bus war inzwischen bis zum letzten Platz gefüllt und ich musste auf meinen Sitz zurück. Wir hatten uns auf mehreren Plätzen breit gemacht und so musste ich zusätzlich noch ein paar Sachen von den benachbarten Sitzen zusammenkramen. Rasch schlief ich aber wieder ein. Plötzlich knallte etwas zu Boden und riss mich erneut, trotz gut verplombter Ohren, aus dem Schlaf. Im Bus war es stockdunkel und nur die Schattenrisse der Passagiere waren zu erkennen. Ich sah wie ein Mann einen schwarzen Gegenstand vom Boden aufhob. Instinktiv griff ich in meine Hosentasche, um zu prüfen, ob mir die Kamera rausgefallen war. Noch bevor ich mich davon überzeugt hatte, dass alles an seinem Platz war, hatte der Mann den Besitzer des Objekts schon ausfindig gemacht und aufgeweckt. So erhielt dieser sein Handy zurück und wir konnten alle wieder schlafen. Gut dachte ich mir, hier kommt nichts weg…

Strasenkreuzung an der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtteil Centro

Quirliges Rosario

Gegen 9 Uhr morgens erwachte ich erstaunlicherweise gut erholt. Der Bus war inzwischen wieder leer und ich fragte mich, ob ich die Geschehnisse der letzten Nacht nur geträumt hatte. Wir waren bereits im äußeren Bereich des Ballungsraums Rosario. Der Verkehr war wesentlich dichter und die Bebauung links und rechts der Straße wurde mit jedem Kilometer urbaner. Dann ging alles recht schnell und pünktlich um 10 Uhr standen wir schließlich auf dem Terminal de Omnibusses in Rosario. Obwohl es bis zum Hostel noch recht weit sein würde, entschieden wir uns zu Fuß zu gehen. Dies war die beste Möglichkeit einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Irgendwie hatte ich mir Rosario wesentlich kleiner und provinzieller vorgestellt. Aber auf den Straßen ging es ähnlich zu wie in Buenos Aires. Mit einer Million Einwohnern ist Rosario auch nicht grade klein. Die Quirligkeit hat mich trotzdem überrascht. Nach einigen Blocks entlang der Avenida Santa Fe kamen wir an der Medizinischen Fakultät der Universität Rosario vorbei. Viel war dort allerdings nicht los, denn momentan sind Semesterferien. Die umliegenden Seitenstraßen machen einen gemütlichen Eindruck und sind voll von kleinen Cafés, Copy-Shops und sonstigen Läden, die Studenten so brauchen. Noch ein paar Blocks weiter und wir ließen uns in einem der Straßencafés nieder und bestellten, oh Wunder, ein typisch argentinisches Frühstück: Cafe con Leche und Medialunas. Das alles sollte zusammen dann auch nur 8 Peso kosten und markierte damit das günstigste Frühstück, das wir in Argentinien bisher hatten.

Alte Häuser in der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtzentrum

Gegen halb 12 Uhr kamen wir im Hostel, „La Casona de Don Jaime 2“, an und haben eingecheckt. Die Unterkunft hatten wir tags zuvor im Internet reserviert. Da unser Zimmer gerade noch geputzt wurde, versorgte uns die junge Frau vom Counter in der Zwischenzeit mit nützlichen Informationen über die Stadt. Etwas ungewöhnlich war, dass wir hier das Zimmer bereits im Vorraus bezahlen mussten, natürlich bar. Naja, nachdem wir das alles geklärt hatten, sind wir gleich mit Badesachen zum Fährableger, „La Fluvial„, gelaufen. Durch die schöne Altstadt von Rosario kamen wir direkt zum Monumento Nacional a la Bandera. Das erst 1957 erbaute Denkmal zur Ehrung der argentinischen Staatsflagge steht unweit der Küstenlinie des Flusses Paraná. Am Fluvial haben wir uns Tickets für die Überfahrt zu den Inseln gekauft. Dort soll es die schöneren Strände von Rosario geben. Von den wesentlich populäreren „La Florída“-Stränden hatte uns die Perle vom Hostel eher abgeraten.

