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Reflektion und Karneval

Wie heißt es so schön: Wer früh aufsteht, muss auch früh zu Bett gehen. Das widerspricht jedoch vollkommen dem Lebensgefühl einer ganzen Stadt. Zudem passte dieses fragwürdige Ziel weder zu unserer Ankunft in der letzten Nacht, noch zu unserer heutigen Tagesplanung. Es war Donnerstag und bereits für die letzten Donnerstage hatten wir uns vorgenommen, auf die Piste zu gehen. Wir wollten den Tag ruhiger angehen lassen und uns dafür lieber nachts verausgaben. Für den Nachmittag stand ein fester Termin auf dem Programm, mit dem ich aber nicht viel zu schaffen hatte.

Restobar "El Hipopotamo" in der Calle Defensa in San Telmo in Buenos Aires Argentinien

Ich ging stattdessen in ein gemütliches Café in San Telmo und ließ mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Für mich sind die Cafés in Buenos Aires was ganz besonderes. Man kann den ganzen Tag mit nur einem einzigen Kaffee in ein und demselben Laden verbringen. Hat man erstmal bestellt, wird man komplett in Ruhe gelassen, ja fast ignoriert. Die Bedienung überlässt es dem Gast, ob und wann er mehr bestellen möchte, und belästigt ihn nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Für Europäer mag dies auf den ersten Blick unhöflich erscheinen, aber diese Art der Zurückhaltung ist Teil der argentinischen Lebensart. Es läuft eben alles ein bisschen langsamer, entspannter und unaufdringlicher ab. Mir gefällt dieses Laissez-faire.

San Telmo – Das unliebsame Viertel

Eine ganze Weile später kam ich mit einem anderen Gast ins Gespräch. Nach den typischen Fragen, was man hier so macht und wie es einem so gefällt, kamen wir ziemlich bald auf San Telmo zu sprechen. Er meinte, er sei nicht mehr so oft hier, weil sich San Telmo in seinen Augen sehr verändert hat. Mir war sofort klar, was er damit meinte. Ich wusste bereits vor meinem ersten Besuch in Buenos Aires, dass die allermeisten Porteños diesem Viertel nicht viel abgewinnen können. Man hat sich aber inzwischen arrangiert und lebt ganz gut von und mit den vielen Touristen und Zugezogenen. Ein Viertel im totalen Umbruch!

Avenida San Juan mit Mafalda in San Telmo Buenos Aires, Argentinien

Vor wenigen Jahren war San Telmo so verarmt wie es La Boca heute noch ist. Die Touristen haben dem Viertel dann jedoch einen bescheidenen Aufschwung gebracht. Viele Häuser wurden und werden saniert. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Wunsch nach mehr Wohlstand führt teilweise zu bizarren Auswüchsen. So gibt es nicht wenige Familien, die ihre Wohnungen komplett räumen und zu Freunden ziehen, um die Zimmer dann gegen harte Währung zu vermieten. Man kann schon verstehen, dass viele Einheimische dies eher skeptisch beäugen. Vielleicht handelt es sich dabei auch einfach nur um die Angst, von zahlungskräftigen Ausländern aus dem eigenen Stadtviertel vertrieben zu werden. Ich erzählte ihm von der Situation in Berlin-Prenzlauer Berg oder Mitte. Auch dort haben sich innerhalb nur weniger Jahre die Strukturen komplett verändert. Neuberliner und Touristen lieben diese Stadtteile und die übrig gebliebenen Alteingesessenen schauen argwöhnisch zu. Eine Medaille hat eben immer zwei Seiten, das war ihm auch klar. Ich war ihm total dankbar für diese nicht unkritischen Einblicke. Er gab mir noch wertvolle Tipps, was ich mir unbedingt ansehen müsste, und dann war es leider auch schon Zeit sich zu verabschieden.

