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No hay moneda

Nachdem wir uns letzte Nacht bestens amüsiert hatten und erst sehr früh am Morgen im Bett waren, mussten wir zuerst etwas Schlaf nachholen. Irgendwann am Nachmittag sind wir dann wieder wach geworden und bummelten in den bereits fortgeschrittenen Tag. Wenig später meldete sich auch schon der Hunger zu Wort und so bin ich in den nächsten Supermarkt, um ein paar Dinge zu besorgen.

Nach besten Wissen und Gewissen

So richtig volle Supermärkte habe ich hier eigentlich nie erlebt. Dank der langen Öffnungszeiten verteilt sich alles sehr gut über den Tag. Man sollte aber trotzdem nicht glauben, dass sowas banales wie Einkaufen schnell erledigt ist. Selbst bei nur drei Leuten vor einem an der Kasse kann man schon mal bis zu 15 Minuten anstehen und warten. Hier hat es niemand wirklich eilig und auch ein Schwätzchen an der Kasse, während die anderen geduldig in der Schlange warten, ist nichts Ungewöhnliches. Wesentlich mehr Zeit aber wird durch den permanenten Mangel an Münzgeld vernichtet. Die ständige Suche nach Münzen ist nicht nur anstrengend, sondern auch mächtig absurd. Die Frage nach Kleingeld wird wohl zu den am häufigsten gestellten Fragen in Argentinien gehören. Im Stadtbild sieht man überall Schilder wie „No hay moneda!“ — zu Deutsch „Wir haben kein Kleingeld!“ — in Shops und Kiosken gehören sie fast schon zum guten Ton. Münzen rückt man hier nur raus, wenn es nicht anders geht. Die übrige Zeit hütet man seinen Münzschatz wie den Heiligen Gral, denn man weiß ja nie, wo man seine Münzen einmal unbedingt brauchen wird, z.B. im Colectivo.

Buchhandlung "El Ateneo" im ehemaligen Theater "Grand Splendid" in der Avenida Santa Fe in Buenos Aires

So stand ich also im Supermarkt in der Schlange an der Kasse, vor mir nur vier Leute und alle bezahlten bar. Die Frage nach Kleingeld wurde erwartungsgemäß von allen höflich verneint und so blieb der Kassiererin oft nur, das Rückgeld zu ihren Ungunsten aufzurunden. Bei ein paar Cents ist das hier durchaus üblich und wir haben das oft erlebt. Als ich dann dran war, waren die Münzen vollends alle, und so blieb mir nichts weiter übrig als zu warten, bis sich ihr Kleingeldvorrat wieder füllte. Das tat ich dann auch. Die Kassiererin spekulierte darauf, dass schon irgendjemand passend und mit Kleingeld zahlen würde, aber da hatte sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Und so wartete ich bald nicht mehr allein auf Wechselgeld. Nachdem wir bereits eine kleinere Gruppe geworden waren, rief sie Ihre Kollegin zur Hilfe und bat sie, Münzgeld zu besorgen. Die Frau machte sich dann auch gleich auf den Weg, wahrscheinlich zur nächsten Bank, und so dauerte es abermals eine Weile, bis ich zu guter Letzt zu meinem Wechselgeld kam.

Treppenaufgang im ehemaligen Theater "Grand Splendid", heute Buchhandlung "El Ateneo" in der Avenida Santa Fe in Buenos Aires

Der schönste Buchladen der Welt

Nachdem wir zu Hause gegessen hatten, sind wir zur Plaza de Mayo, um dort in die Subte Cathedral zu steigen. Wir hatten uns für einen Besuch der Galería Bond Street und des Kulturkaufhaus „El Ateneo“ entschieden. Beide Ziele liegen nah beieinander, entlang der Avenida Santa Fe, und sind einen Besuch wert. Die Subte Linie B würde uns direkt dorthin bringen. In der rappelvollen U-Bahn stapelten sich die Berufspendler, die bereits auf dem Heimweg waren. Es roch nach Schweiß, Parfüm und sonstigen nicht wirklich angenehmen Ausdünstungen. Es gibt wahnsinnig viele Menschen, die zugeknöpft bis zum Hals im Anzug rumrennen. Bei der Hitze etwas seltsam aber die Etiquette fordert ihren Tribut. An der Haltestelle Pueyrredón waren wir heil froh, dass wir wieder aussteigen durften. Eigentlich hatten wir vor, schon zwei Stationen früher auszusteigen, aber der Mief in der Bahn hatte uns scheinbar den Verstand vernebelt. Wieder an der frischen Luft liefen ein paar Straßenblöcke zurück und ließen die geschäftige Avenida an uns vorbei ziehen.

