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Land unter

Die rumpelnde Apparatur an unserem Fenster, die betagte Klimaanlage, hatte unser Zimmer im Laufe der Nacht auf arktische Temperaturen runter gekühlt. Mitten in der Nacht sind wir durch die Kälte wach geworden und mussten uns mit allen Decken, die wir finden konnten, zudecken. Auf die Klimaanlage hatten wir leider keinen Einfluss. Das Monstrum kühlt nämlich gleich das ganze Hostel und unser Zimmer befand sich ausgerechnet am Beginn der Kühlkette. *bibber* Schöne Scheiße, aber mit den ganzen Decken ging es einigermaßen. Zu allem Übel mussten wir am Morgen feststellen, dass es regnete und der Himmel alles andere als blau war. So hatten wir es nicht besonders eilig, aus dem Bett zu kommen. Gegen Mittag hielt uns dann trotz anhaltender Regenschauer nichts mehr im Hostel und wir beschlossen, den Tag für einen Museumsbesuch im MACRO zu nutzen.

Hintereingang vom MACRo mit Graffiti in Rosario Argentinien

Pfützen-Hopping

In einer Regenpause verließen wir das Haus und machten uns auf die Suche nach einem Café. Das ist in Argentinien keine schwere Aufgabe, Cafés gibt es an jeder Ecke. Kaum, dass wir ein gemütliches Straßencafé gefunden hatten, fing es auch wieder an, stärker zu regnen. Geschützt durch eine Markise konnten wir trotzdem unseren Kaffee ungestört im Freien trinken. Kalt war es durch den Regen ja nicht geworden, nur nass. Als es nur noch leicht nieselte, schlichen wir weiter die Straßen entlang in Richtung des bunten Getreide-Silos, in dem sich das MACRO befindet. Wir waren nur ein paar hundert Meter weiter gekommen, als wir an einer sehr einladenden Bäckerei vorbeikamen. Da die Auslage im Schaufenster einen geradezu anlachte, gingen wir hinein und kauften ein paar Facturas, die wir bisher noch nicht kannten. Aufs Neue hinderte uns der Regen am Weitergehen und so aßen wir den größten Teil des süßen Backwerks direkt vor Ort. Um halbwegs trocken im Museum anzukommen, blieb uns wohl nichts anderes übrig, als es in Etappen zu versuchen.

Sintfluartiger Regen durch Fenster eines Cafés am Boulevard Oroño in Rosario, Argentina

Das nächste Stück, das wir schafften, war kaum länger als das letzte und endete erneut in einem Café. Diesmal meine es der Wettergott wohl ernst. Wir hatten eben zwei Café con Leche bestellt und blätterten in der argentinischen Boulevardpresse, als es anfing wie aus Kübeln zu schütten. Wir beobachteten den Wolkenbruch durch die großen Scheiben des Cafés und freuten uns, dass wir es gerade noch rechtzeitig hierher geschafft hatten. Plötzlich fing es an von der Decke zu tropfen, immer mehr Wasser bahnte sich seinen Weg in den Innenraum des Lokals. Der Wintergarten-ähnliche Anbau war alles andere als dicht und so wechselten wir die Plätze. Der Regen war inzwischen so heftige, dass das Wasser mehr und mehr das Café überflutete. Das Personal versuchte nun eilig mit Wasserschiebern und Eimern dagegen anzukämpfen. Vergebens! Das Wasser drückte inzwischen sogar durch die Spalten unter den Glasschiebetüren.

Überflutetes Café am Boulevard Oroño in Rosario, Argentinien

Schlagartig hörte es auf zu schütten. Die Entspannung beim Personal konnte man regelrecht von deren Gesichtern ablesen. Vor der Tür jedoch war nichts mehr wie es vorher war. Der Boulevard Oroño war nur noch zu erahnen und hatte sich in eine Seenlandschaft verwandelt. Wasser soweit das Auge reichte. Das wollten wir uns aus der Nähe ansehen. Mit festem Schuhwerk hätten wir jetzt echt ein Problem gehabt. Gut aber, dass wir mit „hippen“ Gummischlappen unterwegs waren. Nein, nicht diese hässlichen Croqs! Knöcheltief wateten wir im warmen Wasser weiter unserem Ziel entgegen. Die vorbeiziehenden Autos produzierten Mega-Wasserfontänen beim Durchqueren des neu entstandenen Seengebiets. Wir beobachtet ein älteres Ehepaar, wie es vorsichtig aus einem Taxi stieg und in die Fluten entlassen wurde. Was für ein Spektakel. Die Einwohner machten aber alle samt einen ziemlich gelassenen Eindruck und begegneten der Situation wie Profis. Bei uns wäre diese Art Regen wohl ein Katastrophenfall.

Normale Niederschläge in Argentinien - Boulevard Oroño in Rosario unter Wasser

Taxi in die Flut nach einem heftigen Regen in Rosario, Argentinien

Museo de arte contemporáneo de Rosario

Gegen 15 Uhr erreichten wir einigermaßen trocken unser Ziel. Schon von weiten sahen wir die bunten Silos, in denen das MACRO residiert. Das Museum für zeitgenössische Kunst steht direkt am Ufer des Río Paraná. Dummerweise war es noch geschlossen und würde erst gegen 16 Uhr öffnen. So mussten wir die Zeit überbrücken und sind durch einen kleinen Park flussaufwärts gelaufen. Dort begegneten wir Anglern, die im wässrigen Boden nach Regenwürmern fischten, und natürlich – wie könnte es in Rosario anders sein – einer Gruppe von Joggern. Aus mannshohen Abflussrohren strömte das Wasser aus der Kanalisation in den Río Paraná. Eine Unmenge Zivilisationsmüll, die der Regen von den Straßen gewaschen hatte, trieb nun in seinen Fluten und verfing sich in der Uferböschung. Es dauerte nicht lang bis der Weg zu Ende war und wir zurück gingen. Den Rest der Wartezeit haben wir im Restaurant „Davis“ direkt am MACRO verbracht und sehr lecker gegessen.

Bruschetta, Salat und Pommes im Restaurant "Davis" am MACRo in Rosario, Argentinien

Por favor no tocar las obras – Bitte nicht berühren

Das MACRO würde man sicher nicht in einer Reihe mit dem MoMa, dem Tate Modern oder dem Hamburger Bahnhof nennen, aber verstecken braucht es sich deswegen noch lange nicht. Unkonventionell und originell zeigt es auf zehn Stockwerken ein breites Spektrum an Gegenwartskunst. Am besten man fährt mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, genießt eine Weile die tolle Aussicht und arbeitet sich dann nach unten durch. Die Ausstellungsräume sind alle nicht sehr groß, sodass ein Rundgang nicht sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Im 7. Stock gab es eine interessante Audioinstallation namens „Nocturno“ von Diana Schufer. Der größte Raum des ganzen Gebäudes war komplett verdunkelt und von der Decke hingen spärlich beleuchtete Lautsprecher aus denen Stimmen zu hören waren. Ein Weg führte ans Ende des Raumes entlang der verstreut angebrachten, kleinen Lautsprecher, aus denen aufgezeichnete Stadtgespräche aus Buenos Aires tönten. Durch die Dunkelheit wurde der Fokus fast vollständig auf das Gehör gelenkt. Die Idee fanden wir beide ziemlich gut, aber leider scheiterten wir an der Installation auf Grund unserer mangelhaften Spanischkenntnisse.