Denkmal für die Nationalflagge Argentiniens in Rosario

Vom Fluvial fahren vier verschiedene Fährschiffe zu vier verschiedenen Inselstränden. Jedes hat seinen eigenen Anleger, die „Muelle“, und bringt einen an einen anderen Strand. Der Río Paraná ist ein ziemlich mächtiger Fluss. Die Inseln lagen ganz schön weit weg vom Ufer und dahinter geht der Strom ja noch weiter. Wo die Strände genau liegen, zu denen die verschiedenen Boote fahren, war uns völlig unklar. Also nahmen wir einfach das nächstbeste Boot, das kam. Später haben wir uns darüber gewundert, was für ein Aufriss um die verschiedenen Fährlinien gemacht wird. Es ist nämlich ganz egal ist, welches Boot man nimmt, da die Strände direkt nebeneinander liegen.

Balneario Waikiki auf der Insel im Río Parana vor Rosario in Argentinien

Auf der Insel erwarteten uns dann tatsächlich sehr schöne Sandstrände, die alle samt nicht besonders voll waren. Wir fanden einen schattenspenden Baum, unter dem wir es uns gemütlich machen konnten ohne der prallen Sonne ausgeliefert zu sein, in der sich die Einheimischen aalten. Der Wind trug mal mehr, mal weniger die Musik vom Nachbarstrand zu uns herüber und wir konnten kaum glauben, was da gespielt wurde. Die Musik der Münchner Freiheit sei Beispiel genug, um unser Erstaunen auszudrücken. Wir lasen gemeinsam in dem Buch WIR von Jewgeni Samjatin. Danach haben wir das Baden im Río Paraná ausprobiert. Einen richtig sauberen Eindruck macht er ja nicht, der Paraná. Das braune Sediment störte uns dabei weniger, als das Wissen darum, was so alles in diesen Fluss eingeleitet wird. Soweit oberhalb vom Delta bei Tigre sollte es aber gehen, mit dem Baden. Der Untergrund ist sandig und irgendwie rutschig, fast glitschig. Das Ufer ist sehr flach und auch hier galt, wer richtig nass werden will, muss sich hinlegen. Viele der Einheimischen sind gleich mit Klappstuhl angereist und sitzen stundenlang samt Stuhl im wannenwarmen Wasser. Dazwischen ankern kleine Motorboote. Eine ziemliche Idylle und das Baden ist auch ganz ok.

Fußball spielen am Balneario Waikiki auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Abends hatten wir in einem der Strandrestaurants, einem Parador, eine kleine Picada, da uns der Hunger gepackt hatte. Gesättigt machten wir uns auf den Weg zum Anleger. Um acht fuhren wir mit dem letzten, erwartungsgemäß vollbesetzten Boot zurück in die Stadt. In der Mitte des Bootes stapelten sich die mitgebrachten Sonnenstühle der Rosarinos. Ein herrlich skurriles Bild.

Volkssport Jogging

Zurück an Land machten wir uns auf den Weg zum Hostel, diesmal entlang der Küstenstraße, der Rambla Catalunya. Entweder waren wir zur falschen Zeit hier, oder das ist einfach nicht der Ort, um abends spazieren zu gehen. Es kam uns vor, als wären wir mitten in eine Art Volkslauf oder Marathon geraten. Ständig kamen aus allen Richtungen Horden von Joggern auf uns zu gerannt. Auf den Wiesen seitlich der Rambla gab es sogar noch mehr davon. In Gruppen oder einzeln machten die Läufer hier Dehnübungen oder waren anderweitig aktiv. Rosario ist die Stadt der Jogger. Eine Prise Lifestyle darf dabei natürlich auch nicht fehlen.

Ein Boot ankert auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Für das Abendessen hatten wir uns Zutaten für einen Salat besorgt, den wir in der Hostelküche zubereiteten. Dort war ordentlich Betrieb und es war außerdem viel zu warm und zu laut zum Essen, darum haben wir uns in den Innenhof zurückgezogen, wo außer uns nur noch zwei Kanadierinnen aus Vancouver saßen. Die beiden waren frisch aus Uruguay angekommen und standen erst am Beginn ihre Südamerikareise. Sie erzählten von ihren Plänen und wir hatten nicht den Eindruck, dass sie zu der Gruppe der „Destination-Hopper“ gehören, die in kürzester Zeit soviele Reiseziele wie möglich abhaken wollen. Da sich die eine etwas kränklich fühlte, zogen sie sich bald zurück und machten zwei Brasilianern Platz.