Crazy Germans

Pünktlich um 17 Uhr trafen wir uns wieder in der Wohnung. Brenda war in ihrem Büro und so nutzten wir gleich die Gelegenheit, uns offiziell zurück zu melden. Die Gute hatte sich schon Sorgen gemacht, aber wir erklärten ihr, dass wir so schnell nicht unter die Räder kämen. Wir berichteten von unseren Abenteuern und sie schmunzelte nur und fand uns crazy. – „Ihr seid von Brasilien nach Argentinien gelaufen?“, „Ihr wolltet nach Ciudad del Este und Ascuncíon?“ Die Argentinier denken über Paraguay genauso klischeebehaftet, wie viele Deutsche über Polen. Ein Land voll von Autodieben und Ganoven. Brenda war ja auch schon im Dreiländereck unterwegs. Sie aber hatte sich dort nur mit dem Taxi fortbewegt. Ob aus reiner Bequemlichkeit, oder weil sie sich so am sichersten fühlte, wurde nicht ganz klar. Wir verstehen auch nicht, wovor die Leute eigentlich Angst haben und ob diese tatsächlich berechtigt ist. Vielleicht basiert diese ganze Furcht ja auch nur auf Halbwahrheiten und Gerüchten. Man sollte sich immer selbst ein Bild machen und so schnell wird man schon nicht umgebracht. Um es noch mal ganz klar zu sagen, es ist absolut kein Problem sich dort aufzuhalten. Naja, Brenda fand ja schon unseren Beschluss, lieber den Reisebus als das Flugzeug nach Iguazú zu nehmen, ungewöhnlich. Wir erklärten ihr, worauf es für uns beim Reisen ankommt. Der Trick ist die Geschwindigkeit. Man muss langsam reisen! Wer schnell reist sieht zwar viel, aber erlebt wenig.

Picada in der Restobar "La Poesia" in San Telmo Buenos Aires, Argentinien

Inzwischen hatte uns der Hunger gepackt und wir sind ganz in der Nähe ins „La Poesia“ gegangen. Wieder eine dieser charmanten Restobars (eine Mischung aus Restaurant und Bar), von denen es so viele in San Telmo gibt. Wir bestellten uns eine Picada und unterhielten uns darüber, was wir heute so erlebt hatten. Nach dem Abendbrot beschlossen wir, noch durch den Park an der Costanera Sur zu laufen. Als wir dort ankamen, war der Park jedoch bereits verschlossen. Hier fällt der Hammer um Punkt 18 Uhr, obwohl es noch Stunden hell sein würde. Das fanden wir alles andere als sinnvoll. Auf den fast schattenlosen Wegen durchs Naturreservat könnte man jetzt viel besser spazieren gehen als in der prallen Sonne. Naja, man muss nicht alles verstehen und so zogen wir einfach weiter entlang der Straße. Irgendwann landeten wir wieder zu Hause.

Break-Dance-Show beim Club 69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

Nachtleben

Fit für die Nacht brachen wir gegen zwei Uhr in Richtung Palermo auf. Wir wollten den Niceto-Club ausprobieren. Alles was wir im Netz dazu gefunden haben, klang sehr vielversprechend. Zu unserer Überraschung gab es auch einen Colectivo, der uns ohne Umsteigen genau dorthin fahren würde. Am Paseo Colón mussten wir noch gut 20 Minuten auf den Bus warten. Der füllte sich dann an jeder weiteren Haltstelle mit mehr und mehr Nachtschwärmern und brauste fast so voll wie am Tag durch das nächtliche Buenos Aires. Glücklicherweise haben wir auf Anhieb die richtige Kreuzung zum Aussteigen erwischt. Das erfordert im dunklen Bus schon ein wenig Konzentration vor allem, wenn man die Strecke noch nie gefahren ist. Wir gewöhnen uns aber mehr und mehr an die Colectivos.