Besucherinnen im Museum für Gegenwartskunst MACRO in Rosario, Argentinien

Besucherinnen betrachten eine Videoinstallation im MACRo in Rosario, Argentina

Zwei Stockwerke tiefer wurde der Ausstellungsraum in eine Camera obscura umfunktioniert. In der Außenwand des selbstverständlich abgedunkelten Raumes befand sich ein winziges Loch. Die gebündelten Lichtstrahlen zeichneten den Río Paraná samt Inseln auf die gegenüberliegende weiße Wand. Die kopfüberstehende Abbildung war quasi eine Live-Sendung des Geschehens auf dem Fluss. Simple und genial! In den folgenden Stockwerken gab es weitere Installationen und die erst seit Banksy anerkannte Gattung der Street-Art zu sehen. Die Werke erinnerten mich sehr an das, was ich in der kleinen Galerie im „Hollywood in Cambodia“ im Stadtteil Palermo in Baires gesehen habe. Das MACRO ist auch ein Ort zum Anfassen und Mitmachen. Es scheint dort öfters lustige Happenings zu geben, bei denen jedermann „Kunst machen“ kann. Die Werke der letzten Aktion, nämlich mit bunter Farbe punkig beschmierte T-Shirts, gab es dann auch gleich im hauseigenen Design-Shop zu kaufen.

Angeln am Ufer des Río Paraná in Rosario, Argentinien

Wer mal eine virtuelle Tour durch die Gegend rund ums MACRO machen will kann hier klicken, dort findet man auch viele weitere 3D Touren durch Rosario.

Runde durch Rosario

Das Wetter hatte sich mittlerweile stabilisiert und dem Regen war für heute endgültig die Puste ausgegangen. Auf dem Rückweg machten wir einen Rundgang durch die Parks flussabwärts. Am Zentralbahnhof „Rosario Central“ dachten wir für einen Augenblick, dass wir den Hauptbahnhof gefunden hätten. Wir spielten nämlich mit dem Gedanken, den Zug zurück nach Buenos Aires zu nehmen. Dieser Irrtum klärte sich aber relativ schnell durch den Graswuchs zwischen den Schienen und die fehlenden Reisenden auf. Die Anlage dient heute als Gemeindehalle für Kunst und Kultur. So zogen wir ohne Zuginformationen weiter zum Parque España. Die Treppen vor der Plaza dienten den zahlreichen Joggern als Kraft- und Konditionsprobe. Durch die unter Wasser stehenden Wiesen liefen wir weiter zu den alten Lagerhallen, in denen sich die „Escuela de artes urbanas“ befindet. Dort konnten wir Artisten beim Kopfstandüben zusehen. Schließlich kamen wir wieder am Monumento a la Bandera an. Das gleichnamige Museum war für heute schon geschlossen, so dass wir langsam zurück zum Hostel gingen. In der Fußgängerzone feierten wir das Ende des Regens mit einer Portion Eis und besuchten ein wunderschönes, altes Kaufhaus aus dem 19. Jahrhundert, das derzeit zur chilenischen Kaufhauskette „Falabella“ gehört. Der Innenraum des Kaufhauses sah aus, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Galería Falabella in der Fussgängerzone Avenida Cordoba in Rosario, Argentinien

Decke der Galería Falabella in der Fussgangerzone Avenida Cordoba in Rosario, Argentinien

Nach Mitternacht machten wir uns erneut auf die Pirsch durch die Stadt. Wir wollten uns mal das Nachleben anschauen. Im Hostel hatten sie uns dafür die Avenida Pellegrini empfohlen. Wenn was geht, dann da. Dienstag ist aber nicht der beste Tag, um auszugehen. Außerdem sind Semesterferien und den meisten Rosarinos wird es heute zu frisch draußen sein. So liefen wir durch ein fast ausgestorbenes Rosario bis wir endlich die Straße erreichten. Da war auch tatsächlich noch was los. Links und rechts der großen Straße waren etliche Bars und Restaurants geöffnet. Voll war es aber nirgend so richtig, außer in den ungefähr 1000 Eisdielen. Die sind echt toll, aber nicht das, was wir uns unter Nachtleben vorgestellt hatten. Auf dem Rückweg sind wir nochmal am Denkmal der Staatsflagge vorbei und haben ein paar Nachtaufnahmen gemacht. Nachts wird das Wahrzeichen in den argentinischen Nationalfarben weiß und blau angestrahlt.

Nacht über dem Propileo des Monumento a la Bandera in Rosario in Argentinien

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Wieviel Schmerz kann eine Kameralinse einfangen?

Heute wollten wir uns in erster Linie um unseren Ausflug nach Puerto Iguazú kümmern. Die großartigen Wasserfälle im Norden Argentiniens im Länderdreieck mit Brasilien und Paraguay müssen wir unbedingt sehen. Da aber zurzeit überall Hauptsaison ist, wurde uns empfohlen, lieber alles im Voraus zu buchen. Die Gefahr, kein Zimmer mehr zu bekommen, wollten wir im Dschungel lieber nicht eingehen.

Bevor wir jedoch die Unterkunft buchen und Bustickets besorgen konnten, waren noch so einige andere Dinge zu erledigen. Inzwischen war unsere Kleidung aufgebraucht, so dass wir nun unbedingt mal waschen mussten und Bargeld brauchten wir auch noch. In unserer Wohnung gibt es leider keine Waschmaschine, aber ganz in der Nähe, in der Independencia, gibt es einen vertrauenerweckenden, kleinen Waschsalon.

Die süße, kleine Wäscherei "Lav Telmo" in der Independencia 510 in Buenos Aires

Da gibt man einfach die Wäsche ab und holt sie später oder am nächsten Tag wieder ab. Im Laden haben wir uns dann mit Händen und Füßen mit der putzigen, älteren Dame verständigt und schließlich unsere Wäsche in Ihre Obhut gegeben. Morgen gegen 12 können wir sie dann abholen. Geschafft! Bezahlen müssen wir die Wäsche erst beim Abholen. Was für ein Glück, denn wir konnten bisher noch kein Geld ziehen obwohl wir mehrere Banken ausprobiert haben. Von halb drei bis halb vier machen die Banken einfach dicht. Dann werden die Geldautomaten wieder aufgefüllt, hat uns unsere Vermieterin erklärt. Gut zu wissen…

… und jetzt erstmal was essen

Da wir wie gesagt kein Bargeld hatten, blieb uns nichts anderes übrig, als uns nach einem Restaurant umzusehen, in dem man mit Kreditkarte zahlen kann. So sind wir flux ins „El Federal“ an der Ecke Peru und Carlos Calvos. Dort hatten wir einen anständigen Salat in einer Schale aus Brotteig. Im Menü dazu gab es noch ein Getränk nach Wahl und einen Café zum Abschluss.

