Schlagwort-Archive: Essen

Reflektion und Karneval

Wie heißt es so schön: Wer früh aufsteht, muss auch früh zu Bett gehen. Das widerspricht jedoch vollkommen dem Lebensgefühl einer ganzen Stadt. Zudem passte dieses fragwürdige Ziel weder zu unserer Ankunft in der letzten Nacht, noch zu unserer heutigen Tagesplanung. Es war Donnerstag und bereits für die letzten Donnerstage hatten wir uns vorgenommen, auf die Piste zu gehen. Wir wollten den Tag ruhiger angehen lassen und uns dafür lieber nachts verausgaben. Für den Nachmittag stand ein fester Termin auf dem Programm, mit dem ich aber nicht viel zu schaffen hatte.

Restobar "El Hipopotamo" in der Calle Defensa in San Telmo in Buenos Aires Argentinien

Ich ging stattdessen in ein gemütliches Café in San Telmo und ließ mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Für mich sind die Cafés in Buenos Aires was ganz besonderes. Man kann den ganzen Tag mit nur einem einzigen Kaffee in ein und demselben Laden verbringen. Hat man erstmal bestellt, wird man komplett in Ruhe gelassen, ja fast ignoriert. Die Bedienung überlässt es dem Gast, ob und wann er mehr bestellen möchte, und belästigt ihn nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Für Europäer mag dies auf den ersten Blick unhöflich erscheinen, aber diese Art der Zurückhaltung ist Teil der argentinischen Lebensart. Es läuft eben alles ein bisschen langsamer, entspannter und unaufdringlicher ab. Mir gefällt dieses Laissez-faire.

San Telmo – Das unliebsame Viertel

Eine ganze Weile später kam ich mit einem anderen Gast ins Gespräch. Nach den typischen Fragen, was man hier so macht und wie es einem so gefällt, kamen wir ziemlich bald auf San Telmo zu sprechen. Er meinte, er sei nicht mehr so oft hier, weil sich San Telmo in seinen Augen sehr verändert hat. Mir war sofort klar, was er damit meinte. Ich wusste bereits vor meinem ersten Besuch in Buenos Aires, dass die allermeisten Porteños diesem Viertel nicht viel abgewinnen können. Man hat sich aber inzwischen arrangiert und lebt ganz gut von und mit den vielen Touristen und Zugezogenen. Ein Viertel im totalen Umbruch!

Avenida San Juan mit Mafalda in San Telmo Buenos Aires, Argentinien

Vor wenigen Jahren war San Telmo so verarmt wie es La Boca heute noch ist. Die Touristen haben dem Viertel dann jedoch einen bescheidenen Aufschwung gebracht. Viele Häuser wurden und werden saniert. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Wunsch nach mehr Wohlstand führt teilweise zu bizarren Auswüchsen. So gibt es nicht wenige Familien, die ihre Wohnungen komplett räumen und zu Freunden ziehen, um die Zimmer dann gegen harte Währung zu vermieten. Man kann schon verstehen, dass viele Einheimische dies eher skeptisch beäugen. Vielleicht handelt es sich dabei auch einfach nur um die Angst, von zahlungskräftigen Ausländern aus dem eigenen Stadtviertel vertrieben zu werden. Ich erzählte ihm von der Situation in Berlin-Prenzlauer Berg oder Mitte. Auch dort haben sich innerhalb nur weniger Jahre die Strukturen komplett verändert. Neuberliner und Touristen lieben diese Stadtteile und die übrig gebliebenen Alteingesessenen schauen argwöhnisch zu. Eine Medaille hat eben immer zwei Seiten, das war ihm auch klar. Ich war ihm total dankbar für diese nicht unkritischen Einblicke. Er gab mir noch wertvolle Tipps, was ich mir unbedingt ansehen müsste, und dann war es leider auch schon Zeit sich zu verabschieden.

Crazy Germans

Pünktlich um 17 Uhr trafen wir uns wieder in der Wohnung. Brenda war in ihrem Büro und so nutzten wir gleich die Gelegenheit, uns offiziell zurück zu melden. Die Gute hatte sich schon Sorgen gemacht, aber wir erklärten ihr, dass wir so schnell nicht unter die Räder kämen. Wir berichteten von unseren Abenteuern und sie schmunzelte nur und fand uns crazy. – „Ihr seid von Brasilien nach Argentinien gelaufen?“, „Ihr wolltet nach Ciudad del Este und Ascuncíon?“ Die Argentinier denken über Paraguay genauso klischeebehaftet, wie viele Deutsche über Polen. Ein Land voll von Autodieben und Ganoven. Brenda war ja auch schon im Dreiländereck unterwegs. Sie aber hatte sich dort nur mit dem Taxi fortbewegt. Ob aus reiner Bequemlichkeit, oder weil sie sich so am sichersten fühlte, wurde nicht ganz klar. Wir verstehen auch nicht, wovor die Leute eigentlich Angst haben und ob diese tatsächlich berechtigt ist. Vielleicht basiert diese ganze Furcht ja auch nur auf Halbwahrheiten und Gerüchten. Man sollte sich immer selbst ein Bild machen und so schnell wird man schon nicht umgebracht. Um es noch mal ganz klar zu sagen, es ist absolut kein Problem sich dort aufzuhalten. Naja, Brenda fand ja schon unseren Beschluss, lieber den Reisebus als das Flugzeug nach Iguazú zu nehmen, ungewöhnlich. Wir erklärten ihr, worauf es für uns beim Reisen ankommt. Der Trick ist die Geschwindigkeit. Man muss langsam reisen! Wer schnell reist sieht zwar viel, aber erlebt wenig.

Picada in der Restobar "La Poesia" in San Telmo Buenos Aires, Argentinien

Inzwischen hatte uns der Hunger gepackt und wir sind ganz in der Nähe ins „La Poesia“ gegangen. Wieder eine dieser charmanten Restobars (eine Mischung aus Restaurant und Bar), von denen es so viele in San Telmo gibt. Wir bestellten uns eine Picada und unterhielten uns darüber, was wir heute so erlebt hatten. Nach dem Abendbrot beschlossen wir, noch durch den Park an der Costanera Sur zu laufen. Als wir dort ankamen, war der Park jedoch bereits verschlossen. Hier fällt der Hammer um Punkt 18 Uhr, obwohl es noch Stunden hell sein würde. Das fanden wir alles andere als sinnvoll. Auf den fast schattenlosen Wegen durchs Naturreservat könnte man jetzt viel besser spazieren gehen als in der prallen Sonne. Naja, man muss nicht alles verstehen und so zogen wir einfach weiter entlang der Straße. Irgendwann landeten wir wieder zu Hause.