Reggaetón Argentino

Auch mit den beiden, Erick und André, kamen wir sofort ins Gespräch. Nach dem üblichen Smalltalk erzählten sie uns ein bisschen mehr über ihr Land und machten uns sehr neugierig auf Brasilien. Von Deutschland hatten sie bisher nur kitschige Stereotype im Kopf: Gutes Bier, in tausend Sorten, blonde Frauen, schnelle Autos und schlechtes Wetter. Und nein, in Deutschland trinkt man das Bier nicht lauwarm. Letzte Nacht waren die Jungs mit einer argentinischen Bekannten in einen Club in Rosario unterwegs. Sie waren total begeistert vom Reggaetón, der dort gespielt wurde und in Argentinien total angesagt ist. Wie mischt man denn Reggae, Merengue, Hip-Hop und Dancehall so zusammen, dass man dazu in einem Club tanzen kann? Klang echt spannend, was sie berichteten. Erick und André klärten uns außerdem über die deutlichen Unterscheide der Musikszenen beider Nachbarländer auf. Während die Musik in Brasilien viel internationaler ausgerichtet ist, hört man in Argentinien fast ausschließlich Einheimisches oder andere spanischsprachige Künstler. Wir erfuhren noch eine ganze Menge über die brasilianische Art zu leben und haben uns einige Zeit später verabschiedet. Der Abend mit den beiden hat uns viel Spaß gemacht.

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Ländergrenzen und andere Konzepte von gestern

Unsere Hoffnung hat sich erfüllt und ein neuer heißer und subtropischer Tag wartete auf uns. Die Klimaanlage hatten wir die letzte Nacht gar nicht erst an gemacht, da es ausreichend kühl zum Schlafen im Zimmer war. Doch heute Morgen, als wir erwachten, war es bereits so stickig, dass wir in unserem eigenen Schweiß lagen. Nach der kalten Dusche haben wir das Frühstück im Hostel ausprobiert. Normalerweise ist das Frühstück in Hostels nicht zu gebrauchen, aber dieses war unerwartet gut. Es gab einen großen Brotkorb voll mit kleinen Brötchen und diversen Facturas (Schweineöhrchen, Blätterteigbatzen, Medialunas etc.). Dazu gab es Kaffee, Butter und Marmelade bzw. Dulce de Leche. Wegen des herrlichen Wetters haben wir unseren Aufenthalt im Hostel für eine Nacht verlängert, um unseren ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen. Wir wollten in den Iguaçu-Nationalpark, diesmal in den auf der brasilianischen Seite. Pedro vom Empfang des Hostels empfahl uns, ein Taxi dorthin zu nehmen, weil es dann mit der Einreise schneller gehen würde und wir so mehr Zeit für den Park hätten.

Aussichtsplattform mit Blick auf den Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Grenzerfahrung

Wir sind also erstmal zum Busterminal und haben uns nach einem Taxi erkundigt. Dieses sollte 80 Peso kosten, und wer weiß was da noch so alles hinzu kommt, wenn man erstmal im Taxi sitzt. Eine natürliche Skepsis beim Taxifahren in Lateinamerika ist ratsam! Die Idee mit dem Taxi nach Brasilien zu fahren, war uns von Anfang an unsympathisch. Den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen ist einfach viel näher dran am Alltag und den Menschen. Also haben wir beschlossen, es ohne Taxi zu versuchen. Da gibt’s wesentlich mehr zu erleben. Der Linienbus nach Foz do Iguaçu stand dann auch schon zur Abfahrt bereit. Wir mussten nur noch einsteigen und 3 Peso pro Person bezahlen. Die Grenze lag gleich am Stadtrand, viel näher als ich erwartet hatte. Dort mussten erstmal alle aussteigen und die Ausreiseformalitäten durchlaufen. Nachdem alle ihren argentinischen Ausreisestempel im Dokument hatten, ging es mit demselben Bus über die Brücke über den Río Iguazú zur brasilianischen Grenzstation.