Das El Federal an der Ecke Carlos Calvos und Peru

So gestärkt konnten wir uns nun um die Tickets kümmern. Da wir für die mehr als 1000 Kilometer ca. 17 Stunden unterwegs sein werden, wollten wir möglichst komfortabel Reisen. Daher kam nur ein Cama Suite (Super Cama) in Frage. Das ist die bestmögliche Art bequem zu reisen, so ähnlich wie Business Class im Flugzeug. Die anderen Kategorien sind zwar günstiger, aber total gerädert ankommen ist das einfach nicht wert.

Subte Linea C zum Bahnhof Retiro in Buenos Aires

Busterminal Retiro

Es gibt sehr viele Anbieter von Busreisen nach Iguazú und alle haben unterschiedliche Bezeichnungen für die Klassen im Bus. Man sollte also genauer hingucken, was man bucht. Am großen Busterminal in Retiro haben wir uns bei „Via Bariloche„, so heißt die von uns favorisierte Busgesellschaft, nach freien Plätzen erkundigt und wollten eine Art Suite buchen, in der sich der Sitz zu einem Bett ganz nach hinten klappen lässt. Man kann also einfach schlafen und morgens aufwachen und hoffentlich entspannt ankommen. Soviel zu unserem Plan. Für Dienstag war aber bereits alles ausgebucht, nur am Mittwoch gab es noch genau zwei Suiten. Die haben wir dann auch genommen und so fahren wir am Mittwochabend, quasi über Nacht, nach Puerto Iguazú.

Gewürzregale in einem Shop am Bahnhof Retiro

Für Dienstag haben wir dann auch gleich Nägel mit Köpfen gemacht und beschlossen nach Tigre ins Delta vom Río Paraná und Río de la Plata zu fahren. Nachdem das organisatorische erledigt war, sind wir zur nahen Plaza San Martín gelaufen, um dort in die Florida Straße shoppen zu gehen. Wir wollten nach kurzen Hosen schauen. Davon kann man bei dem heißen Wetter nicht genug haben. Die Florida ist eigentlich nicht wirklich gut zum Einkaufen geeignet, jedenfalls nicht für uns. Die ganze Meile wirkt wie aus den 1980er Jahren und so ist auch das Angebot da. In der Galeria Pacifico sind wir dennoch fündig geworden.

Aufmacher der Ausstellung "Vidas sitiadas" im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Und weil wir schon mal da waren haben wir nochmal einen Abstecher ins Centro Cultural Borges in den oberen Etagen gemacht. Dort gab es eine neue dokumentarische Fotoausstellung namens „Vidas sitiadas“. Wenn jemand weiß, wie man den Titel am besten übersetzt, möge er doch bitte einen Kommentar hinterlassen.

Ausstellung "Vidas sitiadas" im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Die Ausstellung drehte sich um die Darstellung menschlichen Schmerzes durch die Linse einer Kamera. So sah man beispielweise einen zusammengekrümmten, magersüchtigen jungen Mann in einem Krankenhausbett am Tropf. Oder Portraits von Patienten einer Psychiatrie, die jahrelang mit Psychopharmaka ruhiggestellt wurden. Auch ein Foto eines während der Militärdiktatur mehrfach inhaftierten Pfarrers war zu sehen. Man sah ihm die Verbitterung förmlich an. Die Fotos stimmten alle sehr nachdenklich und die Aufnahmen waren äußerst würdevoll und ästhetisch.

Opfer der argentinischen Militardiktatur

Auf dem Heimweg haben wir uns dann noch ein paar Sachen für den Dschungel besorgt, u.a. Antimückenlotion. Das Geld ist sicher sinnvoll investiert! Zuhause haben wir dann das Hostelzimmer gebucht. Die Verfügbarkeit eines Doppelzimmers war kein Problem, trotz Hochsaison und Karneval. Auf ein Mehrbettzimmer hatten wir beide keine große Lust. Nur wenn es gar nicht anders gegangen wäre.

Die Schauspielerin Maria auf einem Foto von Matias Sacchi Szaqii in der Ausstellung "Vidas Sitiadas" im Centro Cultural Borges

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Zeitzeugen

Am späten Nachmittag haben wir eine Fahrt mit der guten, alten U-Bahn der Linie A gemacht. Dieser Zug ist für mich ein Zeuge der alten Zeit. Sehr mondän muss es zugegangen sein im Buenos Aires Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Diese Linie war die erste U-Bahn auf dem südamerikanischen Kontinent. Eine Fahrt mit den Holzwagen, die noch ganz regulär fahren, gehört zum Pflichtprogramm in dieser Stadt. In Deutschland wäre ein Zug dieser Art heutzutage undenkbar. Die Türen lassen sich während der Fahrt öffnen und man kann den Kopf aus dem Fenster halten. Der TÜV würde hier wohl alle Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Alter U-Bahnwagen in der Subte Linea A in Buenos Aires

Wir sind an der Plaza de Mayo gestartet und bis zur Station Rio de Janeiro gefahren. Von dort wollten wir durch die Straßen zum Parque del Centenario laufen. Eigentlich hatten wir an dem Park gar kein Interesse. Wir waren aber grad mal in der Nähe und auf unserer BsAs Karte waren dort drei Sehenswürdigkeiten, u. a. ein Planetarium, eingezeichnet. Grund genug, da mal vorbei zu laufen. Dort angekommen empfing uns bereits laute Rockmusik und das erste, was wir sahen, war ein Skate- und BMX-Parcours. Auf einer Seite des Parcours waren Schlagzeug, Boxen und Verstärker aufgebaut. Der eigentliche Park lag dahinter und war wie üblich in BsAs umzäunt.

BMXer im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Skateboarding im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Hier aber scheint ein Treffpunkt für die alternative Szene zu sein. Auf den Mauern des Parcours saßen viele Jugendliche und schauten den Skatern beim Freestylen zu. Dazu wummerte Rockmusik aus den Boxen. An einigen Stellen lagen politische Plakate auf den Boden, die u.a. die Invasion Israels in Gaza verurteilten. Uns ist in Uruguay und Argentinien schon mehrfach aufgefallen, dass die israelische Gazapolitik zu heftigen Äußerungen auf Häusern, Plakaten und Bannern führt.

Rock im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Im eigentlichen Parkgelände ging es zu wie an einen Sonntag im Volkspark Friedrichshain. Viele junge Menschen auf den Wiesen am faulenzen und sehen und gesehen werden. Der obligatorische Matetee darf natürlich nicht fehlen. Im Zentrum des Parks befindet sich ein kleiner, künstlich angelegter Teich, um den die Tauben ihre Runden zogen.