Leseprobe in der Buchhandlung "El Ateneo" im ehemaligen Theater "Grand Splendid" in der Avenida Santa Fe in Buenos Aires

Dann standen wir vor dem „El Ateneo Grand Splendid“. Das prächtige Gebäude wurde 1919 als Theater eröffnet und fungierte eine Weile als Veranstaltungsbühne für diverse Künstler. Hier feierten Tangogrößen wie Carlos Gardel und Ignacio Corsini ihre größten Erfolge. Das Theater ist ein weiterer prunkvoller Zeuge für den Reichtum dieser Stadt. Argentinien zählte zu dieser Zeit zu den sechs reichsten Ländern der Welt. 1929 wurde das Theater zu einem Kino umgebaut, in dem der erste vertonte Film in Argentinien gezeigt wurde. In den späten 1990er Jahren musste auch das Kino schließen. Das Gebäude wurde erneut umgebaut und beherbergt seit 2000 eine Filiale der Buchkette „El Ateneo“.

Bücherregale in der Buchhandlung "El Ateneo" im ehemaligen Theater "Grand Splendid" in der Avenida Santa Fe in Buenos Aires

Die Zahlen sind beeindruckend: Auf nur 2.000 qm gibt es über 120.000 Bücher, davon allein 4.000 fremdsprachige, vor allem in englischer und italienischer Sprache. Jeden Tag kommen 3.000 Besucher in den Buchladen, pro Jahr sind das 700.000 Gäste und potentielle Kunden. Es gibt ein reichhaltiges Kulturprogramm mit fast täglichen Lesungen und Diskussionsrunden. Die meisten Besucher kommen wahrscheinlich wegen dem großartigen Flair des ehemaligen Theatersaals. In den einstigen Avanzen links und rechts der Bühne und in den Logen kann man die Bücher vor dem Kauf schon mal in aller Ruhe Probelesen. Man kann Schüler beobachten, die hier ihre Hausaufgaben machen und die reichhaltige „Bibliothek“ als Recherchequelle nutzen. Die alte Bühne ist heute ein Café. Hier kann man lesen, Kaffee trinken und bei entspannter Live-Musik das schöne Ambiente genießen. Kann man Bücher besser in Szene setzen?

Bühne und Theatersaal im ehemaligen Theater "Grand Splendid", heute Buchhandlung "El Ateneo", in der Avenida Santa Fe in Buenos Aires

Kontrastprogramm Galería Bond Street

Ein auf eine ganz andere Art inspirierender Ort, ganz in der Nähe, ist die Galería Bond Street, der Shopping-Himmel für rebellierende Teens und junge Erwachsene aller Couleur. Hier kriegt man nicht nur schrille und ausgefallene Klamotten und Schuhe, sondern auch allerhand Klimbim, was man als Jugendlicher von heute eben so zum Auflehnen braucht.

Zugetaggte Wand in den Galerías Bond Street in der Avenida Santa Fe in Buenos Aires, Argentinien

Gefühlte 70% des Gebäudes bestehen allerdings aus Tattoo- und Piercing-Stuben. Die interessante, kleine Veganer-Bar im Untergeschoß, in der ich vor knapp einem Jahr einen Algen-Weizengras-was-weiß-ich-was-noch-Wellness Drink hatte, ist inzwischen verschwunden und durch einen weiteren Tattoo-Schuppen ersetzt worden. Das ganze Gebäude ist über und über mit Graffiti und Tags zugekleistert. Alles wirkt ziemlich lässig und cool. Es war aber leider nicht mehr viel los, da wir kurz vor Ladenschluss erst eintrafen. Nur in den Tattoo-Studios summten die Nadeln auch nach Ladenschluss noch fleißig weiter.

