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Let’s not think about tomorrow – Lass uns nicht an morgen denken

Kurz war sie, die vergangene Nacht. Ich bin durchs Bloggen erst wieder sehr spät ins Bett gekommen. Das Schreiben, die Bilderauswahl und das Hochladen nehmen doch mehr Zeit in Anspruch als man eigentlich wollte. Und die Internetverbindung war so unendlich lahm wie die ganzen Tage zuvor nicht, und so gestaltete sich der Upload der Bilder als mittelschwere Geduldsprobe.

Avenida Belgrano

Wie dem auch sei, bereits um 10 Uhr waren wir erneut mit Billie verabredet, um mit ihr ein paar Details zu besprechen und um sie besser kennenzulernen. 10 Uhr ist ziemlich früh für diese Stadt aber so hatten wir Gelegenheit ihr Apartment an einem Freitagvormittag zu erleben. Die Stadt präsentiert sich je nach Wochentag und Uhrzeit in einem jeweils anderen Licht. Mal stickig, laut und überlaufen und mal ruhig, ausgestorben und gemütlich. Jedenfalls war das mit dem aus dem Bett kommen nicht ganz so einfach heute aber wir haben es dann doch noch mit einer kleinen Verspätung zu Billie geschafft. Und schon standen wir in dem alten, schmiedeeisernen Aufzug der uns krächzend und gemütlich nach fast ganz oben in Billies Appartment brachte. Zum Glück hat sie uns gleich einen Kaffee angeboten, der dann auch etwas Leben in den müden Körper brachte. Billie sprudelte bereits nur so über und sprach wie ein Wasserfall. Ihre Informationen stürzten wie Fremdkörper auf mich ein und ich hatte noch Mühe alles zu verfolgen.

Der Motor des Aufzugs in Billies' Wohnhaus im englischen Stil in Buenos Aires

Internet mal ganz plastisch

Billie hatte bereits eine kleine Gruppe an Montagearbeitern einer Kabelfirma in der Wohnung, die die von ihr abgeschnittenen Telefonleitungen ordentlicher verlegen sollten. Dazu muss man wissen, dass man sich in Buenos Aires ein ziemlich plastisches Bild vom Internet machen kann und es tatsächlich sieht. Es spannt sich über die Dächer der Stadt wie ein riesiges Spinnennetz. Dabei entstehen sehr abstrakte Eindrücke, wenn man mal hier und da gen Himmel schaut. Braucht man in BsAs einen Anschluss, kommen die Jungs von der Kabelgesellschaft und werfen einfach ein neues Kabel von Dach zu Dach und gut ist. Eigentlich ist diese Praxis illegal aber keiner kümmert sich drum, außer Billie. Heute soll sie nun den ersehnten Verteilerkasten bekommen und sie will streng darauf achten, dass die Kabel nun sauber verlegt werden.

"Das Internet" über den Dächern von Buenos Aires

Der vernetzte Himmel von Buenos Aires

Gegen 14 Uhr sind wir bei Billie aufgebrochen um einen Copy-Shop aufzusuchen. Glücklicherweise war so ein Laden gleich an der nächsten Straßenecke, so dass dies recht schnell erledigt war. L. wollte unbedingt ein paar bürokratische Erledigungen machen, die uns mit seinem kopierten Pass erst zur Polizeistation von San Telmo führte und dann noch einmal zu Billie. Gut, erledigt! Heute ist unser vorerst letzter Tag in Buenos Aires und den wollten wir noch einmal genießen. Gegen 16 Uhr waren wir mit dem bürokratischen Teil des Tages durch und konnten uns wieder dem touristischen Buenos Aires widmen. Ich schlug vor in ein tolles Café entlang der Subte Linea A zu fahren. Der Gedanke an morgen macht mir ehrlich gesagt keine gute Stimmung aber noch ist es ja nicht soweit und so stürzten wir uns noch einmal in einen Nachmittag. Das Wetter war, wie fast jeden Tag, sehr sommerlich und sehr angenehm.

Die Cafés, die Seele der Stadt

Die Cafés der Stadt gehören zur Lebensart von Buenos Aires wie Tango, Evita oder Parrilla. Die Confitería Las Violetas in der Avenida Rivadavia 3899 (Subte „Castro Barros“) ist ähnlich wie das Grand Café Tortoni ein Traditionscafé. Es wird größten Wert auf Authentizität gelegt und sehr viel Aufwand betrieben um die eleganten, historischen Cafés der Stadt in Schuss zu halten. Es gibt sogar ein Gesetzt zum Schutz und Erhalt dieser Traditionscafés und Bars. Das Las Violetas im Viertel „Almagro“ ist hell und klassisch eingerichtet und bietet eine große Auswahl an Torten und Gebäck. Diese kann man entweder im mondänen Ambiente des Cafés gebührend genießen oder einfach mit nach Hause nehmen.