Taubenplage im Parque del Cntenario in Caballito, Buenos Aires

Alles machte einen sehr entspannten Eindruck. Die Menschen hier genossen das tolle Wetter und hatten Spaß mit der Familie oder Freunden. Nichts Besonderes, Alltag eben. Da wir das Planetarium noch nicht gefunden hatten, sind wir einfach weiter durch den Park gelaufen. Auf der anderen Seite fand mal wieder eine Feria statt. Diese Ferias sind ein echtes ein Phänomen. Man kann sie schon gar nicht mehr zählen. Diese hier machte eher den Eindruck eines ganz normalen Flohmarktes. Vergleichbar mit dem am Boxhagener Platz in Friedrichshain, wie er früher war. Keine erkennbaren kommerziellen Händler. Es gab fast nur altes, gebrauchtes Zeugs: Postkarten, Fotos und Alltagsgegenstände.

Sonntags im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Dann standen wir plötzlich vor dem MACN, einem naturwissenschaftlichen Museum. Das Museum haben wir einfach mitgenommen, weil wir schon mal da waren. Das Interessanteste daran war auch schon das Gebäude. In der atemberaubenden Geschwindigkeit von 25 min haben wir uns alles angeschaut. Ungefähr 1000 tote Tiere, ausgestopft, skelettiert oder eingelegt. Es roch in dem Gebäude ziemlich nach Formaldehyd und Terrarium. Als wir wieder draußen waren, fanden wir dann auch das olle Planetarium. Es machte einen noch heruntergekommeneren Eindruck als das Museum, wer weiß aus welcher Zeit das stammt. Das interessante an dem Parque del Centenario ist ohnehin nicht das Planetarium oder das Museum, sondern der Eindruck, den man von den Anwohnern gewinnen kann. Wir haben noch eine ganze Weile unsere Gedanken schweifen lassen, nebenan spielte eine Gruppe Fußball und erzeugte auf dem trockenen Boden eine Staubwolke wie bei einem mittelschweren Hurrikan. Dann sind wir weiter.

Fussball im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Unser nächstes Ziel war das Café Las Violetas an der U-Bahnstation Castro Barros. Unterwegs lernten wir das spanische Wort für obdachlos: sin techo. An einem stählernen Brückengeländer über eine Bahntrasse gab es unter dem Motto „Arte sin techoobdachlose Straßenkunst zu sehen. Das „Las Violetas“ ist eines dieser erhaltenswerten und per Gesetz geschützten Cafés (Café notable). Ein weiterer Zeitzeuge des Prunks von Buenos Aires aus einer längst vergangenen Epoche. Als wir dort nach relativ kurzem Fußmarsch ankamen, war es sehr, sehr voll. Der Doorman fand aber noch einen Platz für uns, von dem man das Geschehen im Café bestens im Blick hatte. Wir tranken Cappuccino Italiana (das „a“ ist übrigens kein Tippfehler, so steht’s auf der Karte) und aßen superleckeren Kuchen. Der Renner in dem Café ist aber so eine Art gemischte Platte, ultraviel Süßkram und dazwischen Herzhaftes.

Café Las Violetas in Buenos Aires

Es fällt einem immer wieder auf, dass man sich in manchen dieser Läden den Arsch abfriert und man dann ganz froh ist, wenn man wieder raus in die schwül-warme Stadt kann. Wir liefen noch entlang der Avenida Rivadavia bis zur Plaza Miserere und stiegen dort in die Subte Linea A.

Café Las Violetas in Buenos Aires

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Duchamp und Rrose Sélavy in La Boca

Heute stand La Boca und das wiedereröffnete PROA im Mittelpunkt des Tages. So sind wir am frühen Nachmittag mit dem Bus 29 dorthin gefahren. Laufen war diesmal keine Option, obwohl es nicht sehr weit von San Telmo ist. La Boca ist in Buenos Aires das, was die Altstadt in Montevideo ist: Tagsüber schon nicht ganz ungefährlich und nachts eine No-Go-Area. Der Bus dorthin ist außerdem viel bequemer und nach 15 Minuten ist man da, wo man eigentlich nicht hin will: Am alten, immer noch stinkenden Hafenbecken von La Boca.

El Caminito

Als erstes sind wir ein wenig durch „El Caminito“ und die angrenzenden Gassen gelaufen. Hier stehen buntgetünchte Häuser aus der Zeit, in der sich viele italienische und spanische Einwanderer in dieser Arbeitergegend niederließen. Die Bewohner malten die Wellblechwände ihrer Häuser mit der Farbe an, die beim Streichen der Frachtkähne übrig geblieben war. Hier wurde angeblich auch der Tango geboren.

El Caminito in La Boca Buenos Aires, Argentinien

Diese Buntheit und der Tango verhalfen La Boca zu unverhofftem Ruhm und machten es zu dem, was es heute ist: Ultratouristisch mit fadem Beigeschmack. Alles wirkt absurd und unwirklich, fast abstoßend. An jeder Ecke gibt es Tango-Shows und kitschiges Kunsthandwerk für die Touristen. Eine ganze Weile haben wir das Treiben auf uns wirken lassen.

Tango in La Boca Buenos Aires

Folkloretanz in La Boca Buenos Aires

La Boca macht einen sehr trostlosen Eindruck auf mich. Um an die Touristendollar zu kommen, wird einiges getan. Es stimmt schon, wenn man sagt, dass der Tango ein trauriger Gedanke ist, den man tanzen kann. Das Viertel missbraucht diesen Gedanken aber und lässt ihn sinnentleert wirken. Tango ist hier nur Mittel zum Zweck. Die Tänzer beklatschen sich selbst und die Touristen wirken gelangweilt. Gefangen in der Tangofalle!

Fundacíon PROA

La Boca ist kein Viertel, in dem man sich zu Hause fühlt. Das PROA steht in willkommenem Kontrast zu dem ganzen Mief. Im März letzten Jahres war das PROA noch verhüllt und im Umbau. Das moderne Gebäude erstrahlt jetzt wieder in unerwartetem Glanz. Es wurde von einem italienischen Architektenduo aufwendig saniert und erweitert. Man glaubt es kaum, dass so ein Gebäude hier in La Boca steht. Schon der Vorplatz ist mit sehr viel Liebe zum Detail neu gestaltet worden.

Kann man Werke machen, die nicht Kunst sind?

Der Platz wurde mit Hirnholz gepflastert und macht einen sehr warmen und einladenden Eindruck. Innen ist alles schlicht und elegant: Glas, Stahl, Sichtbeton und viel Holz. Es wirkt typisch spanisch oder italienisch. Ein schönes Detail sind die alten, angerosteten Stahlsäulen im Erdgeschoss, die wahrscheinlich noch vom ursprünglichen Gebäude stammen.