Karneval beim Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

Kurz vor drei Uhr standen wir dann in der Schlange vor dem Nachtclub. Nach nur fünf Minuten waren wir auch schon drin und jeder um 40 Peso leichter. Innen war es brechend voll und wir kamen keinen Augenblick zu früh oder zu spät. Die Party brodelte. Das Niceto ist eigentlich nur die Location. Hier gibt es jeden Tag Partys. Immer von anderen Machern. Heute war Club 69. Das Publikum war bunt gemischt und nicht übertrieben schick. Man hätte diesen Club auch irgendwo in Europa finden können, aber sicher nicht in Berlin. Auffällig war das krasse Branding: Überall prangte Camel-, Sony-, Quilmes-, Philips- und andere Werbung. Zudem stand fast an jeder Wand, das rauchen nicht erlaubt sei. Das kümmerte aber niemanden und so wurde geraucht was die Schachteln her gaben. Wir holten uns ein Bier. Das läuft hier etwas anders als man es gewohnt ist. Zuerst steht man in einer Schlange an der Kasse an, um das Getränk zu bestellen und zu bezahlen. Dann stellt man sich mit dem Kassenbon an der nächsten Schlange an, um sein Getränk letztlich in Empfang zu nehmen. Wir staunten nicht schlecht über die Preise. Eine kleine Büchse Quilmes lag bei 12 Peso. Für argentinische Verhältnisse mächtig teuer. Die anderen Marken Brahma (14 ARS) und Stella Artois (17 ARS) waren auch nicht günstiger.

Karneval im Club69 im Niceto Club in Palermo Buenos Aires, Argentinien

Quilmes kann man allerdings nur trinken, wenn man an einem Rausch interessiert ist oder deutsches Bier nicht kennt. Die anderen Sorten waren auch nicht besser. Das tat der Party aber keinen Abbruch. Das Konzept war wirklich cool. Auf der Bühne gaben ein paar Jungs Break-Dance zum Besten, während unten die Meute zu einer elektronischen aber für mich undefinierbaren Musik tanzte. Eigentlich war die Performance auch kein wirklicher Break-Dance sondern Reggaetón. Jetzt war uns auch schlagartig klar, was wohl die beiden Brasilianer im Hostel in Rosario genau mit Reggaetón meinten. Der passt ganz wunderbar in einen Club. Reggaetón ist ein loser Sammelbegriff, wie bei uns das Wort Techno. Es gibt unglaublich viele Spielarten und Styles, die sich wie Tag und Nacht von einander unterscheiden können. Später zog dann eine bunt verkleidete Gruppe durch den Club bis auf die Bühne. Jetzt war Show-Time. Dafür ist der Club 69 bekannt.

Bühnenshow beim Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

Partyreihe Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires Argentinien

Die lasziv gekleideten Männer und Frauen führten eine improvisiert wirkende Varieté- und Travestie-Show vor. Ja es ist Karneval, überall, nicht nur in Rio! Auf einmal fielen riesige Luftballons von der Decke. Der Höhepunkt der Show war aber immer noch nicht erreicht. Die Musik hatte sich inzwischen auch verändert und wurde wesentlich elektronischer und progressiver. Sehr ähnlich der Panorama-Bar in Berlin. Ein heftiger Lametta-Regen brachte das Partyvolk erneut zum Johlen und Grölen und bildete gleichzeitig den Abschluss der Bühnenshow. Die Tänzer mischten sich unter die Leute. Eigentlich nicht wirklich unter die Leute, sie tanzten auf mehreren Podesten, die von einer Ecke des Raumes zur anderen geschoben wurden. Wir fanden die Party total geil und würden jederzeit wieder in diesen Club gehen. Clubbing ist sooo international…

GoGo-Tänzer beim Club69 im Niceto Club in Palermo in Buenos Aires in Argentinien

Gegen sieben Uhr, es war noch stockdunkel draußen, sind wir zurück nach San Telmo gefahren. Den Bus für die Gegenrichtung fanden wir auf Anhieb. Der Busfahrer raste in lässiger Manier durch die Straßen von Buenos Aires. Als wir zu Hause waren ging langsam die Sonne auf und wir ins Bett.