Birthday Bash im Las Violetas im Stadtteil Almagro in Buenos Aires

Toastecken mit Marmelade sowie Cappuccino

Bei Toastecken mit Marmelade, Cappuccino und Coke light haben wir die letzten Postkarten an unsere Liebsten geschrieben und die Seele baumeln lassen. Den Weg zurück sind wir zu Fuß gegangen. So bekommt man einfach den besten Eindruck von einer Stadt und man entdeckt immer wieder spannendes links und rechts des Weges. Wir sind einfach dem Linienverlauf der Subte Linea A entlang der Avenida Rivadavia in Richtung Monserrat gefolgt. Dabei kamen wir an der Plaza Miserere vorbei. Der Platz war ziemlich bevölkert. Hier treffen sich die Menschen um zu plauschen oder zu handeln. Einige verkauften Dies und Das auf am Boden ausgebreiteten Tüchern. Wenig später sind wir noch am National Kongress und der Plaza del Congreso vorbeigekommen. Dort parkte ein ziemlich cooles und ziemlich zugetaggtes Wohnmobil.

Zugetaggtes Wohnmobil auf der Plaza del Congresso

Rush Hour Chaos

An der Megakreuzung 9 de Julio / De Mayo haben wir die allabendliche Rush-Hour beobachtet. Heute waren sogar Polizisten im Einsatz die das Regeln des Verkehrs zusätzlich zu den Ampeln übernahmen. Zirka 10 Sekunden bevor eine Ampel auf Rot schaltete hielten die Polizisten bereits den Verkehr an. Das sollte verhindern, dass die Leute mit Ihren Autos den Kreuzungsbereich verstopfen. Hier zählt jeder Meter der gefahren werden kann. Um also das größtmögliche Chaos zu vermeiden sperren die Polizisten rechtszeitig die Kreuzung für die jeweilige Richtung, die als nächstes Rot bekommt.

Der allabendliche Wahnsinn (Rush Hour) an der Megakreuzung Avendida 9 de Julio und Avenida de Mayo

Die Italienerin in Algerien

In der Av. De Mayo haben wir uns dann ganz spontan für einen Theaterbesuch am Abend entschieden. Genauer gesagt haben wir uns für eine Oper entschieden und zwar Rossinis L’Italiana in Algeri, deren Neuinszenierung heute Premiere in der „La Nueva Ópera de Buenos Aires“ feierte. Das kulturelle Angebot in Buenos Aires ist wirklich überwältigend. In keiner anderen Großstadt soll es so viele Bühnen geben wie hier. Man sagt es seien um die 180 Bühnen.

Rossinis L'Italiana in Algeri in der La Nueva Opera de Buenos Aires

Wie dem auch sei, unsere Vorstellung startete aber erst um 20 Uhr sodass wir noch Zeit für einen Salat in einem Restaurant ganz in der Nähe hatten. Dort machten wir zum wiederholten Male tierische Bekanntschaft mit einem der vielen umherstreunenden Hunde. Er schaute uns an, wir schauten ihn an und schon lag er ganz entspannt unter unserem Tisch. Was er genau wollte blieb allerdings unklar. Gebettelt hat er nicht!

"Pedro" einer unser vielen tierischen Teilzeitfreunde

Nach dem ersten Akt haben wir die Oper aber wieder verlassen, weil wir noch packen mussten und schon wieder Hunger hatten. Zum Abendessen haben wir uns dann das moderne Eckrestaurant gegenüber dem “El Federal” in San Telmo an der Ecke der Straßenkreuzung Carlos Calvo und Peru ausgesucht. Dort gab es einen superleckeren Salat mit mindestens einem Kilo Blauschimmelkäse. (: Na soviel war es nicht aber immerhin soviel, das ich es nicht aufessen konnte und das mag bei Käse schon was heißen. Dann sind wir nach Hause und dort hieß es packen. *Schnief*

Architektonischer Blick von der Plaza del Congresso in Richtung Avenida 9 de Julio

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Palacio del Congreso de la Nación Argentina

Auch heute haben wir die Casa Perú wieder sehr spät verlassen. Nach dem Aufstehen erfuhren wir, dass ein Termin für den späten Nachmittag bestätigt wurde, und wir wohl so nur eine „kurze“ Tour durch Buenos Aires machen konnten. Gegen 18 Uhr sollten wir nun die unbekannte Bekannte treffen, mit der wir bisher nur E-Mail-Kontakt hatten. Wir waren sehr gespannt darauf.