Fundacion PROA in La Boca Buenos Aires

Derzeit läuft eine Ausstellung über  Marcel Duchamp, mit der das PROA im November 2008 neu eröffnet wurde. Duchamp war ein Avantgardist, Tabubrecher und passionierter Schachspieler. Er ist viel zu facettenreich, um umfassend von mir beschrieben zu werden. Den meisten wird er als Urheber der „Ready-mades“ bekannt sein, oder durch den Satz: „Kann man Werke machen, die nicht Kunst sind?“

Saal 2 der Marcel Duchamp Ausstellung im PROA in La Boca Buenos Aires

Weniger bekannt ist vielleicht sein Alter Ego: Rrose Sélavy. Sie hatte ihr Debut in den 1920er Jahren und ist Ausdruck dessen, dass Erotik der wichtigste Faktor in seinem Werk war. Rrose Sélavy ist ein Wortspiel (Eros c’est la vie, zu deutsch: Eros ist Leben). Die Ausstellung war hervorragend gemacht. Zum Einstieg gab es einen Film über Duchamps Leben (sogar mit ENGLISCHEN Untertiteln), der die Ausstellung auch für Leute, die ihn noch nicht kannten, erschließbar machte.

Saal 1 Marcel Duchamp im PROA in La Boca Buenos Aires

Neben Original -Exponaten waren auch Reproduktionen ausgestellt. Nicht alle Werke von Duchamp sind erhalten. Duchamp legte darauf keinen Wert. 1964 autorisierte er jedoch die Reproduktion einiger seiner Ready-mades. Wir erfuhren auch, dass Duchamp 1918/19, in der Zeit seiner Schach-Manie, einige Monate in BsAs verbrachte. Es wundert also kaum, dass er sich vornehmlich mit der Perfektionierung seiner Schachkünste beschäftigte. So schnitzte er hier ein Schachfigurenset. Das sieht übrigens echt toll aus. Das Interesse an dem Museum ist sehr groß. Wir hatten zum Glück die beste Zeit erwischt, nach uns kamen die Besuchermassen.

Café im PROA in La Boca Buenos Aires

Wir haben uns dann in das stylische PROA-Café zurückgezogen und uns gestärkt. Es sah die ganze Zeit schon nach Regen aus, und als wir im Café saßen, begann es zu schütten. So fiel unser Besuch dort etwas länger aus. Abschließend kann man sagen, dass sich der Besuch des PROAs wirklich lohnt. Ich würde jederzeit wieder hingehen.

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Schöne Künste in Buenos Aires

Heute wollten wir ins MALBA. Dort hat es mir bei meinem letzten Besuch sehr gut gefallen. Das relativ junge Museum (eröffnet 2001) widmet sich lateinamerikanischer Kunst von den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts bis heute. Das MALBA liegt nördlich des Stadtzentrums in Palermo Chico. Also zum Laufen zu weit. Unweit der Defensa, an der Avenida Paseo Colón sollten wir eigentlich einen Colectivo in die Richtung erwischen. An den Haltestellen angekommen wurden wir noch bevor wir den Guia“T“ aus der Tasche holen konnten von einem Porteño japanischer Abstammung angequatscht. Man sieht uns an, dass wir mit den Bussen in Baires noch Probleme haben. 😉 Er erklärte uns welche Linien in Frage kommen und fing mit uns ein Gespräch an. Er war ziemlich redselig und als er erfuhr, dass wir Deutsche sind, kam er sofort auf die gemeinsame Geschichte im Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Ab da wurde das Gespräch etwas unheimlich, besonders als er fragte, ob wir auch Patrioten seien. Wir stiegen in den nächstbesten Bus ein und fuhren bis zum Gebäude der juristischen Fakultät. Von dort sind es nur noch ein paar hundert Meter zu Fuß.

Die Floralis Genérica von Eduardo Catalano in Buenos Aires

Spaziergang zum MALBA

Das Universitätsgebäude stammt aus den 1940er Jahren und ist architektonisch entsprechend monumental. Gleich daneben, in dem angrenzenden kleinen Park, Plaza Naciones Unidas, steht die Floralis Genérica in ihrem Wasserbassin. Die überdimensionale Blüte, erschaffen vom Architekten Eduardo Catalano, ist aus Aluminium und poliertem Edelstahl. Ihre Besonderheit ist, dass sie sich morgens öffnet und zum Abend hin schließt.

MALBA - Museum für Lateinamerikanische Kunst in Buenos Aires

MALBA – Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires

Danach ging es noch ein ganzes Stück, vorbei an einem Villenviertel, bis wir an dem Neubau aus Glas und Naturstein ankamen. Derzeit gab es neben der Dauerausstellung mit Werken von Frieda Kahlo, Grete Stern etc.., eine Ausstellung über die „Amigos del Arte“. Die Kunstfreunde förderten in der Zeit von 1924 bis 1942 Kunst und Literatur in Buenos Aires. Leider hatte man von der Ausstellung ohne fundierte Spanischkenntnisse nur wenig. Zu sehen gab es u.a. Fotos aus den 1920er-Jahren in Buenos Aires.

Amigos de la Arte - MALBA Buenos Aires

Im Erdgeschoss war unter dem Titel „Diseño en proceso“ eine Schauwand aufgestellt, die den unsichtbaren Prozess des Designens bei der Entstehung von Industrieprodukten aufzeigt. Außer viel Text und ein paar Beispielobjekten (z.B. Spielzeug, Schuhe, Wasserhahn) gab es nicht viel zu entdecken. Daraus hätte man mehr machen können, finde ich.

Küchenarmatur "Nabuco" aus der Ausstellung "Diseño en Proceso" im MALBA Buenos Aires

Das Highlight war jedoch eine Fotoreihe mit dem Titel „El triunfo de la muerte“ (Der Triumpf des Todes). Der Fotograf, Oscar Bony, hatte sich mit Fernauslöser in mehreren Posen abgelichtet, als würde er im Moment des Fotos erschossen werden. Danach hat er dann wohl die bereits gerahmten Fotos hinter Glas beschossen, so dass man nicht nur die Einschusslöcher, sondern auch das gesprungene Glas sehen konnte.

Der Triumpf des Todes von Oscar Bony im MALBA Buenos Aires

Paseo Alcorta – Yet another shopping mall

Inzwischen machte sich der Hunger bemerkbar und wir beschlossen Essen zu gehen. Ganz nahe beim MALBA liegt eine Shopping Mall, das Paseo Alcorta, mit riesigem Supermarkt. In der obersten Etage kann man an einigen Imbissen Kleinigkeiten essen. Es ist echt erstaunlich, wie gut in Argentinien selbst in solchen Läden das Fleisch schmeckt. In dem Supermarkt, einem Carrefour, haben wir dann endlich eine italienische Espressomaschine gefunden und Kaffee, der OHNE Zucker geröstet wurde, 100% Arabica. Ab jetzt gibt es auch zuhause guten Kaffee! Bisher haben wir ihn nämlich nach „Art des Hauses“ mit einem zum Filter umfunktionierten Teestrumpf gebrüht.