Salto Rivadavia und Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Dort hieß es dann wieder aussteigen, um diesmal die Einreisestempel für Brasilien zu bekommen. Dabei gab es keinerlei Schwierigkeiten. Nervig ist die ganze Prozedur trotzdem, u.a. weil der Bus weiterfährt und man auf den nächsten warten muss. Grenzen sind schon ein absurdes Konstrukt, an denen Menschen zu Ausländern gemacht werden. Auf den Bus zur Weiterfahrt mussten wir nicht lange warten, höchstens 10 min, und unser Ticket war weiter gültig. Gleich an der nächsten Haltestelle nach der Grenze sind wir wieder ausgestiegen, um auf der anderen Straßenseite mit einem anderen Bus in Richtung Aeroporto / Parque Nacional do Iguaçú zu fahren. So erspart man sich den Weg in die Stadt und hierher zurück. Nach genau einer Stunde und 20 Minuten kamen wir im brasilianischen Nationalpark an. Die Einreise mit dem Bus verlief total easy und unkompliziert. Ein Taxi hätte uns höchstens 20 Minuten erspart. Diese Ersparnis steht allerdings in keinem Verhältnis zu dem Erlebnis der Busfahrt und den gewonnenen Erkenntnissen über die öffentlichen Verkehrsmittel im Grenzgebiet.

Busfahren auf Brasilianisch nach Foz do Iguaçu in Brasilien

Benvindo, Bienvenido und Willkommen

Das Parkgelände macht einen viel moderneren und großzügigeren Eindruck als auf der argentinischen Seite. Der Eintritt ist billiger und man kann die 21,15 Reais (knapp 7 EUR) mit EC-Karte bezahlen. Am Einlass wurden wir überraschenderweise mit „Hallo“ und „Viel Spaß“ begrüßt. Auf den Karten war nämlich vermerkt, das wir Deutsche sind. Die Fortbewegung im Park erfolgt ausschließlich mit Bussen. Die Entfernungen sind deutlich größer als die im argentinischen Nationalpark. Zu Fuß kann man gar nichts erreichen. Als erstes wollten wir natürlich die Fälle sehen und sind bis zur vorletzten Haltestelle gefahren. Hier beginnt der Wanderweg, der einen mit Dauerpanoramen auf die Wasserfälle verwöhnt.

Blick aus Brasilien in die Garganta del Diablo im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Am Beginn des Wanderpfads begegnete uns auch gleich ein Nasenbär. Diese Tiere sehen total putzig aus, trotzdem ist Vorsicht geboten. Nasenbären können ganz schön aggressiv werden, wenn sie sich bedrängt fühlen. Dass man sie nicht füttern soll, versteht sich ja von selbst. Nach nur wenigen Metern bietet sich dann auch schon der erste Panoramablick auf die Fälle. Hier bleibt einem zum ersten Mal die Spucke weg! Egal wie nah man den Fällen in Argentinien kommt, ihre schiere Größe kann man nur von dieser Seite erahnen. Wie es halt so ist: Der mit dem schönsten Haus sieht am wenigsten davon. So auch hier: Argentinien hat zwar den größeren Teil der Fälle auf seinem Territorium, aber die spektakulärsten Sichten hat man von Brasilien aus. Es ist also unbedingt empfehlenswert, sich beide Seiten anzusehen. Da es wiedermal sehr heiß war, klebten nach kurzer Zeit die Klamotten am Körper. Hut ab vor den Leuten, die hier in langen Jeans rumrennen! Der Wanderpfad führt einen immer dichter und dichter an die Wasserfälle und eröffnet einen spektakulären Blick nach dem anderen. Den Höhepunkt bildet ein Besuchersteg, der auf halber Höhe an den Eingang der Garganta del Diablo führt. Auf allen Seiten tost das Wasser und fällt in die Tiefe. Die Gischt kann man hier von unten sehen, wird von ihr eingehüllt und nass gemacht.

Gischt zum Duschen am Steg oberhalb des Wasserfalls Santa Maria mit Blick in die Garganta del Diablo im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Erfrischende Gischt am Steg zur Garganta del Diablo im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Ich kann absolut nachvollziehen, wie sich die Guaraní, die Ureinwohner, die Entstehung der Wasserfälle erklärt haben: Einer ihrer Krieger, Caroba, war in die Frau eines Waldgottes verliebt. Die junge Naipur erwiderte diese Liebe und eines Tages beschlossen die beiden, flussabwärts mit einem Kanu zu fliehen. Der Waldgott bemerkte die Flucht jedoch und wollte sie aufhalten. Mit göttlicher Kraft senkte er das Flussbett ab. Die Fluten schlugen über Naipur zusammen und sie kam ums Leben. Als Fels steht sie nun für ewig am Fuße der Wasserfälle. Caroba hatte auch kein Glück. Er wurde in einen Baum verwandelt und musste fortan auf die zu Fels gewordene Geliebte schauen.