Graffiti in den Galerías Bond Street in der Avenida Santa Fe in Buenos Aires

Wir aber brachen auf und machten uns auf den Rückweg entlang der Avenida Santa Fe. Auf dem Weg nach San Telmo wollten wir irgendwo noch einen Stopp einlegen, um etwas zu Abend zu essen. In der Calle Esmeralda stolperten wir über ein „All-You-Can-Eat“-Lokal, in dem ich schon mal gegessen hatte. Dort hauten wir uns ordentlich die Bäuche voll und beobachteten die Gäste. Die meisten verfolgten total gebannt und geistesabwesend das Fußballspiel in den aufgehängten TV-Geräten. Brot und Spiele im doppeldeutig-buchstäblichen Sinne…

Graffitis an einer Rolltreppe in der Galería Bond Street in Avenida Santa Fe in Buenos Aires

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Abri los ojos – Mach die Augen auf

Wir hatten im Internet recherchiert, dass es in Argentiniens Nationalkongress von Montag bis Freitag um 16 Uhr englischsprachige Führungen geben soll. Also machten wir uns am Nachmittag auf den Weg dorthin. Vorher haben wir versucht Geld abzuheben und mussten feststellen, dass das in Argentinien die gleichen Probleme wie in Uruguay bereitet: Wir können pro Tag nur maximal 300 Pesos (ca. 65 EUR) abheben. Das ist zwar genug Geld, um ein paar Tage über die Runden zu kommen, aber ein so niedriges Limit für internationale EC-Karten hat uns doch überrascht. Nun werfen wir den Banken eben alle paar Tage ein paar Euros mehr in den gierigen Schlund. Für jede Transaktion werden ja neben dem schlechten Wechselkurs auch noch Gebühren fällig. Naja, dafür ist das Leben hier recht günstig und man braucht vielleicht 1/3 von dem was man in Deutschland bräuchte.

Palacio del Congreso de la Nación Argentina in Buenos Aires

Pünktlich gegen vier Uhr waren wir dann am Besuchereingang des Palacio del Congreso de la Nación Argentina in der Hipólito Yrigoyen Straße. Hier erfuhren wir aber, dass im Januar keine Führungen stattfinden. Erst im Februar wieder. So mussten wir unverrichteter Dinge gehen und haben uns in der Nähe der Subte Sáenz Peña in ein Café zurückgezogen. Dort gab es richtig klietschige Medialunas, so wie ich sie liebe. Der Kellner hat uns noch zwei andere süße Schweinereien gratis dazu gepackt, die auch sehr lecker waren.

Van mit Graffiti auf der Plaza de los Dos Congresos Buenos Aires

Palermo

Da wir es gestern nicht nach Palermo geschafft hatten, wollten wir das heute nachholen. Von der Plaza de los Dos Congresos fahren sehr viele Colectivos. Als wir gerade den Guia“T“ zurate ziehen wollten, fuhr ein Bus der Linie 12 vorbei, auf dem groß „Plaza Italia“ stand. Dieser fuhr also ungefähr dahin, wohin wir wollten. Sicherheitshalber haben wir beim Einsteigen nochmal nachgefragt. Das sollte man immer tun, denn nicht alle Busse der selben Linie fahren auch zwangsläufig auf der selben Route.