Palermo Chico

Auf dem Weg zum Museo Nacional de Bellas Artes haben wir uns dann das Villenviertel, an dem wir vorhin vorbeigelaufen sind, vorgenommen. Vorbei an etlichen Botschaften (z.B. von der Islamischen Republik Iran und von Haiti) sind wir dann tiefer ins das kleine Viertel gelaufen. Hier gibt es unheimliche schicke Privathäuser in der Größe einer kleinen Villa, aber auf minimalstem Raum. Alles ist unheimlich gepflegt und der Rasen saftig grün, sofern man dass durch die mannshohen Stahlzäune mit Sichtschutz erkennen konnte. Um das Rasensprengen müssen sich hier die Besitzer sicher nicht selbst kümmern, das machen Angestellte. Dumm nur, dass dieses exklusive Quartier direkt an der vielbefahrenen Eisenbahnstrecke von und nach Retiro und in der Einflugschneise des Stadtflughafens Jorge Newberry liegt. Allein in der Zeit, in der wir da waren, donnerten zwei Flugzeuge über uns hinweg. Das nimmt dem Viertel irgendwie seine Exklusivität und wir waren uns einig, dass wir hier nicht wohnen wollten.

MNBA – Museo National de Buenos Aires

Das Nationalmuseum der schönen Künste war gerade noch geöffnet (es schließt um 20 Uhr) und wir haben uns dort 2 Ausstellungen angeschaut. Eine hieß „Aproximaciones“ (Annäherungen) von Jacques Bedel, der mit Folien hinter Glas gearbeitet hat.

Annäherungen/Aproximaciones von Jacques Bedel im MNBA Buenos Aires

Die andere mit Fotos verschiedener Künstler nannte sich „Mirando la Historia“ (Die Geschichte Betrachtend) und widmete sich neben argentinischen Themen, wie der Militärdiktatur und Ihren Folgen und der Wirtschaftskrise von 2001, auch internationalen Ereignissen wie dem Anschlag auf den US-Präsidenten Reagan, dem Wahlkampf Mitterrands und der Ankunft des ersten Zeppelins 1934 in Buenos Aires.

Hier mit Bild von Julio Pantoja, Pablo Gargiulo

Besonders beeindruckt hat mich das Foto eines jungen Mannes, der Fotografien seiner Eltern in den Händen hält, die während der Diktatur verschwunden sind. Faszinierend war auch die Aufnahme eines jungen Pärchens. Über das Foto von den beiden war ein zweites abgerissenes gelegt. Auf dem abgerissenem war ihnen der Mund mit einer Mullbinde verbunden, was die Zensur versinnbildlichen sollte. Die Werke der klassischen europäischen und südamerikanischen Künstler haben wir uns für einen anderen Besuch aufgehoben.

Anos de plomo, die bleiernen Jahre, Censura/Zensur

Ganz in der Nähe liegt in einer Grünanlage an der Plaza Francia der berühmte Friedhof von Recoleta. Der hatte aber schon zu. Die Kirche gleich nebenan (Nuestra Señora del Pilar) ist ziemlich überladen golden und wahrscheinlich ohne besonderen kulturhistorischen Wert. Eindrücklich war aber, dass in jeder Seitenkapelle vor den riesigen Altären je 2 monströse, uralte Ventilatoren standen. Allmählich wurde es auch schon dunkel und wir mussten noch ziemlich weit nach Hause laufen.

Die Avenida Corrientes, der Broadway von Buenos Aires

Auf dem Heimweg entdeckten wir eine Straße, die Libertad, parallel zur Avenida 9 de Julio, in der auf mehreren hundert Metern Länge ein Juweliergeschäft nach dem anderen kam. Meist mit Werbeschildern für den An- und Verkauf teurer Uhren (Rolex). Diese Spezialstraßen waren mir schon bei meinem letzten Aufenthalt aufgefallen.

Zuhause angekommen gab es zuerst, auch wenn es schon später Abend war, einen Kaffee…

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Seremos tan felices en Buenos Aires – Wir sind so froh in Buenos Aires

Das war der Titel einer von sieben Ausstellungen, die wir uns heute im Centro Cultural Borges angesehen haben. Die Menschen, die auf den Bildern dargestellt waren, sahen aber alles andere als glücklich aus. Der Titel war wohl eher ironisch gemeint. Man sah Hausfrauen, die mit technischen Geräten kämpften, Fabriken, rauchende Schornsteine, Geschäftsleute in Schlips und Kragen oder Menschenmassen beim gleichgeschalteten Vergnügen in überfüllten Cafés. Eigentlich hatten wir gar nicht vor, heute ins CCB zu gehen. Aber alles der Reihe nach…

Galeria Pacifico in Retiro Buenos Aires

WLAN für alle

Der Tag begann damit, dass wir uns über die langsame Internetverbindung ärgerten. Wir nutzen momentan ein unverschlüsseltes WLAN von einem Copy-Shop bei uns um die Ecke. Das Surfen damit ist allerdings die reinste Qual! So bat ich Brenda (unsere Vermieterin), uns ihr WLAN aus der Galerie zugänglich zu machen. Wir hatten zwar schon alles, was wir für den Zugang brauchten, es funktionierte aber bisher trotzdem nicht richtig. Hinzu kommt, dass die Galerie um 19 Uhr schließt und dann auch das Netz weg ist. Brenda hat sich sowas wie einen Generalschalter gebastelt, damit auch wirklich alles aus ist, wenn sie geht. Ganz süß, aber für uns eher blöd. Wir konnten Sie überzeugen, wenigstens den Router anzulassen. Jetzt scheint alles zu klappen. So können wir einigermaßen schnell Sachen recherchieren oder bloggen. Bei der Gelegenheit haben wir sie gleich noch gefragt, was es mit der Kampagne „No al Tarifazo de los Kirchner!! No Pague La Luz“ auf sich hat. Die Plakate haben wir am Sonntag auf der Feria an vielen der Stände gesehen. Klar war, dass es um Strom ging und dass er wohl teurer wird. Brenda erzählte, dass die Regierung die Strompreise drastisch erhöht hat und der Strom nun mehr als das 3-fache kostet. Auch sei der Vermittlungsversuch eines Ombudmans gescheitert.