Break-Dance-Show beim Club 69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

Nachtleben

Fit für die Nacht brachen wir gegen zwei Uhr in Richtung Palermo auf. Wir wollten den Niceto-Club ausprobieren. Alles was wir im Netz dazu gefunden haben, klang sehr vielversprechend. Zu unserer Überraschung gab es auch einen Colectivo, der uns ohne Umsteigen genau dorthin fahren würde. Am Paseo Colón mussten wir noch gut 20 Minuten auf den Bus warten. Der füllte sich dann an jeder weiteren Haltstelle mit mehr und mehr Nachtschwärmern und brauste fast so voll wie am Tag durch das nächtliche Buenos Aires. Glücklicherweise haben wir auf Anhieb die richtige Kreuzung zum Aussteigen erwischt. Das erfordert im dunklen Bus schon ein wenig Konzentration vor allem, wenn man die Strecke noch nie gefahren ist. Wir gewöhnen uns aber mehr und mehr an die Colectivos.

Karneval beim Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

Kurz vor drei Uhr standen wir dann in der Schlange vor dem Nachtclub. Nach nur fünf Minuten waren wir auch schon drin und jeder um 40 Peso leichter. Innen war es brechend voll und wir kamen keinen Augenblick zu früh oder zu spät. Die Party brodelte. Das Niceto ist eigentlich nur die Location. Hier gibt es jeden Tag Partys. Immer von anderen Machern. Heute war Club 69. Das Publikum war bunt gemischt und nicht übertrieben schick. Man hätte diesen Club auch irgendwo in Europa finden können, aber sicher nicht in Berlin. Auffällig war das krasse Branding: Überall prangte Camel-, Sony-, Quilmes-, Philips- und andere Werbung. Zudem stand fast an jeder Wand, das rauchen nicht erlaubt sei. Das kümmerte aber niemanden und so wurde geraucht was die Schachteln her gaben. Wir holten uns ein Bier. Das läuft hier etwas anders als man es gewohnt ist. Zuerst steht man in einer Schlange an der Kasse an, um das Getränk zu bestellen und zu bezahlen. Dann stellt man sich mit dem Kassenbon an der nächsten Schlange an, um sein Getränk letztlich in Empfang zu nehmen. Wir staunten nicht schlecht über die Preise. Eine kleine Büchse Quilmes lag bei 12 Peso. Für argentinische Verhältnisse mächtig teuer. Die anderen Marken Brahma (14 ARS) und Stella Artois (17 ARS) waren auch nicht günstiger.

Karneval im Club69 im Niceto Club in Palermo Buenos Aires, Argentinien

Quilmes kann man allerdings nur trinken, wenn man an einem Rausch interessiert ist oder deutsches Bier nicht kennt. Die anderen Sorten waren auch nicht besser. Das tat der Party aber keinen Abbruch. Das Konzept war wirklich cool. Auf der Bühne gaben ein paar Jungs Break-Dance zum Besten, während unten die Meute zu einer elektronischen aber für mich undefinierbaren Musik tanzte. Eigentlich war die Performance auch kein wirklicher Break-Dance sondern Reggaetón. Jetzt war uns auch schlagartig klar, was wohl die beiden Brasilianer im Hostel in Rosario genau mit Reggaetón meinten. Der passt ganz wunderbar in einen Club. Reggaetón ist ein loser Sammelbegriff, wie bei uns das Wort Techno. Es gibt unglaublich viele Spielarten und Styles, die sich wie Tag und Nacht von einander unterscheiden können. Später zog dann eine bunt verkleidete Gruppe durch den Club bis auf die Bühne. Jetzt war Show-Time. Dafür ist der Club 69 bekannt.

Bühnenshow beim Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

Partyreihe Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires Argentinien

Die lasziv gekleideten Männer und Frauen führten eine improvisiert wirkende Varieté- und Travestie-Show vor. Ja es ist Karneval, überall, nicht nur in Rio! Auf einmal fielen riesige Luftballons von der Decke. Der Höhepunkt der Show war aber immer noch nicht erreicht. Die Musik hatte sich inzwischen auch verändert und wurde wesentlich elektronischer und progressiver. Sehr ähnlich der Panorama-Bar in Berlin. Ein heftiger Lametta-Regen brachte das Partyvolk erneut zum Johlen und Grölen und bildete gleichzeitig den Abschluss der Bühnenshow. Die Tänzer mischten sich unter die Leute. Eigentlich nicht wirklich unter die Leute, sie tanzten auf mehreren Podesten, die von einer Ecke des Raumes zur anderen geschoben wurden. Wir fanden die Party total geil und würden jederzeit wieder in diesen Club gehen. Clubbing ist sooo international…

GoGo-Tänzer beim Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires in Argentinien

Gegen sieben Uhr, es war noch stockdunkel draußen, sind wir zurück nach San Telmo gefahren. Den Bus für die Gegenrichtung fanden wir auf Anhieb. Der Busfahrer raste in lässiger Manier durch die Straßen von Buenos Aires. Als wir zu Hause waren ging langsam die Sonne auf und wir ins Bett.

Relaxt Busfahren im Colectivo 93 morgens um 6 Uhr in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

Top

Land unter

Die rumpelnde Apparatur an unserem Fenster, die betagte Klimaanlage, hatte unser Zimmer im Laufe der Nacht auf arktische Temperaturen runter gekühlt. Mitten in der Nacht sind wir durch die Kälte wach geworden und mussten uns mit allen Decken, die wir finden konnten, zudecken. Auf die Klimaanlage hatten wir leider keinen Einfluss. Das Monstrum kühlt nämlich gleich das ganze Hostel und unser Zimmer befand sich ausgerechnet am Beginn der Kühlkette. *bibber* Schöne Scheiße, aber mit den ganzen Decken ging es einigermaßen. Zu allem Übel mussten wir am Morgen feststellen, dass es regnete und der Himmel alles andere als blau war. So hatten wir es nicht besonders eilig, aus dem Bett zu kommen. Gegen Mittag hielt uns dann trotz anhaltender Regenschauer nichts mehr im Hostel und wir beschlossen, den Tag für einen Museumsbesuch im MACRO zu nutzen.

Hintereingang vom MACRo mit Graffiti in Rosario Argentinien

Pfützen-Hopping

In einer Regenpause verließen wir das Haus und machten uns auf die Suche nach einem Café. Das ist in Argentinien keine schwere Aufgabe, Cafés gibt es an jeder Ecke. Kaum, dass wir ein gemütliches Straßencafé gefunden hatten, fing es auch wieder an, stärker zu regnen. Geschützt durch eine Markise konnten wir trotzdem unseren Kaffee ungestört im Freien trinken. Kalt war es durch den Regen ja nicht geworden, nur nass. Als es nur noch leicht nieselte, schlichen wir weiter die Straßen entlang in Richtung des bunten Getreide-Silos, in dem sich das MACRO befindet. Wir waren nur ein paar hundert Meter weiter gekommen, als wir an einer sehr einladenden Bäckerei vorbeikamen. Da die Auslage im Schaufenster einen geradezu anlachte, gingen wir hinein und kauften ein paar Facturas, die wir bisher noch nicht kannten. Aufs Neue hinderte uns der Regen am Weitergehen und so aßen wir den größten Teil des süßen Backwerks direkt vor Ort. Um halbwegs trocken im Museum anzukommen, blieb uns wohl nichts anderes übrig, als es in Etappen zu versuchen.