Dos café con leche y cuatro medialunas por favor

So kam es, dass wir erst gg. halb drei Uhr im Café Origen landeten. Zum Glück hatten sie noch Medialunas. Was werden wir nur ohne sie in Europa machen? Im Origen haben wir uns dann für die verhältnismäßig kurze Tour zum Nationalkongress Argentiniens entschieden. Nach einem Blick auf die Uhr und in die Karte, sahen wir, dass dieser nicht sehr weit entfernt ist, und wir so den Termin um 18 Uhr auf jeden Fall einhalten würden. Wir hatten ja bereits Tage zuvor versucht den „richtigen“ Kongress zu besichtigen, fanden uns aber aufgrund falscher Annahmen in einem anderen Barrio wieder.

Richtung Avenida de Mayo

Nach unserem alltäglichen Cafe con Leche und ein paar Medialunas sind wir gerade aus in Richtung Av. de Mayo aufgebrochen. Dort angekommen ging es weiter vorbei am Grand Café Tortoni, in dem wir gestern eine gute Zeit hatten, und nur wenig später überquerten wird bereits die Avenida 9 de Julio. Von dort ist es gerade mal noch eine Station mit der Subte (bis Sáenz Peña) bzw. vier Blocks zu Fuß bis zum Beginn der Plaza Congreso, die dem Kongressgebäude zu Füßen liegt. Am Ende der Plaza sieht man bereits das riesige Gebäude des „Congreso Nacional“.

Die Plaza Mariano Moreno mit Blick auf den Congreso Nacional in Buenos Aires

Der Platz war nicht sonderlich belebt und irgendwie machte heute die ganze Stadt einen eher leeren Eindruck. Wir waren scheinbar mitten in der Siesta unterwegs. Kein Wunder also, dass das Leben in der Stadt so gemächlich von statten ging. Der Platz war nur von einigen Obdachlosen, ein paar Einheimischen und Touristen, sowie von unzähligen Tauben bevölkert. Ich glaube nur der Piazza San Marco in Venedig hat mehr Tauben zu bieten. Sei es drum.

Die Plaza Congreso in Buenos Aires mit vielen Tauben

Obdachlose Frau auf der Plaza Congreso in Buenos Aires

Congreso de la Nación Argentina in Buenos Aires

Abstecher nach Tribunales

Wir haben uns das Gebäude von außen angesehen, ein paar Fotos gemacht und sind dann ziemlich bald weiter gezogen, um uns noch ein paar Sachen in der näheren Umgebung anzusehen. Da waren zum einen das „Centro Cultural San Martín„, und das „Teatro San Martín“ in der Av. Corrientes im Quartier Tribunales. Der Fußweg dorthin hielt sich in Grenzen. Das Theater hatte um diese Uhrzeit natürlich geschlossen und im Kulturzentrum San Martín gab es, abgesehen von der Innenarchitektur, für uns nichts Spannendes zu sehen. In der Av. Corrientes haben wir dann noch ein paar Buchläden durchstöbert, bevor wir dann zurück in Richtung Congreso gelaufen sind.

Seitenansicht des Congreso de la Nación Argentina in Buenos Aires

Es war inzwischen auch schon kurz nach halb fünf und so konnten wir uns langsam in Richtung Av. Belgrano aufmachen, wo wir gegen 18 Uhr den Termin haben würden. Auf dem Weg dorthin haben wir noch das repräsentative, neoklassizistische Gebäude der hiesigen Polizei (Departamento Central de Policía) gestreift und sind dann gemütlich die Av. Belgrano Richtung Monserrat gegangen. Nach einer halben Stunde hatten wir dann auch das gesuchte Haus erreicht, nachdem wir zuerst daran vorbeigelaufen sind. Wir waren einfach auf der falschen Straßenseite. Da es noch immer zu früh war, um zu klingeln, haben wir in der Nähe noch eine Coke getrunken und uns sitzend ausgeruht. Die Rumlauferei in BsAs ist schon recht anstrengend aber nur so kann man die Stadt richtig entdecken. Wir beschlossen noch ein paar Medialunas zu kaufen, um diese mit zu dem Termin zu nehmen. Auf der Suche nach einem Bäcker, der geöffnet hatte, sind wir über eine Buchhandlung gestolpert in der mindestens 2 x 15m der Berliner Mauer standen. Die „Libreria del Muro“ in der Av. Chacabuco 271 machte von außen einen interessanten Eindruck, hatte aber leider auch nicht (mehr) geöffnet.