Salto Lanusse im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Nass und erfrischt zurück vom Steg haben wir am Ende des Pfades den Fahrstuhl auf die obere Besucherplattform genommen. Auch hier bieten sich wieder neue Aussichten auf das großartige Naturschauspiel und es fällt schwer, sich davon zu lösen. Wir wollten aber noch den Dschungel sehen und sind zu einer der anderen Haltepunkte an der Parkstraße aufgebrochen. Von dort geht der „Poço Preto“-Trail los. Diese ca. 4 stündige Wanderung führt einen durch den Dschungel direkt an das Ufer des Río Iguazú, von wo es mit einem Boot weiter flussabwärts geht. An einer anderen Stelle kommt man dann wieder an Land und zurück zur Straße. Ein Dschungel-Parcours sozusagen. Das klang sehr vielversprechend.

Steg an den Schlund des Teufels im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Besucherplattform_am_Salto Floriano im Parque do Iguaçu in Brasilien

Als wir jedoch gegen 16 Uhr dort ankamen, war der Trail bereits geschlossen. Leider sind diese wichtigen Informationen über Schließ- und Öffnungszeiten der verschieden Attraktionen nur schwer zugänglich. Auf der Karte, die wir am Eingang erhalten haben, stand jedenfalls nichts davon. Es blieb uns noch die Möglichkeit, wieder eine Busstation zurück zu fahren und unser Glück an einem anderen Trail zu versuchen. Dort angekommen, hätten wir auch noch an einer Tour teilnehmen können. Ob sich das lohnen würde, blieb jedoch völlig unklar. Die meiste Zeit würde man eingepfercht in einem Elektrowagen durch den Dschungel chauffiert. Bis auf einen ca. 600m kurzen geführten Fußmarsch und eine Bootsfahrt an die Wasserfälle versprach der Trail wenig Abenteuer und Entdeckungen. Es roch nach einer klassischen Touristenfalle. Wir hatten kein großes Interesse an dieser Ausfahrt und wollten die knapp 100 Euro pro Person lieber für etwas ausgeben, was uns mehr Spaß machen würde. So langsam erklärt sich auch der günstige Eintritt. Für jeden Trail und für jede Attraktion wird man auf brasilianischer Seite kräftig zur Kasse gebeten. Der einzig kostenfreie Wanderpfad, war der an die Garganta. Eigentlich schade, dass die Natur unter dem Vorwand des Naturschutzes so kommerzialisiert wird. Auf der argentinischen Seite ist das besser und man kann mehr von der Natur erleben ohne weitere Kosten. Wir beschlossen, den Park zu verlassen und stattdessen noch Foz do Iguaçu anzuschauen.

Salto Rivadavia und Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Stippvisite in Foz do Iguaçu

Die Fahrt in die Stadt dauerte recht lange, aber so hatten wir genügend Muse, die an uns vorbeiziehenden Örtlichkeiten zu studieren. Brasilien ist schon anders als Argentinien oder Uruguay. Nicht nur durch die Sprache. Auf dem Weg zum Busterminal haben wir z.B. etliche Biergärten gesehen, die haargenau einem deutschen Biergarten entsprachen. Die nannten sich sogar „Biergarten“. Die Fahrt bis zur Endstation am Busterminal hätten wir uns eigentlich sparen können, denn dort gibt es nichts zu sehen. Man steigt besser früher aus, dort wo die Biergärten sind. So liefen wir also die halbe Busstrecke wieder zurück. Foz do Iguazçu scheint über eine ziemlich große arabische Minderheit zu verfügen. Überall gab es Schawarma und Döner. Wie man das bei der Hitze essen kann, bleibt eines von vielen brasilianischen Geheimnissen.