Sintfluartiger Regen durch Fenster eines Cafés am Boulevard Oroño in Rosario, Argentina

Das nächste Stück, das wir schafften, war kaum länger als das letzte und endete erneut in einem Café. Diesmal meine es der Wettergott wohl ernst. Wir hatten eben zwei Café con Leche bestellt und blätterten in der argentinischen Boulevardpresse, als es anfing wie aus Kübeln zu schütten. Wir beobachteten den Wolkenbruch durch die großen Scheiben des Cafés und freuten uns, dass wir es gerade noch rechtzeitig hierher geschafft hatten. Plötzlich fing es an von der Decke zu tropfen, immer mehr Wasser bahnte sich seinen Weg in den Innenraum des Lokals. Der Wintergarten-ähnliche Anbau war alles andere als dicht und so wechselten wir die Plätze. Der Regen war inzwischen so heftige, dass das Wasser mehr und mehr das Café überflutete. Das Personal versuchte nun eilig mit Wasserschiebern und Eimern dagegen anzukämpfen. Vergebens! Das Wasser drückte inzwischen sogar durch die Spalten unter den Glasschiebetüren.

Überflutetes Café am Boulevard Oroño in Rosario, Argentinien

Schlagartig hörte es auf zu schütten. Die Entspannung beim Personal konnte man regelrecht von deren Gesichtern ablesen. Vor der Tür jedoch war nichts mehr wie es vorher war. Der Boulevard Oroño war nur noch zu erahnen und hatte sich in eine Seenlandschaft verwandelt. Wasser soweit das Auge reichte. Das wollten wir uns aus der Nähe ansehen. Mit festem Schuhwerk hätten wir jetzt echt ein Problem gehabt. Gut aber, dass wir mit „hippen“ Gummischlappen unterwegs waren. Nein, nicht diese hässlichen Croqs! Knöcheltief wateten wir im warmen Wasser weiter unserem Ziel entgegen. Die vorbeiziehenden Autos produzierten Mega-Wasserfontänen beim Durchqueren des neu entstandenen Seengebiets. Wir beobachtet ein älteres Ehepaar, wie es vorsichtig aus einem Taxi stieg und in die Fluten entlassen wurde. Was für ein Spektakel. Die Einwohner machten aber alle samt einen ziemlich gelassenen Eindruck und begegneten der Situation wie Profis. Bei uns wäre diese Art Regen wohl ein Katastrophenfall.

Normale Niederschläge in Argentinien - Boulevard Oroño in Rosario unter Wasser

Taxi in die Flut nach einem heftigen Regen in Rosario, Argentinien

Museo de arte contemporáneo de Rosario

Gegen 15 Uhr erreichten wir einigermaßen trocken unser Ziel. Schon von weiten sahen wir die bunten Silos, in denen das MACRO residiert. Das Museum für zeitgenössische Kunst steht direkt am Ufer des Río Paraná. Dummerweise war es noch geschlossen und würde erst gegen 16 Uhr öffnen. So mussten wir die Zeit überbrücken und sind durch einen kleinen Park flussaufwärts gelaufen. Dort begegneten wir Anglern, die im wässrigen Boden nach Regenwürmern fischten, und natürlich – wie könnte es in Rosario anders sein – einer Gruppe von Joggern. Aus mannshohen Abflussrohren strömte das Wasser aus der Kanalisation in den Río Paraná. Eine Unmenge Zivilisationsmüll, die der Regen von den Straßen gewaschen hatte, trieb nun in seinen Fluten und verfing sich in der Uferböschung. Es dauerte nicht lang bis der Weg zu Ende war und wir zurück gingen. Den Rest der Wartezeit haben wir im Restaurant „Davis“ direkt am MACRO verbracht und sehr lecker gegessen.

Bruschetta, Salat und Pommes im Restaurant "Davis" am MACRo in Rosario, Argentinien

Por favor no tocar las obras – Bitte nicht berühren

Das MACRO würde man sicher nicht in einer Reihe mit dem MoMa, dem Tate Modern oder dem Hamburger Bahnhof nennen, aber verstecken braucht es sich deswegen noch lange nicht. Unkonventionell und originell zeigt es auf zehn Stockwerken ein breites Spektrum an Gegenwartskunst. Am besten man fährt mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, genießt eine Weile die tolle Aussicht und arbeitet sich dann nach unten durch. Die Ausstellungsräume sind alle nicht sehr groß, sodass ein Rundgang nicht sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Im 7. Stock gab es eine interessante Audioinstallation namens „Nocturno“ von Diana Schufer. Der größte Raum des ganzen Gebäudes war komplett verdunkelt und von der Decke hingen spärlich beleuchtete Lautsprecher aus denen Stimmen zu hören waren. Ein Weg führte ans Ende des Raumes entlang der verstreut angebrachten, kleinen Lautsprecher, aus denen aufgezeichnete Stadtgespräche aus Buenos Aires tönten. Durch die Dunkelheit wurde der Fokus fast vollständig auf das Gehör gelenkt. Die Idee fanden wir beide ziemlich gut, aber leider scheiterten wir an der Installation auf Grund unserer mangelhaften Spanischkenntnisse.

Besucherinnen im Museum für Gegenwartskunst MACRO in Rosario, Argentinien

Besucherinnen betrachten eine Videoinstallation im MACRo in Rosario, Argentina

Zwei Stockwerke tiefer wurde der Ausstellungsraum in eine Camera obscura umfunktioniert. In der Außenwand des selbstverständlich abgedunkelten Raumes befand sich ein winziges Loch. Die gebündelten Lichtstrahlen zeichneten den Río Paraná samt Inseln auf die gegenüberliegende weiße Wand. Die kopfüberstehende Abbildung war quasi eine Live-Sendung des Geschehens auf dem Fluss. Simple und genial! In den folgenden Stockwerken gab es weitere Installationen und die erst seit Banksy anerkannte Gattung der Street-Art zu sehen. Die Werke erinnerten mich sehr an das, was ich in der kleinen Galerie im „Hollywood in Cambodia“ im Stadtteil Palermo in Baires gesehen habe. Das MACRO ist auch ein Ort zum Anfassen und Mitmachen. Es scheint dort öfters lustige Happenings zu geben, bei denen jedermann „Kunst machen“ kann. Die Werke der letzten Aktion, nämlich mit bunter Farbe punkig beschmierte T-Shirts, gab es dann auch gleich im hauseigenen Design-Shop zu kaufen.

Angeln am Ufer des Río Paraná in Rosario, Argentinien

Wer mal eine virtuelle Tour durch die Gegend rund ums MACRO machen will kann hier klicken, dort findet man auch viele weitere 3D Touren durch Rosario.