Relaxt Busfahren im Colectivo 93 morgens um 6 Uhr in Palermo in Buenos Aires, Argentinien

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Die Stadt der Jogger

Der Bus schwankte und schaukelte sich mit mächtig viel Schwung durch die noch junge Nacht. Ich versuchte zu schlafen, aber es gelang mir nicht. Mir erschien es, als würde der Bus wie ein Pferd von Bodenwelle zu Bodenwelle springen. Das Schütteln war zeitweise so heftig, dass man den Halt verlor und kurze Momente in Schwerelosigkeit erlebte. Jeder Straßenkrater riss einen erneut aus dem Schlaf und so war der Weg ins Land der Träume noch holpriger als die Straße. Irgendwann berührte mich etwas am Oberarm. Schlaftrunken ignorierte ich das Zeichen. Wieder berührte mich etwas, diesmal mit mehr Nachdruck. Das kann ich unmöglich träumen. Ich klappte die Schlafmaske hoch und sah einen Argentinier, der höflich um seinen Platz bat. Der Bus war inzwischen bis zum letzten Platz gefüllt und ich musste auf meinen Sitz zurück. Wir hatten uns auf mehreren Plätzen breit gemacht und so musste ich zusätzlich noch ein paar Sachen von den benachbarten Sitzen zusammenkramen. Rasch schlief ich aber wieder ein. Plötzlich knallte etwas zu Boden und riss mich erneut, trotz gut verplombter Ohren, aus dem Schlaf. Im Bus war es stockdunkel und nur die Schattenrisse der Passagiere waren zu erkennen. Ich sah wie ein Mann einen schwarzen Gegenstand vom Boden aufhob. Instinktiv griff ich in meine Hosentasche, um zu prüfen, ob mir die Kamera rausgefallen war. Noch bevor ich mich davon überzeugt hatte, dass alles an seinem Platz war, hatte der Mann den Besitzer des Objekts schon ausfindig gemacht und aufgeweckt. So erhielt dieser sein Handy zurück und wir konnten alle wieder schlafen. Gut dachte ich mir, hier kommt nichts weg…

Strasenkreuzung an der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtteil Centro

Quirliges Rosario

Gegen 9 Uhr morgens erwachte ich erstaunlicherweise gut erholt. Der Bus war inzwischen wieder leer und ich fragte mich, ob ich die Geschehnisse der letzten Nacht nur geträumt hatte. Wir waren bereits im äußeren Bereich des Ballungsraums Rosario. Der Verkehr war wesentlich dichter und die Bebauung links und rechts der Straße wurde mit jedem Kilometer urbaner. Dann ging alles recht schnell und pünktlich um 10 Uhr standen wir schließlich auf dem Terminal de Omnibusses in Rosario. Obwohl es bis zum Hostel noch recht weit sein würde, entschieden wir uns zu Fuß zu gehen. Dies war die beste Möglichkeit einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Irgendwie hatte ich mir Rosario wesentlich kleiner und provinzieller vorgestellt. Aber auf den Straßen ging es ähnlich zu wie in Buenos Aires. Mit einer Million Einwohnern ist Rosario auch nicht grade klein. Die Quirligkeit hat mich trotzdem überrascht. Nach einigen Blocks entlang der Avenida Santa Fe kamen wir an der Medizinischen Fakultät der Universität Rosario vorbei. Viel war dort allerdings nicht los, denn momentan sind Semesterferien. Die umliegenden Seitenstraßen machen einen gemütlichen Eindruck und sind voll von kleinen Cafés, Copy-Shops und sonstigen Läden, die Studenten so brauchen. Noch ein paar Blocks weiter und wir ließen uns in einem der Straßencafés nieder und bestellten, oh Wunder, ein typisch argentinisches Frühstück: Cafe con Leche und Medialunas. Das alles sollte zusammen dann auch nur 8 Peso kosten und markierte damit das günstigste Frühstück, das wir in Argentinien bisher hatten.