Salto Floriano an der Garganta del Diablo im Parque do Iguaçu in Brasilien

In einer Farmacia haben wir uns Apres Sun Lotion besorgt, um unsere verbrannten Arme einzucremen. Irgendwann an der Straße, in der Nähe des Rathauses, fanden wir auch eine Touristeninformation, bei der wir uns über die touristischen Attraktionen von Foz do Iguaçu erkundigen wollten. Neben fließend Spanisch wurde hier auch gutes Englisch gesprochen. Die Wahrscheinlichkeit, auf jemanden zu treffen, der Englisch spricht, ist in Brasilien sehr hoch. Das kann man nicht genug hervorheben. Vielleicht liegt das daran, dass die Landessprache Portugiesisch nicht sehr verbreitet ist. Bemerkenswert war, dass die Dame frei heraus meinte, dass es hier eigentlich nichts zu sehen gäbe. Eventuell wäre der große Paraná-Staudamm von Interesse, der insbesondere bei Dunkelheit sehenswert sei. Dann machte sie uns auf ein kleines Problem aufmerksam, nämlich, dass der letzte Bus nach Argentinien in ca. 5 Minuten, kurz vor 19 Uhr, von der Bushaltestelle gegenüber der Touristeninformation abfahren würde. Später kommt man dann nur noch mit einem Taxi rüber. Damit war unser brasilianisches Abenteuer auch schon fast zu Ende.

Stadtansicht mit Bus von Foz do Iguaçu in Brasilien

So weit die Füsse tragen…

Nur Augenblicke später saßen wir im Bus zur Grenze. Auf der Fahrt fiel uns noch eine große Werbetafel für eine Wäscherei auf. An dieser hing tatsächlich richtige Wäsche und flatterte fröhlich im Wind. Das nenn‘ ich mal plastische Werbung! An dem brasilianischen Grenzposten hätte der Busfahrer wohl erst gar nicht angehalten, hätten wir ihn nicht laut rufend dazu aufgefordert. Wir wollten die Ein- und Ausreiseregularien dieser Staaten aber lieber nicht missachten. Ein fehlender Ausreisestempel kann bei einem späteren Einreiseversuch leicht als Überziehung des 90-Tage-Visums interpretiert werden. Wir haben auch davon gehört, dass Touristen in Paraguay mit empfindlichen Strafen rechnen müssen, wenn sie ohne argentinischen Ausreisestempel im Pass angetroffen werden. Das gleiche ist für die beiden anderen Länder auch anzunehmen. Also sind wir raus aus dem Bus und rein in den Grenzposten. Anders als bei der Einreise wartete dieser Bus jedoch nicht bis wir fertig waren, und so standen wir an der Grenzstation in dem Bewusstsein, dass uns wohl gerade der letzte Bus weggefahren ist. Wir überlegten, ob wir ein vorbeifahrendes Taxi anhalten, trampen oder einfach die paar hundert Meter zur argentinischen Seite zu Fuß gehen sollten. Wir entschieden uns für das letztere und machten uns auf den Weg. Es dauerte nur wenige Minuten und uns wurde klar, dass wir den Weg total unterschätzt hatten. Nach jeder Biegung hofften wir endlich an die Brücke zu kommen, aber diese kam und kam nicht. Da wir keine andere Wahl hatten gingen wir immer weiter und hofften noch bei Tageslicht anzukommen. Die Vorstellung, im Dunkeln zwischen zwei Staaten umherzuirren, war nicht sehr verlockend. Da kam sie endlich!

Internationale Grenze zwischen Argentinien und Brasilien

Gleich nach der Brücke ist auch schon der argentinische Grenzposten mit dem angeblich besten Duty-free Supermarkt des Kontinents. Uns trieb der Durst in diesen Shopping-Schuppen. Aber außer überteuerten Klamotten, Sonnenbrillen, Parfüm, legalen Drogen aller Art und Bausets für Bahlsen-Lebkuchenhäuser, gab es nichts zu kaufen. Nicht mal Wasser! Wer fällt eigentlich heute noch auf Duty-free Shops rein? Nach dieser Enttäuschung erledigten wir schleunigst die Grenzformalitäten und stellten erfreut fest, dass das Glück uns wieder treu war: Wir waren gerade rechtzeitig gekommen, um von einem Bus, der nach Puerto Iguazú fuhr, mitgenommen zu werden. Was lernen wir daraus? Der letzte Bus ist nie der letzte Bus! Einen halben Tag und vier neue Stempel im Pass später waren wir wieder zurück, glücklich und zufrieden und um viele Eindrücke reicher.