Runde durch Rosario

Das Wetter hatte sich mittlerweile stabilisiert und dem Regen war für heute endgültig die Puste ausgegangen. Auf dem Rückweg machten wir einen Rundgang durch die Parks flussabwärts. Am Zentralbahnhof „Rosario Central“ dachten wir für einen Augenblick, dass wir den Hauptbahnhof gefunden hätten. Wir spielten nämlich mit dem Gedanken, den Zug zurück nach Buenos Aires zu nehmen. Dieser Irrtum klärte sich aber relativ schnell durch den Graswuchs zwischen den Schienen und die fehlenden Reisenden auf. Die Anlage dient heute als Gemeindehalle für Kunst und Kultur. So zogen wir ohne Zuginformationen weiter zum Parque España. Die Treppen vor der Plaza dienten den zahlreichen Joggern als Kraft- und Konditionsprobe. Durch die unter Wasser stehenden Wiesen liefen wir weiter zu den alten Lagerhallen, in denen sich die „Escuela de artes urbanas“ befindet. Dort konnten wir Artisten beim Kopfstandüben zusehen. Schließlich kamen wir wieder am Monumento a la Bandera an. Das gleichnamige Museum war für heute schon geschlossen, so dass wir langsam zurück zum Hostel gingen. In der Fußgängerzone feierten wir das Ende des Regens mit einer Portion Eis und besuchten ein wunderschönes, altes Kaufhaus aus dem 19. Jahrhundert, das derzeit zur chilenischen Kaufhauskette „Falabella“ gehört. Der Innenraum des Kaufhauses sah aus, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Galería Falabella in der Fussgängerzone Avenida Cordoba in Rosario, Argentinien

Decke der Galería Falabella in der Fussgangerzone Avenida Cordoba in Rosario, Argentinien

Nach Mitternacht machten wir uns erneut auf die Pirsch durch die Stadt. Wir wollten uns mal das Nachleben anschauen. Im Hostel hatten sie uns dafür die Avenida Pellegrini empfohlen. Wenn was geht, dann da. Dienstag ist aber nicht der beste Tag, um auszugehen. Außerdem sind Semesterferien und den meisten Rosarinos wird es heute zu frisch draußen sein. So liefen wir durch ein fast ausgestorbenes Rosario bis wir endlich die Straße erreichten. Da war auch tatsächlich noch was los. Links und rechts der großen Straße waren etliche Bars und Restaurants geöffnet. Voll war es aber nirgend so richtig, außer in den ungefähr 1000 Eisdielen. Die sind echt toll, aber nicht das, was wir uns unter Nachtleben vorgestellt hatten. Auf dem Rückweg sind wir nochmal am Denkmal der Staatsflagge vorbei und haben ein paar Nachtaufnahmen gemacht. Nachts wird das Wahrzeichen in den argentinischen Nationalfarben weiß und blau angestrahlt.

Nacht über dem Propileo des Monumento a la Bandera in Rosario in Argentinien

Top

Salz auf unseren Lippen

Wie bereits angekündigt, haben wir noch einen Tag in Punta del Este angehängt. Unsere Vermieterin hatte nichts dagegen und so stand einem weiteren Tag am Meer nichts im Weg. Aufgrund der Hitze sind wir erst am frühen Nachmittag aus dem Haus. Für heute hatten wir uns die weiter von Punta del Este entfernten Strände vorgenommen. Außerdem wollten wir die Casa Pueblo besichtigen.

Busfahrt nach Chihuahua

Nach einem Fußmarsch zu unserem Strandabschnitt an der Rambla Lorenzo Batlle Pacheco (Routa 10), haben wir die Linie 20 in Richtung Punta del Este genommen. Der Busfahrer erklärte uns, dass wir ein Kombinationsticket (Preise sind entfernungsabhängig.) brauchen würden. Wir müssten auf jeden Fall umsteigen, um zum Strand von Chihuahua zu gelangen. Kurz vor dem eigentlichen Busterminal, an einer Stelle wo viele andere Leute mit Kombinationstickets ausstiegen, sind wir einfach mit ausgestiegen. Eine Frau erklärte uns, dass wir von hier bis zum Terminal Maldonado fahren müssten, um von dort einen weiteren Bus zu nehmen. Kurz vorm Busterminal Maldonado gab uns die Frau einen Hinweis, dass wir jetzt umsteigen müssen. Am Terminal standen bereits einige Busse zur Abfahrt bereit, aber welcher fährt nun nach Chihuahua? Der mit der Nummer 100 sah gut aus. Auf dem stand “Piriápolis“ und ich wusste anhand der Karte, dass die Richtung schon mal stimmen musste. Also haben wir die Busfahrerin gefragt, sie bejahte unsere Frage und wir sind eingestiegen. Für diese Fahrt brauchten wir jedoch ein neues Ticket. Das Kombinationsticket ist mit einmal umsteigen abgefahren. Und dann ging es auch schon weiter. Wir saßen bei geöffnetem Fenster und beobachteten die Umgebung. Der warme Sommerwind blies uns dabei ins Gesicht.

Playa Chihuahua, Playa Solana del Mar und Playa Portezuelo

Kurz nach dem wir Punta Ballena passiert hatten, wurde auch schon die Haltestelle Chihuahua von der Busfahrerin ausgerufen. Die Playa Chihuahua liegt in unmittelbarer Nähe zum kleinen Flughafen von Punta del Este. Von dort kann man in 45 min, zum Beispiel mit Pluna, nach Buenos Aires fliegen. Jedenfalls sind wir dort ausgestiegen und eine recht lange Straße bis ans Meer gelaufen. Der Küstenabschnitt mit den Stränden Playa Chihuahua, Playa Solana del Mar und Playa Portezuelo liegt von Punta del Este aus gesehen in Richtung Montevideo und verläuft von Ost nach West. Er gilt als weniger gefährlich als die Strände auf der anderen Seite von Punta del Este, wo wir gestern waren. Die Brandung ist hier nicht so stark. Daher tummeln sich hier auch eher die Familien mit Kindern (Playa Solana del Mar, Playa Portezuelo). Wenn man mehr Ruhe sucht, sollte man eher weiter westwärts (Richtung Montevideo) laufen zur Playa Chihuahua.

Einsamer Strand Playa Chihuahua bei Punta del Este, Uruguay

Playa Solana del Mar bei Punta del Este in Uruguay

Da gibt es kilometerlange, einsame Strände, wo sich u.a. die FKK-Anhänger versammeln. Zunächst sind wir in diese Richtung gelaufen, zu den einsameren Stränden. An einer ruhigen Stelle haben wir dann ausgiebig gebadet und das erfrischende Meer genossen. Es war gerade Ebbe und der Atlantik gab eine kleine Sandbank frei, die regelmäßig von den Wellen überspült wurde. Auf dieser ließ es sich herrlich laufen. An einer Stelle hatte sich bereits ein kleiner See abgeteilt, der bei Hochwasser Verbindung zum Meer hat. Das Wasser stand darin und war unglaublich warm, wie in einer Badewanne. Hier sind wir dann umgekehrt. Wir wollten ja noch die Casa Pueblo sehen, die man ganz weit in der Ferne nur noch schemenhaft erahnen konnte. Und so liefen wir Kilometer um Kilometer zurück. Von der Playa Chihuahua vorbei an der Playa Solana del Mar bis zur Playa Portezuelo. Mit jedem Meter, den wir zurücklegten, wurden die Strände voller, lauter und wahnsinnig touristisch.