Centro Cultural Borges

Wir hatten uns also vorgenommen, der Defensa in nördlicher Richtung zu folgen und dann irgendwann mit dem Bus weiter in Stadtteil Palermo zu fahren. Ab der Plaza de Mayo heißt die Straße dann übrigens Reconquista. Der Hunger trieb uns allerdings bereits in Retiro in eine der interessanten Nebenstraßen (Tres Sargentos). In der BarBaroBar hatten wir dann ein sehr spätes Frühstück und Mittag. Und da wir bereits ganz in der Nähe der Galeria Pacifico waren, sind wir von unserem ursprünglichen Plan abgewichen und haben uns das noble Einkaufszentrum angeschaut. Im oberen Bereich des Shopping-Centers befindet sich das Centro Cultural Borges. Das CCB ist auf zeitgenössische Kunst spezialisiert und hat ständig wechselnde Ausstellungen. Manche kann man gratis ansehen und für andere muss man Eintritt bezahlen. Wir hatten keine Karten und konnten uns trotzdem alles anschauen. Jedenfalls wurden wir von niemandem aufgehalten, als wir durch die verschiedenen Ausstellungssäle gelaufen sind. Es waren außer uns auch nicht sehr viele Besucher unterwegs.

Austellung im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Am besten hat uns die Ausstellung „Objectos de mi pasión“ gefallen. Die Sammlung mit den Namen „Prólogo“ von Esteban Tedesco sollte die enge Bindung des Künstlers mit seinem Werk zeigen. Zu sehen gab es Installationen, Fotografien und Gemälde. Das „Back to the lost garden“ von Matías Duville würde ich auch in meine Kunstsammlung aufnehmen. 😉 Dieser hatte auf einer OSB-Platte eine völlig zerstörte Umwelt dargestellt. Die Spanplatte war nicht vollständig bemalt, an vielen Stellen war der raue Untergrund deutlich zu sehen. Zusätzlich wurden, wahrscheinlich nachträglich, einzelne Bereiche der Holzplatte mit einem Meisel bearbeitet und bemalte und nicht bemalte Stücke raus gebrochen. So entstand ein ziemlich aussagekräftiges Gemälde.

Back to the lost garden von Matias Duville [2008] im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Auch die bunte Installation mit kreisrunden Milchglasplatten von Graciela Hasper war sehr schön. Der Bezug zum Titel der Ausstellung wurde besonders deutlich bei den Fotografien von Rosanna Schoijett. Die Aufnahmen zeigen Künstler aller Couleur – Maler, Bildhauer, Aktionskünstler – vor ihren Werken. Hund und Herrchen, sozusagen.

Centro Cultural Borges - Installation von Graciela Hasper ohne Titel und Back to the lost garden von Matias Duville

Nachdem wir uns sattgesehen hatten, sind wir in die Escuela Argentina de Tango (Tango-Schule), die sich in den Nachbarräumen befindet. Wir wollten mal gucken, wie Leute Tango tanzen und haben dann Anfängern beim Lernen zugeschaut. Die Schule macht echt einen sehr angenehmen Eindruck. Der freundliche Mann vom Empfang hielt uns für Interessenten und präsentierte uns gleich die verschiedenen Angebote der Schule. Das ist übrigens gar nicht so teuer: Eine Stunde kostet hier 25 Pesos, nimmt man mehrere Stunden im Paket wird es billiger. Bei dem Überangebot an Tanzschulen in Buenos Aires geht das aber bestimmt noch günstiger.

Tangoschule im Centro Cultural Borges Buenos Aires

Retiro

Irgendwie verging die Zeit rasend schnell und es war schon wieder fast halb acht. Wir verließen das CCB in Richtung Plaza San Martin im Herzen von Retiro. Dort schlenderten wir durch den angrenzenden Park und ruhten uns aus. Hinter der Plaza, wo die Calle Florida beginnt, haben wir uns ein Dulce de Leche Diät-Eis gekauft. Das war total lecker, aber trotzdem noch sehr süß. Ich will nicht wissen, wie dann die normale Variante schmeckt. An Dulce de Leche kommt man hier einfach nicht vorbei.

Cartoneros an der Plaza San Martin im Stadtteil Retiro in Buenos Aires

Retiro macht einen sehr französischen Eindruck. Man kommt sich vor wie in Paris. Sehr schöne und gepflegte Häuser, kleine Lädchen und Cafés überall. Auch sind hier die Bürgersteige tadellos in Ordnung. Das ist nicht selbstverständlich in Buenos Aires. Cartoneros, die im Müll nach Papier und Pappe suchen, gibt es aber auch hier. Wir haben noch eine Weile die vorbeilaufenden Menschen beobachtet. In der Dämmerung machten wir uns über die Avenida Santa Fe und die Avenida 9 de Julio in Richtung Heimat auf. Dabei haben wir allerlei interessante Dinge entdeckt, wie z.B. dass das Teatro Colón immer noch geschlossen ist, obwohl es im Oktober letzten Jahres wiedereröffnet werden sollte. Es sieht noch immer so aus, wie bei meinem letzten Besuch. Auch das Teatro Cervantes ist noch immer eingerüstet. Wir werden die Tage mal vorbei gehen und schauen ob es dort Führungen gibt.

Avenida 9 de Julio mit Obelisk in Buenos Aires

Kapitalismus ist Egoismus. Gefunden in den Strassen von Buenos Aires

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In der Hitze der Stadt

Nach dem wir erst am frühen morgen ins Bett gegangen sind, wurden wir gefühlt nur wenige Augenblicke später wieder wach. Das Hostel erwachte nach und nach zum Leben. Schon gestern ging es in der Lobby sehr lebhaft zu. Zudem lief die halbe Nacht DJ-Mucke. Eigentlich wollten wir noch ein bisschen schlafen, also haben wir uns Oropax ins Ohr gestopft. Was für eine Stille! Nach dem Aufstehen begann der Tag genau wie gestern: Nämlich mit Duschen, hektischen Zusammenpacken und Auschecken. Aber darin haben wir ja inzwischen Routine.

Stadtgetümmel

Unser erster Weg führte uns mit Sack & Pack zu Buquebus. Dort wollten wir uns Tickets für die letzte Fähre nach Buenos Aires kaufen, um noch so viel Zeit wie möglich in Montevideo zu verbringen. Die frühen Fähren waren ohnehin schon alle ausgebucht, also blieb nur die um 21 Uhr. Dass wir erst um Mitternacht in Buenos Aires ankommen, war für unseren Vermieter dort kein Problem. Wir hatten uns bereits im Vorfeld um ein Zimmer in Buenos Aires bemüht und eine flexible Ankunft ausgemacht. Unser ganzes Gepäck konnten wir zum Glück komplett am Buquebus-Terminal im Hafen deponieren. Und das kostenlos!

Kreuzfahrtschiff im Hafen von Montevideo, Uruguay

Nachdem wir von den ganzen Kilos befreit waren, haben wir uns nochmal ins Stadtgetümmel gestürzt. Bevor es aber so richtig losgehen konnte brauchten wir unbedingt noch einen Kaffee. Zuvor jedoch, wo wir schon mal in der Nähe waren, haben wir noch den Mercado del Puerto besichtigt. Heute war er geöffnet und so schlenderten wir durch die alte, schmiedeeiserne Markthalle. Zur Mittagszeit herrscht hier Hochbetrieb. Heute war die Altstadt viel voller als noch gestern.