Río Iguazú als natürliche Grenze zwischen Argentinien und Brasilien bei Foz do Iguaçu

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Durch den Monsun

Ein heftiges Gewitter riss uns in den frühen Morgenstunden aus den Träumen. Es blitzte und donnerte. Der Regen war so stark, dass er auf dem Flachdach unseres Zimmers einen höllischen Lärm machte. Da wir so etwas in der Form noch nicht erlebt hatten, beschlossen wir trotz der Müdigkeit, uns den Wolkenbruch draußen anzusehen. Es muss noch sehr früh am Morgen gewesen sein, denn es war noch nicht ganz hell. Die Regentropfen waren so groß wie kleine Elefanten. Das Wasser wurde von der Kanalisation nicht mehr aufgenommen und schoss in wahren Sturzbächen die abschüssigen Straßen von Puerto Iguazú herunter. Es hatte sich auch merklich abgekühlt, aber kalt war es deswegen trotzdem nicht. Da wir noch sehr müde waren, konnte uns das Schauspiel nicht lange fesseln, und wir legten uns wieder hin und schliefen trotz des Trommelkonzerts auf dem Dach wieder ein. Irgendwie hatte der monsunartige Regen auch was Beruhigendes, Monotones.

Früüühstück…

Gegen 11 Uhr sind wir dann aus unserem Koma erwacht und mussten feststellen, dass der Regen kaum nachgelassen hatte. Trotzdem musste einer von uns nach draußen, um Frühstück zu besorgen. Der Regen ließ zwar manchmal ein wenig nach, aber nur, um dann kurz darauf umso stärker wieder loszulegen. So kam die Suche nach etwas Essbarem einem Vollbad gleich. Die zwei heißen Kaffees und diversen Facturas (Süße Teilchen) überlebten den Transport aber schadlos. Der Regen war genau so, wie man ihn sich im Dschungel vorstellt: Warm und heftig. Man könnte mit Shampoo und Seife bewaffnet auf die Straße gehen und duschen.

Wetterkarte der Unwettersituation in der Region Misiones in Argentinien

Plan B

Bis zum frühen Nachmittag hatten wir noch gehofft, dass es aufhören würde. Als es gegen 14 Uhr immer noch aus Eimern schüttete, gaben wir unsere Pläne, in den Nationalpark zu fahren, für heute endgültig auf. Wir haben uns daraufhin verschiedene Wetterprognosen im Internet angeschaut. Alle waren gleich entmutigend: Dauerregen für die nächsten Tage! Der Typ an der Rezeption des Hostels meinte allerdings, dass man sich hier auf die Prognosen nicht verlassen kann. Er sagte, dass bereits für die letzten fünf Tage Dauerregen vorhergesagt war, aber es erst heute anfing zu regnen. Zum Teufel mit den ganzen Prognosen, aber einen Plan B brauchen wir trotzdem! Falls es weiter so regnen sollte, würden unsere Iguazú-Pläne buchstäblich ins Wasser fallen. Also haben wir uns mit möglichen Alternativen beschäftigt. Zurück nach Buenos Aires zu fahren war keine Option. Bariloche war von hier einfach viel zu weit entfernt, denn dorthin wären wir zwei volle Tage im Bus unterwegs. Asunción, die Hauptstadt von Paraguay, wäre zwar leicht zu erreichen, aber die Wettervorhersage war genau die gleiche wie die für Puerto Iguazú. Was ist mit Brasilien? Schließlich befinden wir uns hier in einem Dreiländereck. São Paulo liegt in Reichweite und Interesse an der Megacity hatten wir beide. Im Internet hatten wir drei Busunternehmen und eine Fahrzeit von 14 Stunden recherchiert. Das ist absolut machbar. Und auf dem Rückweg würden wir dann hier nochmal unser Glück versuchen. Klingt gut!