Familienstrand Playa Portezuelo bei Punta del Este in Uruguay

Je touristischer es wurde, umso dichter kam die Bebauung ans Wasser. Die Region um Punta del Este erlebt seit einigen Jahren einen exzessiven Bauboom und so wundert es kaum, dass viele luxuriöse Privathäuser direkt in den Dünen gebaut wurden und noch immer werden. Von hier aus konnten wir nicht am Strand weiterlaufen, da uns Felsklippen den Weg versperrten. So mussten wir irgendwie auf die Hauptstraße kommen. Auf dem Weg dorthin sprach uns eine Frau an, die bemerkt hatte, dass wir deutsch sprachen, und fragte, ob wir nach Punta del Este wollten. Als wir ihr erklärten, dass wir erst noch nach Punta Ballena wollten, um die Casa Pueblo anzuschauen, bot sie an, uns ein Stück in die Richtung mitzunehmen. Wir nahmen dankend an und stiegen in ihr blaues, Jeep-artiges Auto, das wahrscheinlich bei uns schon 1972 keinen TÜV mehr bekommen hätte. Ein herrliches Ding. Das einzige, was gut funktionierte, war der Anlasser. Einen Gang einzulegen, war dann schon ein mittelschwerer Kraftakt, was das Getriebe mit lautem Stöhnen quittierte. Das Auto war etwas schwach auf der Brust, es krächzte und röchelte, so dass wir es im Schneckentempo gerade so auf den Felsen schafften, an dessen Hang die Häuser von Punta Ballena gebaut sind. Der Geräuschpegel im Auto war so unglaublich laut, dass wir uns kaum unterhalten konnten. Sie erzählte uns, wie sehr sich die ganze Gegend hier in den letzten Jahren verändert hat. Wir erfuhren auch, dass sie 2 Jahre in Hamburg lebte. Dann fragte sie uns, ob wir schon in Rocha waren. Sie sagte, dass sie es dort viel natürlicher und nicht so zubetoniert und überlaufen findet und die Region ein echter Geheimtipp wäre. Rocha liegt von Punta del Este ca. 200 Kilometer entfernt in Richtung Brasilien an der Atlantikküste. An der Straße, die direkt zur Casa Pueblo führt, setzte sie uns schließlich ab und wir haben wir uns verabschiedet. Was für ein Glück wir hatten: Zu Fuß wäre dieser Marsch nicht nur lang und anstrengend gewesen, sondern auch ziemlich gefährlich, weil er direkt entlang einer vierspurigen Schnellstraße verläuft.

Casa Pueblo

An der Straße zur Casa Pueblo erwartete uns gleich die nächste Steigung, an deren höchstem Punkt wir mit einer wunderschönen Fernsicht auf Punta del Este belohnt wurden. Nach geschätzten anderthalb Kilometern zu Fuß erreichten wir dann endlich die Casa Pueblo.

Die Casa Pueblo an der Punta Ballena Nahe Punta del Este in Uruguay

Die Casa Pueblo an der Punta Ballena Nahe Punta del Este in Uruguay

Mittlerweile stand die Sonne schon ziemlich tief und tauchte das weiße Gebäude in ein zauberhaftes Licht. Die Casa Pueblo ist eigentlich ein Hotel. Sie wurde von dem uruguayischen Künstler Carlos Páez Vilaró erbaut. Die Architektur erinnert ein wenig an Gaudí. Es gibt in dem Gebäude außerdem eine Gallerie des Künstlers und eine kleine Bar. Beides kann man sich nach Entrichtung eines Obolus (5US$ oder 120 UY$) auch als Besucher anschauen. Die Gallerie war recht überschaubar. Man kann dort Werke des Künstlers erwerben und etwas über seine Beziehung zu Pablo Picasso erfahren, wenn man spanisch kann.

Gallerie Vilaró in der Casa Pueblo an der Punta Ballena nahe Punta del Este in Uruguay

In einem anderen Raum lief ein Film mit englischen Untertiteln über die besondere Architektur, sowie über das Leben und Schaffen von Carlos Páez Vilaró. Auf einer Terrasse standen viele Stühle in mehreren Reihen, die einzig und allein dem Zweck dienten den Sonnenuntergang zu zelebrieren. Wir haben jedoch nicht solange gewartet, sondern sind wieder zurück zur großen Straße gelaufen. Dort haben wir in der Nähe der Stelle, wo wir vorher raus gelassen wurden, auf den Bus nach Punta del Este gewartet. Außer uns wartete bereits ein argentinisches Pärchen, das auch nach Punta wollte. Die beiden baten uns, mit Ihnen zu winken, wenn der Bus kommt, da es sich nicht um eine offizielle Haltestelle handelte. Die Busse kann man in Uruguay grundsätzlich auf offener Strecke anhalten. Je mehr winken umso besser, denn dann ist die Chance mitgenommen zu werden um einiges größer. Es kann nämlich auch sein, dass der Busfahrer einfach vorbeifährt. Während wir auf den Bus warteten taucht die Sonne in einem atemberaubenden Tempo ins Meer. Der Sonnenuntergang war spektakulär und färbte die Umgebung orange, rot und violett. Der Bus kam, wir winkten, er hielt tatsächlich an und brachte uns nach Punta del Este.

Die Casa Pueblo an der Punta Ballena Nahe Punta del Este in Uruguay

Terrassen in der Casa Pueblo an der Punta Ballena nahe Punta del Este in Uruguay

Abendessen

Wir hatten Hunger und Durst, aber nur noch wenig Geld, also machten wir uns auf die Suche nach einem Geldautomaten (cajero automático). Die leidige Beschaffung von Geld beschäftigte uns jeden Tag. Wir haben das Gefühl, dass uns die Banken zum Sparen animieren wollen. Wir können einfach nicht mehr als 2500 uruguayische Pesos (ca. 75 EUR) auf einmal abheben, egal bei welcher Bank und an welchem Automaten. Scheinbar gibt es da ein Limit für internationale EC-Karten oder wir sind einfach zu dämlich. Nachdem wir wieder flüssig waren, sind wir essen gegangen. Der Magen knurrte, sodass eine Parrilla jetzt genau das Richtige war. Dafür sind wir in ein Restaurant gegangen, dass uns bereits Tage zuvor auf dem Nachhauseweg aufgefallen war: Oro y Taba. Wir waren die einzigen Gäste, die auf der Terrasse saßen. Einheimische essen scheinbar lieber drinnen. Einer der Kellner, der etwas englisch konnte, half uns bei der Auswahl des Essens. Als Entrada (Vorspeise) gab es eine spanische Käse-Wurst-Platte mit Oliven und jeweils einen Salat. Als Hauptgericht hatten wir einen Fleischspies (Bruschetta de Lomo) und ein kleines Steak (Petit Bife Angosto), von dem alleine schon zwei hätten satt werden können. Dann haben wir uns noch jeweils ein Dessert ausgesucht: Isla Flotante, ein Zuckerberg in einer Erdbeersauce, übergossen mit einer Karamellsauce.