Mercado del Puerto in der Altstadt von Montevideo, Uruguay

Vielleicht lag das daran, dass im Hafen ein Riesen-Kreuzfahrtschiff festgemacht hatte und seine Passagiere an Land spuckte. So sah man viele Leute in der Markthalle Parrilla essen. Von dort ging es dann direkt weiter ins Café Bacacay, wo wir gestern schon waren. Nach diesem ultraspäten Frühstück sind wir in das unterirdische Mausoleum von General Artigas gegangen, das unterhalb der Plaza Independencia liegt. Die Urne des Generals wird von zwei Uniformierten bewacht.

Mausoleum General Artigas Plaza Independencia in Montevideo, Uruguay

Bei meinem ersten Besuch in Montevideo habe ich mich über eine Militärparade auf der Plaza gewundert. Jetzt ist mir klar, dass es sich hier um die Wachablösung handelte, die man jeden Sonntag erleben kann. Anschließend sind wir durch die ruhigeren Seitenstraßen rechts der Avenida 18 de Julio gestreift. Die Platanen, die die Einbahnstraßen säumten, bildeten ein geniales Blätterdach, das fast wie ein Tunnel wirkte und so angenehm Schatten spendete. Es war so heiß in der Stadt, dass sie Klimaanlagen auf Hochtouren liefen und das Kondenswasser auf die Bürgersteige regnete. Hier gab es viele kleine Läden zu entdecken, wie man sie bei uns kaum noch kennt.

Panaderia in Montevideo Centro, Uruguay

Besonders gefallen haben uns die vielen kleinen Bäckereien mit unendlich vielen verschiedenen Süßigkeiten, aber auch herzhaften Empanadas und Quiches. Abseits der Touristenmeile kann man zudem Bars, Cafés, Kurzwaren- und andere Spezialgeschäfte finden.

Industrie- und Modedesignausstellung

Auf der Plaza Fabini haben wir dann eine Ausstellung im SUBTE (Centro Municipal de Exposiciones) besucht. Dort lief die Ausstellung „20 años del Centro de Diseño Industrial“, in welcher der Fachbereich Industrie- und Modedesign der Universidad de la República sein 20-jähriges Bestehen feierte. Die Exponate stammten von Studenten und Absolventen der Uni. Ausgestellt waren Arbeiten, die von ersten Konzeptionen bis zu marktreifen oder auch rein funktionalen Produkten reichten.

Industrie- und Modedesign Ausstellung in Montevideo Subte

Industrie- und Modedesignausstellung in Montevideo Subte

Studentische Industriedesign Ausstellung in Montevideo Subte

Teatro Solís

Der Höhepunkt des Tages war eine englischsprachige Führung durch das wunderschöne Teatro Solís.

Panorama Teatro Solis in Montevideo, Uruguay

Das wollten wir eigentlich gestern schon machen, aber wir waren zu spät dran. Zwischen Dienstag und Sonntag werden jeweils um 11, 12 und 17 Uhr Führungen durch das Gebäude für 40 UY$ (ca. 1,37 EUR) angeboten. Eine Führung in spanische kostet die Hälfte. Ursprünglich wollte ich diese Führung bereits letztes Jahr machen, aber da ich an einem Montag abgereist bin, ging das nicht.

Teatro Solis in Montevideo, Uruguay

Das Interesse an den Führungen scheint recht groß zu sein, da sich bereits einige Leute im Foyer des Theater einfanden. Die Führungen sind sehr persönlich und so kommen nur wenige Leute auf einen Guide. Unser Guide sprach extrem gutes Englisch und führte unsere Gruppe durch alle wichtigen Bereiche des Theaters. Außer uns waren nur noch zwei sehr junge Norwegerinnen dabei, von denen die eine in Montevideo lebte. Unsere Tour begann auf dem Vorplatz, wo wir eine Einführung in die verschiedenen Bauphasen des Gebäudes bekamen.

Decke des Saals im Teatro Solis in Montevideo, Uruguay

Dann führte er uns in einen prachtvoll mit viel Gold dekorierten Saal im ersten Stock. Dieser diente früher als Aufenthaltsraum während den Pausen, heute wird er für andere Veranstaltungen, genutzt. So finden hier von Zeit zu Zeit mondäne Tangoabende statt. Als nächstes ging es dann in den Theatersaal. Dort erfuhren wir, dass das Theater insgesamt Platz für 1250 Menschen bietet. Der Bürgermeister von Montevideo und der Präsident Uruguays haben jeweils eine großzügige Privatloge im ersten bzw. im zweiten Stock mit bester Sicht auf das Bühnengeschehen. Wir erfuhren auch, dass die Avanzen (eine Art Loge) direkt links und rechts der Bühne noch bis 1998 zu den teuersten Plätzen im Theater zählten.

Hinter der Bühne des Teatro Solis in Montevideo, Uruguay

Dort hat man zwar keine gute Sicht auf die Bühne, aber man kann alle Anwesenden sehen und wird von allen gesehen. Der Opernsaal ist am ehesten mit der Scala in Milano zu vergleichen. Für eine Vorstellung im Teatro Solis muss man aber nur maximal 180 UY Peso (ca. 6,20 EUR) bezahlen. Selbst bei diesen Preisen ist der Saal selten ausverkauft. Danach sind wir hinter die Bühne gegangen und haben uns die sehr moderne Bühnentechnik erklären lassen. Unsere 40-minütige Tour endete im rechten Seitenflügel der Oper, in dem sich eine weitere kleine Bühne befindet. Dort gibt es momentan Tanzperformances zu sehen. Die Opernsaison in Montevideo beginnt wieder im August. Bis dahin wir die Oper als Theater benutzt.

Hinter der Bühne im Teatro Solis in Montevideo, Uruguay

Auf nach Buenos Aires

Bis unsere Fähre abfahren würde, blieb uns noch etwas Zeit in Montevideo. Die haben wir in der Altstadt mit Eis essen und Trinken verbracht.

Justizministerium in Montevideo, Uruguay

Dann sind wir gemächlich zum Hafen geschlendert. Das Ausreisen verlief total problemlos und nur wenig später saßen wir in der Fähre Santa Maria Ana L nach Buenos Aires. Gegen Mitternacht sind wir im Hafen von Buenos Aires eingelaufen. Wir freuten uns total auf diese Stadt. Nur wenig später holten uns unsere Gastgeber, ein amerikanisch-argentinisches Paar, ab und wir fuhren zusammen in die Wohnung die wir angemietet hatten. Von der Wohnung sind wir total begeistert. Wir hatten sie uns auf den Bildern viel spartanischer vorgestellt. Die beiden zeigten uns alles und meinten wir sollen uns wie zu Hause fühlen. Ich glaube das werden wir hier auch.

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