Urban Streetart in Palermo-Soho, Buenos Aires

Im Bus haben wir dann versucht für 80 Centavos mitzufahren, aber der Fahrer hat uns bis zur Plaza Italia 1,20 Pesos abgeknöpft. So wie es aussieht, gab es auch hier Preissteigerungen. Für unter einen Peso Bus zu fahren, scheint der Vergangenheit anzugehören. Auch die meisten anderen Passagiere bezahlten mehr als einen Peso. So fuhren wir mit aufgeklappten Guia“T“ und folgten der Strecke, die der Bus nahm, auf der Karte. Auch das ist ratsam, um das Aussteigen nicht zu verpassen. Die Plaza Italia ist erstmal kein so schlechter Ausgangspunkt, um Palermo zu erkunden. Von dort kann man in relativ kurzer Zeit nach Las Cañitas oder in Richtung Palermo-Soho laufen. Wir entschieden uns für Letzteres. So liefen wir die Calle Thames hoch und nach zirka fünf Straßenblocks waren wir dann auch schon im Herzen von Palermo-Soho.

Hollywood in Cambodia in der Calle Thames 1885 in Palermo Soho Buenos Aires

Erste Station war das „Hollywood in Cambodia“ in der Thames 1885. Die Bar ist innen über und über mit Graffitis und Stencils zugesprayt. Im hinteren Bereich gibt es eine kleine Galerie, in der man Streetart diverser Künstler kaufen kann. Über die Treppe in der Galerie gelangt man noch auf eine Terrasse. Auch hier ist alles voll mit Graffitis. Die Bar ist eher was für die Nacht und so waren wir die einzigen Besucher.

Terasse des "Hollywood in Cambodias" in der Calle Thames 1885 in Palermo-Soho, Buenos Aires

Hollywood in Cambodia in der Calle Thames 1885 in Palermo-Soho in Buenos Aires

Also sind wir weiter in Richtung Plazoleta Cortázar. Hier gibt es unzählige Geschäfte und weitere Cafés und Bars. Wir haben einige Shops durchstöbert aber nichts gefunden. Die meisten Sachen, die uns gefielen, gab es nicht mehr in unserer Größe. Gegen halb acht sind wir dann rüber nach Las Cañitas gelaufen. Auf dem Weg dorthin sind wir an einer fantastischen Bäckerei vorbeigekommen. Die hatten diese Ninjas, so kleine kreisrunde, herzhafte Torten mit Kürbis-Käse-Füllung. Ultra lecker!

Sonnenbrillenladen in Palermo-Soho in Buenos Aires

In der Kneipenmeile Las Cañitas sieht noch fast alles aus wie im letzten Jahr. Nur mehr Hundekacke. So richtig erwärmen konnten wir uns für keines der vielen Restaurants, die auch eher den Eindruck von Masse als Klasse vermitteln. Mein Gefühl von „Disneyland“ wurde ich auch diesmal nicht los. Las Cañitas und Soho sind insgesamt ganz schön öde. So sind wir zurück zur Plaza Italia und haben uns für die U-Bahn zurück nach Hause entschieden. Am Fahrkartenschalter haben wir uns gleich eine 10er-Karte für die Subte gekauft. So erspart man sich das lästige anstehen nach Tickets. Automaten sucht man hier nämlich vergeblich. Die U-Bahnpreise haben auch angezogen. So kostet eine Fahrt mit der Subte nun 1,10 Pesos. In der U-Bahn wurden wir von zwei Typen mit Gitarren und Verstärker musikalisch unterhalten. Die Porteños klatschten höflich aber gelangweilt. Der eine oder andere gab dann aber doch einen Peso. Es war kuschlig warm und elend laut. Wir sind bis zur Endstation „Catedral“ in der Nähe der Plaza de Mayo gefahren und den Rest gelaufen. Wann immer wir nachts nach Hause kommen, sehen die Straßen in unserer Gegend anders aus. Mal ist überall Müll verstreut, wenn die Cartoneros gerade da waren, mal ist alles blitzeblank sauber, mal haben die Geschäfte noch geöffnet, mal ist schon alles geschlossen und die Häuser mit den verrammelten Läden wirken abwehrend, fast bedrohlich, mal sind die Straßen von Nachtschwärmern und sogar kleinen Kindern bevölkert, mal menschenleer.