Nachtisch Isla Flotante im Restaurant Oro y Taba in Punta del Este in Uruguay

Und Postre Oro y Taba, ein Erdbeersorbet auf Biskuit mit Schokoschicht darüber und richtig viel Sahne, dazu grüne Geleefrüchte). Allein das schon gefühlte 6000 Kalorien. Wir haben es auch grad so bis zur Hälfte geschafft. Inklusive einer Flasche uruguayischen Merlot, einer Flasche Wasser und des Trinkgelds waren wir dann unsere 2500 Pesos auch wieder los. Dafür haben wir sehr üppig gegessen und wurden exzellent bedient.

Postre Oro y Taba im Restaurant Oro y Taba in Punta del Este in Uruguay

Ausgehen

Die Nacht wollten wir schließlich mit einem Clubbesuch abrunden. Nach einer kurzen Stippvisite, um ein paar Sachen loszuwerden, sind wir wieder ins Zentrum von Punta del Este gefahren. Wir hatten uns vorsichtshalber zwei Clubs im Internet rausgesucht und auch vor Ort gefunden. Leider sind aber beide Clubs nur am Wochenende geöffnet, sodass wir gegen halb 5 auch ohne Clubbesuch todmüde ins Bett gefallen sind.

Morgen geht es nun weiter nach Montevideo.

Typisches Hochhaus im Zentrum von Punta del Este in Uruguay

Top

Let’s not think about tomorrow – Lass uns nicht an morgen denken

Kurz war sie, die vergangene Nacht. Ich bin durchs Bloggen erst wieder sehr spät ins Bett gekommen. Das Schreiben, die Bilderauswahl und das Hochladen nehmen doch mehr Zeit in Anspruch als man eigentlich wollte. Und die Internetverbindung war so unendlich lahm wie die ganzen Tage zuvor nicht, und so gestaltete sich der Upload der Bilder als mittelschwere Geduldsprobe.

Avenida Belgrano

Wie dem auch sei, bereits um 10 Uhr waren wir erneut mit Billie verabredet, um mit ihr ein paar Details zu besprechen und um sie besser kennenzulernen. 10 Uhr ist ziemlich früh für diese Stadt aber so hatten wir Gelegenheit ihr Apartment an einem Freitagvormittag zu erleben. Die Stadt präsentiert sich je nach Wochentag und Uhrzeit in einem jeweils anderen Licht. Mal stickig, laut und überlaufen und mal ruhig, ausgestorben und gemütlich. Jedenfalls war das mit dem aus dem Bett kommen nicht ganz so einfach heute aber wir haben es dann doch noch mit einer kleinen Verspätung zu Billie geschafft. Und schon standen wir in dem alten, schmiedeeisernen Aufzug der uns krächzend und gemütlich nach fast ganz oben in Billies Appartment brachte. Zum Glück hat sie uns gleich einen Kaffee angeboten, der dann auch etwas Leben in den müden Körper brachte. Billie sprudelte bereits nur so über und sprach wie ein Wasserfall. Ihre Informationen stürzten wie Fremdkörper auf mich ein und ich hatte noch Mühe alles zu verfolgen.

Der Motor des Aufzugs in Billies' Wohnhaus im englischen Stil in Buenos Aires

Internet mal ganz plastisch

Billie hatte bereits eine kleine Gruppe an Montagearbeitern einer Kabelfirma in der Wohnung, die die von ihr abgeschnittenen Telefonleitungen ordentlicher verlegen sollten. Dazu muss man wissen, dass man sich in Buenos Aires ein ziemlich plastisches Bild vom Internet machen kann und es tatsächlich sieht. Es spannt sich über die Dächer der Stadt wie ein riesiges Spinnennetz. Dabei entstehen sehr abstrakte Eindrücke, wenn man mal hier und da gen Himmel schaut. Braucht man in BsAs einen Anschluss, kommen die Jungs von der Kabelgesellschaft und werfen einfach ein neues Kabel von Dach zu Dach und gut ist. Eigentlich ist diese Praxis illegal aber keiner kümmert sich drum, außer Billie. Heute soll sie nun den ersehnten Verteilerkasten bekommen und sie will streng darauf achten, dass die Kabel nun sauber verlegt werden.

"Das Internet" über den Dächern von Buenos Aires

Der vernetzte Himmel von Buenos Aires

Gegen 14 Uhr sind wir bei Billie aufgebrochen um einen Copy-Shop aufzusuchen. Glücklicherweise war so ein Laden gleich an der nächsten Straßenecke, so dass dies recht schnell erledigt war. L. wollte unbedingt ein paar bürokratische Erledigungen machen, die uns mit seinem kopierten Pass erst zur Polizeistation von San Telmo führte und dann noch einmal zu Billie. Gut, erledigt! Heute ist unser vorerst letzter Tag in Buenos Aires und den wollten wir noch einmal genießen. Gegen 16 Uhr waren wir mit dem bürokratischen Teil des Tages durch und konnten uns wieder dem touristischen Buenos Aires widmen. Ich schlug vor in ein tolles Café entlang der Subte Linea A zu fahren. Der Gedanke an morgen macht mir ehrlich gesagt keine gute Stimmung aber noch ist es ja nicht soweit und so stürzten wir uns noch einmal in einen Nachmittag. Das Wetter war, wie fast jeden Tag, sehr sommerlich und sehr angenehm.

Die Cafés, die Seele der Stadt

Die Cafés der Stadt gehören zur Lebensart von Buenos Aires wie Tango, Evita oder Parrilla. Die Confitería Las Violetas in der Avenida Rivadavia 3899 (Subte „Castro Barros“) ist ähnlich wie das Grand Café Tortoni ein Traditionscafé. Es wird größten Wert auf Authentizität gelegt und sehr viel Aufwand betrieben um die eleganten, historischen Cafés der Stadt in Schuss zu halten. Es gibt sogar ein Gesetzt zum Schutz und Erhalt dieser Traditionscafés und Bars. Das Las Violetas im Viertel „Almagro“ ist hell und klassisch eingerichtet und bietet eine große Auswahl an Torten und Gebäck. Diese kann man entweder im mondänen Ambiente des Cafés gebührend genießen oder einfach mit nach Hause nehmen.