Es war inzwischen schon 19 Uhr und hatte aufgehört zu regnen. Also haben wir uns am Busterminal um Tickets bemüht. Vom Busterminal in Puerto Iguazú fährt allerdings nur eine einzige Gesellschaft nach São Paulo, nämlich Crucero del Norte. Die anderen beiden Gesellschaften Pluma und Expresso Kaiowa fahren auf der brasilianischen Seite in Foz do Iguaçu ab. Bei Crucero del Norte gab es noch zwei Plätze, die jedoch im Bus verstreut lagen. Nachteil zwei war, dass wir zu einer unmöglichen Zeit in São Paulo ankommen würden, nämlich um 6 Uhr morgens. Nachteil drei, wir hätten alles in cash bezahlen müssen. Hier läuft alles über Bargeld! Das Hostel war schließlich auch noch nicht bezahlt und auch die wollen efectivo. Selbst im Nationalpark ist nur Bares Wahres. Wir haben zwar mittlerweise rausbekommen, das wir mehrfach pro Tag 300 Peso abheben können. Pro Transaktion sind dann aber gut 5 Euro fällig. Das größere Problem ist jedoch, dass man dann mit soviel Bargeld rumrennt. Die zweite Gesellschaft, Pluma, fährt zwar von der brasilianischen Seite, hatte aber wenigstens ein Verkaufsbüro in Puerto Iguazú, so dass wir für die simple Buchung nicht gleich nach Brasilien einreisen müssen. Die Tickets konnte man hier sogar mit Karte bezahlen. Pluma hatte aber für Sonntag auch nur noch Plätze mit einer sehr frühen Ankunft. Der Bus, der um 10 Uhr ankommt, hatte erst ab Montag wieder freie Plätze. Hinzu kam, dass wir dafür einen Termin am Donnerstag in Buenos Aires hätten verschieben müssen. Die ganze Aktion würde sich sonst nicht lohnen. Für eine simple Ticketanfrage bei Kaiowa hätten wir uns eine ca. 1,5-2 stündige Einreiseprozedur nach Brasilien aufgehalst. Da uns das alles zu umständlich erschien, haben wir die São Paulo Pläne wieder aufgegeben. So haben wir kurzerhand beschlossen, morgen nach Rosario zu fahren, sollte das schlechte Wetter anhalten. Dorthin gibt es täglich genügend Busse und Plätze.

Hafen von Puerto Iguazú in Argentinien

Dreiländereck

Da wir heute nicht mehr soviel anstellen konnten, blieb nur noch übrig, das Örtchen Puerto Iguazú zu entdecken. Als erstes sind wir zum Puerto, dem Hafen. Dort ist nicht viel los, eigentlich ist der Begriff Hafen schon zu hochgegriffen. Es ist nicht viel mehr als eine Anlagestelle, allerdings mit regelmäßiger Fährverbindung nach Foz do Iguaçu und Ciudad del Este. Der Hafen liegt deutlich unterhalb der Stadt. Auf den Straßen dorthin strömte noch immer das Wasser in Bächen in den Río Iguazú.

Blick auf den Río Iguazú vom Hafen in Puerto Iguazú in Argentinien

Plötzlich füllte sich eine Art Aussichtsplattform etwas oberhalb des Anlegers und aus allen Richtungen kamen Menschen. Dies ist wohl der Platz, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Wir sind aber weiter zum Dreiländereck, dem „Hito Tres Fronteras“ gelaufen. Hier begegnen sich, getrennt durch die Flüsse Iguazú und Paraná, die drei Länder Argentinien, Paraguay und Brasilien. Eine Art Obelisk in weiß und blau symbolisiert den Grenzstein auf argentinischer Seite. Als wir ankamen, war es schon dunkel und wir konnten die Lichter der drei Grenzstädte sehen. Richtige Städte sind eigentlich nur das brasilianische Foz do Iguaçu und Ciudad del Este, die am schnellsten wachsende Stadt Paraguays. Puerto Iguazú ist nicht mehr als ein größeres Dorf, aber gar nicht unsympathisch. Dort haben wir etwas mit Nachtaufnahmen experimentiert und über Belichtungszeiten gesprochen.

Blick auf Ciudad del Este in Paraguay und rechts daneben Foz do Iguaçu in Brasilien vom Hito Tres Fronteras in Puerto Iguazú in Argentinien

Eine Argentinierin aus BsAs hat das Treiben mitbekommen und uns in makellosem Deutsch angesprochen. Wir haben uns noch ein wenig mit ihr unterhalten, bis wir schließlich weitergezogen sind. Auf dem Weg zurück in die Stadt haben wir an einem Kiosk ein paar schöne Postkarten gekauft. Der Kioskbetreiber teilte uns bei der Gelegenheit gleich noch mit, dass Schalke 04 momentan auf dem 7. Tabellenplatz rangiert. Da war er offenbar besser informiert als wir. Zurück im Hostel haben wir uns nach Restaurants mit bargeldloser Zahlung erkundigt. Die beiden Typen vom Empfang übertrafen sich gegenseitig mit ihren Empfehlungen. Sehr gut gegessen haben wir letztlich in dem italienischen Restaurant „Il Fratello„.

In der Hoffnung, dass morgen die Sonne wieder scheint sind wir danach ins Bett gefallen.

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