Pasteleria in Palermo-Soho in Buenos Aires

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Planeta Urbano

Auch heute waren wir wieder im Großstadtdschungel unterwegs und wollten uns ein paar weitere Sehenswürdigkeiten ansehen, u.a. das großartige Teatro Colón. Es ist nicht nur wegen des schönen Opernsaals bekannt sondern auch wegen der tollen Akustik und wird oft im gleichen Atemzug mit der Oper in Sidney genannt. Leider wird es momentan noch umgebaut und ist für Besucher geschlossen. Auch außen ist nicht viel zu sehen, da es eingerüstet ist. Sehr schade. Beim nächsten Mal werden wir es uns aber genauer ansehen. Noch in diesem Jahr ist feierliche Wiedereröffnung. Wir sind gespannt.

Das Teatro Colón in Buenos Aires Argentinien

Galeria Bond Street

Danach sind wir gleich weiter zur Av. Santa Fe 1670, um das Treiben in der Galeria Bond Street auf Zelluloid zu bannen, und um die Shops genau zu durchforsten. Das Gebäude ist sehr spannend und ein absolutes Muss, wenn man die Jugendkultur des Landes verstehen möchte. Sicher mag man sich an den Stilen und dem unendlichen Kitsch reiben, aber das zu beurteilen überlassen wir anderen. Wir fanden es auch bei unserem zweiten Besuch reizvoll, auch wenn heute nicht so viel los war wie neulich. Ich habe die ganzen Piercing- & Tattoostudios nicht gezählt aber es hatte auf jeder Etage mindestens fünf davon. Ich glaube dieser Trend ist bei uns lange durch, und auch Piercings sind nicht mehr wirklich hip in Europa. However, wer in Buenos Aires ist, sollte unbedingt mal an einem Wochentag dort vorbei schauen. Überall kann man das Surren der Tätowiernadeln hören und teilweise zugucken. Nebenbei kann man die vielen kleinen Minishops abklappern. Das Treiben dort ist wirklich spannend, und die Leute sind super relaxed.

Das Innere der Galeria Bond Street in Buenos Aires

Mehr vom Inneren der Galeria Bond Street in Buenos Aires

Graffiti in der Galeria Bond Street in Buenos Aires

El Ateneo

Unweit der Bond Street befindet sich eine weitere Attraktion fürs Auge. In der Sante Fe 1860 wurde ein ehemaliges Theater zu einem Buchkaufhaus umfunktioniert. Das Flair in diesem Komplex ist wirklich einmalig schön. Besser kann man Bücher wohl nicht zum Kauf anbieten. Das „El Ateneo“ ist auch weit mehr als nur ein Buchgeschäft und scheint sehr gut sortiert. Es lädt zum Verweilen ein. Es finden auch regelmäßig Lesungen und Buchpräsentationen statt. Der Besuch lohnt sich.

El Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires

Rede der Cristina Kirchner

Seit gestern herrscht eine merkwürdige Stimmung in BsAs, die wir bis heute nicht ganz deuten konnten. Wir spürten, dass etwas Wichtiges passiert sein musste, konnten uns aber bisher keinen richtigen Reim drauf machen. Seit Tagen sehen wir Demonstrationen an allen Ecken der Stadt. Überall in der Stadt sieht man Menschen die gebannt vor dem Fernseher sitzen und der argentinische Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner lauschten oder Landesnachrichten gucken. Die Präsidentin hatte gestern mit einer aggressiven Rede große Teile des Landes, vor allem die Bauern, gegen sich aufgebracht. Die Ansprache führte zu Blockaden in diversen Sektoren, vor aber in der Landwirtschaft.

Eine der vielen Demos, hier nahe der Av. Julio de Roca in Buenos Aires

Die Blockade wird so lange geführt, bis die Regierung das angekündigte Programm (Steuererhöhungen) zurück nimmt. Wir sind gespannt, wie sich das entwickeln wird. Manche sagen, dass es zu Unruhen kommen kann, und die Regierung da ein gefährliches Spiel treibt. Wir sind aber (noch) nicht davon betroffen, außer vielleicht, das der Bus eine andere Route als üblich fährt, weil in der ganzen Stadt demonstriert wird. Die Stimmung ist nach unserer Einschätzung friedlich.