Birthday Bash im Las Violetas im Stadtteil Almagro in Buenos Aires

Toastecken mit Marmelade sowie Cappuccino

Bei Toastecken mit Marmelade, Cappuccino und Coke light haben wir die letzten Postkarten an unsere Liebsten geschrieben und die Seele baumeln lassen. Den Weg zurück sind wir zu Fuß gegangen. So bekommt man einfach den besten Eindruck von einer Stadt und man entdeckt immer wieder spannendes links und rechts des Weges. Wir sind einfach dem Linienverlauf der Subte Linea A entlang der Avenida Rivadavia in Richtung Monserrat gefolgt. Dabei kamen wir an der Plaza Miserere vorbei. Der Platz war ziemlich bevölkert. Hier treffen sich die Menschen um zu plauschen oder zu handeln. Einige verkauften Dies und Das auf am Boden ausgebreiteten Tüchern. Wenig später sind wir noch am National Kongress und der Plaza del Congreso vorbeigekommen. Dort parkte ein ziemlich cooles und ziemlich zugetaggtes Wohnmobil.

Zugetaggtes Wohnmobil auf der Plaza del Congresso

Rush Hour Chaos

An der Megakreuzung 9 de Julio / De Mayo haben wir die allabendliche Rush-Hour beobachtet. Heute waren sogar Polizisten im Einsatz die das Regeln des Verkehrs zusätzlich zu den Ampeln übernahmen. Zirka 10 Sekunden bevor eine Ampel auf Rot schaltete hielten die Polizisten bereits den Verkehr an. Das sollte verhindern, dass die Leute mit Ihren Autos den Kreuzungsbereich verstopfen. Hier zählt jeder Meter der gefahren werden kann. Um also das größtmögliche Chaos zu vermeiden sperren die Polizisten rechtszeitig die Kreuzung für die jeweilige Richtung, die als nächstes Rot bekommt.

Der allabendliche Wahnsinn (Rush Hour) an der Megakreuzung Avendida 9 de Julio und Avenida de Mayo

Die Italienerin in Algerien

In der Av. De Mayo haben wir uns dann ganz spontan für einen Theaterbesuch am Abend entschieden. Genauer gesagt haben wir uns für eine Oper entschieden und zwar Rossinis L’Italiana in Algeri, deren Neuinszenierung heute Premiere in der „La Nueva Ópera de Buenos Aires“ feierte. Das kulturelle Angebot in Buenos Aires ist wirklich überwältigend. In keiner anderen Großstadt soll es so viele Bühnen geben wie hier. Man sagt es seien um die 180 Bühnen.

Rossinis L'Italiana in Algeri in der La Nueva Opera de Buenos Aires

Wie dem auch sei, unsere Vorstellung startete aber erst um 20 Uhr sodass wir noch Zeit für einen Salat in einem Restaurant ganz in der Nähe hatten. Dort machten wir zum wiederholten Male tierische Bekanntschaft mit einem der vielen umherstreunenden Hunde. Er schaute uns an, wir schauten ihn an und schon lag er ganz entspannt unter unserem Tisch. Was er genau wollte blieb allerdings unklar. Gebettelt hat er nicht!

"Pedro" einer unser vielen tierischen Teilzeitfreunde

Nach dem ersten Akt haben wir die Oper aber wieder verlassen, weil wir noch packen mussten und schon wieder Hunger hatten. Zum Abendessen haben wir uns dann das moderne Eckrestaurant gegenüber dem “El Federal” in San Telmo an der Ecke der Straßenkreuzung Carlos Calvo und Peru ausgesucht. Dort gab es einen superleckeren Salat mit mindestens einem Kilo Blauschimmelkäse. (: Na soviel war es nicht aber immerhin soviel, das ich es nicht aufessen konnte und das mag bei Käse schon was heißen. Dann sind wir nach Hause und dort hieß es packen. *Schnief*

Architektonischer Blick von der Plaza del Congresso in Richtung Avenida 9 de Julio

Top

Unterwegs in den Straßen von Buenos Aires

Heute wollten wir es noch mal wissen. Wie lange muss man eigentlich laufen bis einem die Füße weh tun? Das Ziel für den Tag war u.a. das Shoppingcenter Abasto de Buenos Aires im gleichnamigen Stadtteil. Noch ein bisschen mehr Shopping könnte sicher nicht schaden und dabei gleich ein paar unbekannte Viertel und Straßenzüge in Buenos Aires aufdecken. Perfekt! Also sind wir so gegen halb zwei, nach unserem alltäglichen „Cafe con leche y medialunas“-Ritual im Café Origen, in Richtung Westen aufgebrochen. Unser Weg führte uns von San Telmo, durch den nördlichsten Zipfel von Constitución direkt in das nächste Quartier „San Cristóbal„.

San Cristóbal an einem ganz normalen Tag

Viel war an diesem Tag (noch) nicht los und so präsentierte sich das Viertel beschaulich und ruhig. Ab uns zu kamen uns Schüler entgegen oder standen nach Schulschluss noch vor den Colleges. Das Tragen von Schuluniformen scheint in Argentinien absolut Usus zu sein. Das ist uns bereits bei unserem Kurztrip nach Tigre aufgefallen. Dort sind wir kurz vor Tigre an unzähligen, ziemlich noblen und privaten Colleges vorbeigefahren und immer wieder mal sind Schüler in den Bus 60 gestiegen, um ein paar Stationen mitzufahren. Jedes College hatte natürlich seine eigene Uniform. Wie dem auch sei, San Cristóbal machte jedenfalls einen ziemlich guten Eindruck. Man konnte den Bewohnern herrlich bei Ihrem Alltagsleben zuschauen.

Verkauf und Reparatur von alten Nähmaschinen in Buenos Aires

Pastaherstellung zum Zugucken in Buenos Aires

Uralte Druckmaschine druckt Visitenkarten in Buenos Aires

Da wurden Hunde ausgeführt oder Waren des täglichen Bedarfs ge- oder verkauft. Einige Handwerker waren in ihren Werkstätten beschäftigt und andere standen auf der Straße und unterhielten sich mit Ihren Nachbarn. San Cristóbal scheint eines dieser durchschnittlicheren Wohnviertel zu sein. Während wir so liefen, sind wir natürlich auch wieder an unzähligen Bäckereien vorübergegangen. Ehrlich gesagt, kann man da nicht sehr lange widerstehen und so haben wir uns bei der nächsten Gelegenheit ein paar süße Kleinigkeiten geholt.

Süße Leckereien aus einer Bäckerei in Buenos Aires

Verkäuferin verpackt ein paar unsere Leckerlies aus einer der vielen tollen Baeckerei in Buenos Aires

Später, an einem Kiosco, haben wir uns dazu noch Mineralwasser und Coke gekauft und fertig war unser spontanes, süßes Picknick, dass wir in dem kleinen Park an der Plaza 1 de Mayo hatten. Ich glaube wir waren die einzigen Touristen dort. Das Viertel ist einfach zu abseits der typischen Touristentrampelpfade. Nach der kurzen Rast kreuzten wir nur einen Block später die Avenida Rivadavia und befanden uns damit bereits in Once [sprich: On’sse].

Hektische Geschäftigkeit in Once

Der Stadtteil Once hat eine lange jüdische Tradition. Once kann man wohl am ehesten noch mit New York’s Lower East Side oder dem ehemaligen Berliner Scheunenviertel vergleichen. Überall kann man noch die ehemaligen, stark jüdischen Kultureinflüssen sehen und spüren. Heute gilt Once als lautes und hektisches Händlerviertel mit vielen Geschäften und Outlets. Beim Weiterlaufen sind wir dann in die Larrea Straße eingebogen.