Die Mauerbuchhandlung oder Libreria del Muro in der Av. Chacabuco 271 in Buenos Aires

Loft mit Aussicht

Pünktlich gegen 18 Uhr sind wir dann zurück in die Avenida Belgrano und haben uns mit Billie getroffen. Ihre Wohnung lag ganz oben und so erklärte sie uns bereits an der Klingel, welchen Fahrstuhl wir nehmen sollten. Als wir oben ankamen empfing sie uns in Ihrer schönen, sonnendurchfluteten Wohnung. Sie hatte gerade einen befreundeten Fotografen zu Besuch, der sich von uns nicht stören lies. Wir stellten uns alle gegenseitig vor und dann zeigte sie uns ihr Reich. Die Wohnung gewährt einen wunderschönen Ausblick über Buenos Aires.

Buenos Aires von oben mit Sicht stadteinwärts

Buenos Aires von oben mit Blick stadteinwärts Teil 2

Bereits durch die Fenster der Wohnung hatte man quasi einen 180 Grad Umblick über die Stadt. Auf der Dachterrasse konnte man dann das ganze „Ausmaß“ der Aussicht genießen. Was für ein Moloch lag da vor uns. Paris sieht übrigens sehr ähnlich von oben aus. Heller, fast weißer Beton wo das Auge hinschaut. In die eine Richtung konnte man sogar den Río de la Plata sehen.

Buenos Aires von oben mit Fernblick auf den Rio de la Plata

Wir hatten hier bisher noch keine Möglichkeit, eine so urbane Aussicht über die Stadt zu genießen. Wirklich großartig! Während wir uns so mit Billie unterhielten bzw. Billie uns unterhielt, ging die Sonne so langsam unter. Ein sehr schönes Schauspiel von hier oben. Für uns wurde es dann auch langsam wieder Zeit aufzubrechen, und uns zu verabschieden. Der Besuch hat sich schon allein wegen der atemberaubenden Sicht auf Buenos Aires gelohnt.

Essen, wo Porteños essen

Auf dem Weg nach Hause machten wir noch einen Zwischenstopp in einem dieser stadttypischen Speiselokale. Restaurants kann man das nicht wirklich nennen. Besonders in San Telmo findet man noch sehr viele von diesen Einrichtungen, in den sich wohl vor allem die Einheimischen für wenig Geld bekochen lassen und die Geselligkeit genießen.

Typische Essgelegenheit in San Telmo Buenos Aires

Man kann dort auch einfach nur Fußball gucken und sein Bierchen trinken. Wir hatten allerdings Hunger! Eine äußerst nette Bedienung, mit einer unglaublichen Reibeisenstimme, kümmerte sich um unser Wohl. Den Mann kann man nicht weiter beschreiben, man muss ihn einfach mal in Aktion erleben. Er ist bestimmt ein San Telmo Original. Von dort sind wir dann noch mal ins Café Origen um einen letzten Kaffee für heute zu trinken. Gegen 22 Uhr sind wir dann wieder in unserer WG angekommen.

Typisches Speiselokal für Einheimische in San Telmo Buenos Aires

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Argentinien: Eine Wirtschaftsdiktatur unter vielen

Nach unserem Uruguay Abenteuer hieß es heute lange ausschlafen. Und auch danach hatten wir es nicht besonders eilig. Es war auch nichts Konkretes geplant. Wir wollten aber auf jeden Fall einen guten Kaffee im Café Origen trinken und dann gegen später mal das berühmte Traditions-Café „Tortoni“ in der Av. de Mayo besuchen.