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Ein Tag in San Telmo

Heute sind wir durch San Telmo gezogen; das Viertel in dem wir wohnen. San Telmo ist bei Touristen sehr beliebt, gerade weil es seinen ursprünglichen Charakter bewahren konnte. Hier ist Buenos Aires am natürlichsten. Einheimische mischen sich mit Touristen, und alle finden das prima. Hier gibt es keine Gegend, die die Porteños meiden würden, nur weil es zu viele Touristen hat, und in San Telmo gibt es viele touristische Ziele. Die Plaza Dorrego, auf der abends Tango getanzt wird, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die friedliche Koexistenz von Touristen und Anwohnern.

Ein zauberhaftes Haus in San Telmo Buenos Aires

San Telmo hat zwei Gesichter, beide präsentieren sich sehr alternativ und künstlerisch. Tagsüber gibt es unzählige Geschäfte, die zum Shoppen und Bummeln einladen. In den eher touristischeren Straßen rund um die Plaza Dorrego gibt es viele Ethnoläden, viel Antiquarisches und viel Klimbim und eine Menge Dinge, die wohl eher Touristen kaufen. Den Stil kann man als kolonial bezeichnen, das passt perfekt zu dem morbiden Charme vieler Häuser hier im Viertel. In San Telmo findet man die ältesten Häuser von Buenos Aires, so auch das, in dem wir leben. Es wurde 1890 gebaut und ist riesig. Damals lebte in jedem Raum jeweils eine Einwandererfamilie. Eine ganze Familie in nur einem dieser Räume kann und möchte ich mir gar nicht vorstellen. Wir haben heute ein ganz anderes Raumverständnis, und viel Raum zu haben ist ein wahrer Luxus. Hier im Viertel gibt es noch immer einige dieser Häuser, die man besichtigen kann, um sich von dieser Epoche ein Bild zu machen.

Typische Strassenkunst in San Telmo Buenos Aires

Auch die Markthalle von San Telmo hat ihre besten Jahre bereits lange hinter sich, aber genau das macht sie so liebenswert. Dort kann man an vielen Ständen die Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, wie z.B. frischen Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse und allerhand antiquarischen Trödel. Wir haben heute viel Zeit in den umliegenden Cafés verbracht, die so herrlich elegant verblichen sind. Dort gab es auch endlichen anständigen Kaffee («cappuccino a la italiano»). 😉

Markthalle in San Telmo Buenos Aires

Stück für Stück, Straße um Straße haben wir uns das Viertel angesehen, bis wir schließlich in Monserrat gelandet sind. Dort haben wir in der Venezuela 638 einen tollen Shop für erschwingliche Contemporary Art gefunden. Der Shop «Tanto Deseo» bietet allerlei pikante Kunststücke mit mehr oder weniger starkem erotischem bzw. pornographischem Touch.

Temporary Art Shop Tanto Deseo Manserrat Buenos Aires

Nach Einbruch der Dunkelheit zeigt sich San Telmo von seiner ausgehfreundlichen Seite. Viele Läden, die man tagsüber nur erahnen kann, weil geschlossen, präsentieren sich nun für die Nachtschwärmer. Hier gibt es viele Szenelokale und Bars, in denen man entspannt den Abend verbringen kann. Das Publikum ist alternativ-relaxed und nicht so gekünstelt wie z.B. in Palermo. An der Plaza Dorrego tanzt man die halbe Nacht Tango und es macht einfach Spaß, durch das nächtliche San Telmo zu schlendern. Nachts ist hier mehr los als am Tage, weil es tagsüber oft heiß ist, und man dann lieber die Nacht zum Tage macht. Ich mag dieses Flair in diesem Viertel sehr. Wer San Telmo nicht erlebt hat, hat Buenos Aires nicht erlebt.

Eindrücke aus San Telmo:

Plaza Dorrego bei Tag in San Telmo Buenos Aires

Cafe am Plaza Dorrengo San Telmo Buenos Aires

Grafitti Street Art in San Telmo Buenos Aires

Tango am Plaza Dorrego San Telmo Buenos Aires

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