Geschäftige Larrea Straße im Stadtteil Once von Buenos Aires

In dieser engen Straße konnten wir uns dann ein Bild von dieser Geschäftigkeit machen. Dort reiht sich Fachgeschäft an Fachgeschäft und auch sonst war die Straße sehr belebt und rastlos. Hier gibt es sehr spezialisierte Läden vornehmlich für Stoffe, Unter- und sonstige Wäsche, sowie Kopfbedeckungen aller Art, Geschenkpapiere und Verpackungen.

Hochspezialisierte Fachgeschäfte findet man überall in den Strassen von Buenos Aires

Buenos Aires ist bekannt für diese starke Spezialisierung der Geschäfte. Man trifft oft auf Straßenzüge, die sich auf ein ganz bestimmtes Handelsgut bzw. Produkt spezialisiert haben. So gibt es z.B. eine Straße, in der man alles rund ums Thema „Auto“ bekommt. In einer anderen Straße findet man einen Buchladen nach dem nächsten. Und in wieder einer anderen Straße reiht sich Baumarkt an Baumarkt. Das ist schon sehr auffallend und eindrücklich. Nachdem wir ein paar Geschäfte besucht hatten, bogen wir auf die Avenida Corrientes und folgten ihr weiter in Richtung Abasto.

„Abasto de Buenos Aires“-Shoppingcenter in Abasto

Vorbei an unzähligen weiteren Outlets und Marktständen und -hallen, gelangten wir schließlich nach weiteren 20 Minuten Fußweg zum Shoppingcenter „Abasto“. Unsere Erwartungen an diese Shopping-Mall waren gering. Die spektakuläre Architektur versprach aber dennoch ein nicht ganz so gewöhnliches Einkaufszentrum angelsächsischer Art.

Shoppingcenter Abasto de Buenos Aires

Im weitläufigen Gebäude befinden sich mehr als 200 Markengeschäfte, ein recht umfangreicher Vergnügungspark, mehrere Kinos und ein riesiger Gastronomiebereich, inklusive eines koscheren McDonald’s. Ansonsten gibt es dort nicht viel Spannendes zu sehen. Viele der Läden und Marken kann man auch in Europa oder Amerika finden und zu ähnlichen Preisen dort kaufen. Alles in allem ist es recht uniform und langweilig und könnte, so wie es ist, auch in Kalifornien (USA) oder sonstwo stehen. Nach nicht mal anderthalb Stunden haben wir das Center wieder verlassen.

Im Innern des Shoppingcenters Abasto de Buenos Aires

Riesenrad im Shoppingcenter Abasto de Buenos Aires

Kitschige Spielwiese im Abasto de Buenos Aires

Wir wollten uns lieber weiter die nähere Umgebung ansehen. Unweit vom Shoppingcenter befindet sich u.a. das Carlos Gardel Museum. Der Tenor, der wegen seiner herrlich schmachtenden Stimme auch „Der Dunkelhäutige von Abasto“ genannt wurde, wuchs als Immigrant hier in Abasto auf und prägte sein Viertel nachhaltig mit seinem Tango Canción. Eine Weltkarriere folgte. Leider war das Museum in dem bunten Haus geschlossen und so blieb uns nicht viel übrig als langsam wieder in Richtung Stadtzentrum zu laufen.

Feinstaubkonzentration jenseits von Gut und Böse

So sind wir zur Avenida Cordoba gelaufen und diese dann bis zur Avenida 9 de Julio gefolgt. Ein ziemlicher Weg durch die Rush-Hour-Hölle von Buenos Aires. An der Kreuzung Uriburu und Cordoba sind wir noch an einem ziemlich großen Krankenhauskomplex vorbeigelaufen. Das General Hospital aus der gleichnamigen Serie, die seit den 60er Jahren ausgestrahlt wird, kann da durchaus mithalten. Das Gebäude zur Serie steht übrigens nicht in New York, wie oft angenommen, und auch nicht hier in Buenos Aires, sondern in Los Angeles. Kein wirklich schöner Komplex, vor allem nicht an dieser lauten und vielbefahrenen Cordoba Straße, aber auf jeden Fall gigantisch bis kolossal. Nur kurze Zeit später sind wir dann noch an einem sehr schönen Gebäude vorbei gelaufen, dem Full-screenPalacio de las Aguas Corrientes. Darin befindet sich ein Museum zur Geschichte das „Wasserpalastes“ und der allgemeinen Wasserversorgung von Buenos Aires.

Unbekanntes Gebäude in der Avenida Cordoba in Buenos Aires

Sitzend an der Kreuzung 9 de Mayo / Cordoba

Ziemlich zugerußt und rastbedürftig haben wir uns an einen Brunnen an der Megakreuzung niedergelassen und den Feierabendverkehr beobachtet. Der Verkehr in dieser Stadt ist wirklich unglaublich erdrückend, mörderisch und laut. Gefahren wird hier nach wenig Regeln und dem Prinzip des Stärkeren. Ich glaube, wenn wir dort eine Verkehrszählung gemacht hätten, würde uns nach kurzer Zeit das Zählwerk kollabieren.

Rush-Hour in Buenos Aires

Zwischendrin sieht man dann noch ein paar Leute, die sich mit dem Fahrrad „umbringen“ wollen. Radfahren in den Straßen von Buenos Aires geht aus meiner Sicht so gut wie gar nicht und ist als grob fahrlässig einzustufen. Trotz des ganzen Chaos funktioniert die Stadt irgendwie und macht einen sehr quirligen, lebenswerten Eindruck.

Zurück in San Telmo

Zurück in San Telmo sind wir in einem dieser erhaltenswerten und deswegen denkmalgeschützten Restaurants eingekehrt. Das „El Federal“ an der Ecke der Straßenkreuzung Carlos Calvo und Peru glänzt mit originalgetreuer Einrichtung bis ins kleinste Detail und machte einen warmen aber doch sehr dunklen Eindruck. Das Tageslicht hatte sich inzwischen auch verabschiedet und die Beleuchtung im Restaurant war eher spärlich. Es war bereits nach 19 Uhr und wir hatten Kohldampf und genehmigten uns eine von diesen variantenreichen Vesperplatten mit Wurst, Käse und Oliven. Dazu den Salat des Hauses und Pasta. Basta! Danach war das große Loch im Bauch für heute versiegelt. Nach diesem ausgiebigen Essen haben wir noch mal einen Abstecher ins Café Origen gemacht, um dort einen Verdauungskaffee zu trinken. Gegen halb 10 Uhr waren wir dann ziemlich müde und erschöpft wieder in der Casa Perú und haben die Füße hochgelegt. Wir wollten heute auch nicht zu spät ins Bett, da wir für morgen 10 Uhr bereits ein Termin abgemacht hatten.

Top