Bereits gestern hatten wir auch mal wieder Wäsche gemacht, aber irgendwie hatten wir wohl die Waschmaschine zu voll gemacht, so dass sie bis heute Morgen immer noch nicht fertig war. Also heute alles noch mal von vorn aber mit weniger Ladung. Die Maschine ist ohnehin der Hammer. Weiße Wäsche waschen wir damit lieber nicht mehr, da sie schmutziger rauskam als wie sie reingetan hatten. Scheinbar rostet da irgendwas im inneren, aber die WaMa steht ja auch im Freien. Geschützt wird sie nur durch ein kleines Dach. Für schwarze Wäsche tut sie auf jeden Fall ihren Dienst, und davon haben wir ja beide genug. 😉

Gemeinschaftswaschmaschine im Casa Perú in Buenos Aires

Café Origen in San Telmo

Gegen halb 2 sind wir dann mal ins Origen gezogen um einen Kaffee zu trinken. Der Kaffee dort ist wirklich gut trinkbar und der Besuch in diesem Kaffee ist inzwischen fast schon sowas wie ein tägliches Ritual geworden. Dort haben uns zwei Touristinnen einen Platz an ihrem Tisch angeboten, und es stellte sich nur Augenblicke später heraus, dass es auch Deutsche waren.

Eckcafé \

Nach kurzer Zeit sind wir dann intensiver ins Gespräch gekommen und haben uns über Argentinien und Buenos Aires unterhalten. Das eine Mädchen ist für 5 Wochen hier und hat bereits 2 Wochen hinter sich, und das andere Mädchen macht irgendwo in der Provinz von Argentinien ein unbezahltes Volontariat, vermittelt durch eine deutsche Agentur, und ist schon seit 9 Monaten hier. Sie war aber bisher erst gute 2 Wochen mit Unterbrechung in Buenos Aires unterwegs. Das erste Mädchen fand BsAs schrecklich und möchte am liebsten gestern als morgen zurück nach Deutschland. Die Stadt war ihr einfach zu urban und einfach viel zu laut und dreckig. Sie mochte auch Berlin nicht und hatte scheinbar eine Großstadtaversion. Sie machte auch keinen Hehl daraus, dass sie wohl eher der „Dorftyp“ sei und persönliche Beziehungen zu allen Bewohnern dem Leben in einer Metropole vorziehe. Live and let live, oder?

Das andere Mädchen war schon etwas entspannter, was Buenos Aires anging, auch wenn sie sich noch nicht so ganz wohl fühlte. Ich denke das Leben in der argentinischen Provinz ist auch nicht so einfach, vor allem wenn man so jung und so weit ganz alleine reist. Irgendwann verabschiedeten sich beide von uns, weil die eine nach Rosario musste, während die andere noch ein Busticket in die Provinz kaufen wollte. Wir sind geblieben und haben dem süßen Nichtstun gefrönt.

Vorm Café Origen in San Telmo Buenos Aires

Das Café ist ein toller Ort, um einfach stundenlang zu lesen, am Rechner zu arbeiten oder um Leute zu beobachten. Nach gut einer Stunde lief das eine Mädchen wieder am Café vorbei und sah uns immer noch da sitzen. Sie hatte sich ihr Ticket bereits besorgt und suchte nach Zerstreuung und fragte, ob sie sich zu uns setzen dürfe. Wir willigten ein und hatten so Zeit, das Gespräch von vorhin fortzusetzen. Ich finde es immer total spannend, zu hören, wie andere die Stadt wahrnehmen, oder was sie so generell in Argentinien erleben. Irgendwann fragte Charlotte aus Stuttgart, was wir denn noch so vor haben und ob sie sich vielleicht anschließen könne. Natürlich hatten wir nichts dagegen und sind dann gegen 15 Uhr in Richtung „Grand Café Tortoni“ aufgebrochen.

Gekaufte Demo für Kirchner-Kurs?

Auf dem Weg dorthin sind wir mal wieder in eine Demonstration geraten. Heute aber mit super vielen Menschen, ganz vielen bunten Fahnen und den unterschiedlichsten Gruppierungen. Sogar die Schuhmachergewerkschaft war auf den Beinen. Ich find es spannend, was es hier alles für kuriose Vereinigungen gibt!

Lautstarke Demonstration in Buenos Aires Argentinien

Demonstration zieht lautstark in Richtung Plaza de Mayo in Buenos Aires

Worum es genau ging, wissen wir nicht, aber es war eindeutig eine Pro-Kirchner Demonstration. Man munkelte, dass die Demo teilweise gekauft und generalstabsmässig durchorganisiert wurde, um für den Regierungskurs der Cristina Fernández de Kirchner mobil zu machen. Wer es vergessen hat: Zurzeit blockiert die mächtige Bauerngewerkschaft und diverse andere Gruppen unbefristet die Zufahrten zur Stadt und bringen damit die Versorgung der Stadt durcheinander. Das kann noch lustig werden.

Politscher Diskurs im Café Tortoni

Durch Charlotte konnten wir auch ein bisschen tiefer in das politische System Argentiniens schauen, da ihre Gastmutter wohl eine sehr politische Person sei, und sie viel von ihr erzählt bekomme. Sie gab zu, dass diese Sicht sehr subjektiv sei, sie aber doch einen ganz guten Indikator für die Stimmung im Land abgibt. Viele Argentinier sind Anarchisten und so gilt es stets zu prüfen, wer einem was und aus welchem Grund erzählt.

Carlos Gardel – Mi Buenos Aires Querido (Mein geliebtes Buenos Aires)

Grand Café Tortoni in der Av. de Mayo Buenos Aires Argentinien

So erfuhren wir, dass es in Argentinien eine Wahlpflicht gibt, d.h. wer nicht zu einer Wahl geht, müsse Sanktionen fürchten, sei es bei der Jobsuche oder bei Behördengängen etc. Da es aber doch sehr viele Wahlverweigerer gibt, hat die Androhung nur geringe Auswirkungen auf das Leben der Nichtwähler. Wir erfuhren auch, dass viele Argentinier denken, dass die Wahl der Cristina Fernández de Kirchner getürkt gewesen sei, da es in einigen Provinzen zu „Unregelmäßigkeiten“ kam. So waren z.B. einfach keine Wahlzettel der alternativen Kandidaten verfügbar oder Leuten, die wählen gehen wollten, gesagt bekamen, sie hätten bereits abgestimmt etc.

Eingangsbereich des Cafés Tortoni in Buenos Aires Argentinien

Interessant war auch die Geschichte vom Streit Néstor de Kirchners (Er ist der Ehemann von Cristina und war vor ihr Präsident Argentiniens.) mit dem damaligen Wirtschaftsminister Roberto Lavagna, der noch zur seiner Amtszeit tobte. Auf dem Höhepunkt des Streits, der massiv in allen Medien und Boulevardblättern geführt wurde, verabschiedete sich der Wirtschaftsminister mit allem Tamtam aus der Regierung, mit der Ankündigung selbst als Kandidat für die anstehende Wahl anzutreten.

Barbereich des Cafés Tortoni in Buenos Aires Argentinien

Man munkelt auch hier, dass dies alles nur politisches Theater gewesen sei, um der zweiten, sehr beliebten und aussichtsreichen Kandidatin Elisa Carrió, neben Cristina Fernández de Kirchner, das Wasser abzugraben. Viele, die gegen die Kirchners waren, würden so Lavagna wählen. Diese Strategie ist auch voll aufgegangen, und nachdem Cristina die Wahl gewonnen hatte, waren der Wirtschaftsminister und die Kirchners plötzlich wieder die allerbesten Freunde.

Details im Café Tortoni in Buenos Aires Argentinien

Bemerkenswert finde ich auch, dass viele Argentinier ihr politisches System als Wirtschaftsdiktatur definieren. Ich würde es auch so bezeichnen, nach allem was ich bereits vorher über das Land wusste. Leider zeichnet sich dieser Trend nicht nur in Argentinien ab. Auch in Europa kann man diese Tendenzen spüren, wenn man für diese Thematik Sensoren hat. Viele wollen das allerdings (noch) nicht wahrnehmen und tun dies als Unfug ab. Wie auch immer, die Unterhaltung führte zu überraschenden Erkenntnissen, mit denen ich heute so nicht gerechnet hatte.

Café Tortini in Buenos Aires Argentinien

Gegen halb 6 hat sich Charlotte dann endgültig von uns verabschiedet und ist zu ihrem Bus gelaufen, während wir die sich auflösende Demo beobachteten und weiter die Av. de Mayo hinauf schlenderten. Es sah auch die ganze Zeit schon so nach Regen aus, sodass es wahrscheinlich eine gute Idee war, sich in einem weiteren Restaurant mit WiFi zu verkrümeln. Nur kurze Zeit nach diesen Gedanken regnete es auch schon in der typischen Buenos Aires Manier: Heftig und aus allen Himmelsöffnungen. Wir beobachteten das Schauspiel durch ein Restaurantschaufenster.

Heftiger Regen an einer Kreuzung in Buenos Aires

Regenschauerszene an einer Kreuzung in Buenos Aires

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