Alte Häuser in der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtzentrum

Gegen halb 12 Uhr kamen wir im Hostel, „La Casona de Don Jaime 2“, an und haben eingecheckt. Die Unterkunft hatten wir tags zuvor im Internet reserviert. Da unser Zimmer gerade noch geputzt wurde, versorgte uns die junge Frau vom Counter in der Zwischenzeit mit nützlichen Informationen über die Stadt. Etwas ungewöhnlich war, dass wir hier das Zimmer bereits im Vorraus bezahlen mussten, natürlich bar. Naja, nachdem wir das alles geklärt hatten, sind wir gleich mit Badesachen zum Fährableger, „La Fluvial„, gelaufen. Durch die schöne Altstadt von Rosario kamen wir direkt zum Monumento Nacional a la Bandera. Das erst 1957 erbaute Denkmal zur Ehrung der argentinischen Staatsflagge steht unweit der Küstenlinie des Flusses Paraná. Am Fluvial haben wir uns Tickets für die Überfahrt zu den Inseln gekauft. Dort soll es die schöneren Strände von Rosario geben. Von den wesentlich populäreren „La Florída“-Stränden hatte uns die Perle vom Hostel eher abgeraten.

Denkmal für die Nationalflagge Argentiniens in Rosario

Vom Fluvial fahren vier verschiedene Fährschiffe zu vier verschiedenen Inselstränden. Jedes hat seinen eigenen Anleger, die „Muelle“, und bringt einen an einen anderen Strand. Der Río Paraná ist ein ziemlich mächtiger Fluss. Die Inseln lagen ganz schön weit weg vom Ufer und dahinter geht der Strom ja noch weiter. Wo die Strände genau liegen, zu denen die verschiedenen Boote fahren, war uns völlig unklar. Also nahmen wir einfach das nächstbeste Boot, das kam. Später haben wir uns darüber gewundert, was für ein Aufriss um die verschiedenen Fährlinien gemacht wird. Es ist nämlich ganz egal ist, welches Boot man nimmt, da die Strände direkt nebeneinander liegen.

Balneario Waikiki auf der Insel im Río Parana vor Rosario in Argentinien

Auf der Insel erwarteten uns dann tatsächlich sehr schöne Sandstrände, die alle samt nicht besonders voll waren. Wir fanden einen schattenspenden Baum, unter dem wir es uns gemütlich machen konnten ohne der prallen Sonne ausgeliefert zu sein, in der sich die Einheimischen aalten. Der Wind trug mal mehr, mal weniger die Musik vom Nachbarstrand zu uns herüber und wir konnten kaum glauben, was da gespielt wurde. Die Musik der Münchner Freiheit sei Beispiel genug, um unser Erstaunen auszudrücken. Wir lasen gemeinsam in dem Buch WIR von Jewgeni Samjatin. Danach haben wir das Baden im Río Paraná ausprobiert. Einen richtig sauberen Eindruck macht er ja nicht, der Paraná. Das braune Sediment störte uns dabei weniger, als das Wissen darum, was so alles in diesen Fluss eingeleitet wird. Soweit oberhalb vom Delta bei Tigre sollte es aber gehen, mit dem Baden. Der Untergrund ist sandig und irgendwie rutschig, fast glitschig. Das Ufer ist sehr flach und auch hier galt, wer richtig nass werden will, muss sich hinlegen. Viele der Einheimischen sind gleich mit Klappstuhl angereist und sitzen stundenlang samt Stuhl im wannenwarmen Wasser. Dazwischen ankern kleine Motorboote. Eine ziemliche Idylle und das Baden ist auch ganz ok.

Fußball spielen am Balneario Waikiki auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Abends hatten wir in einem der Strandrestaurants, einem Parador, eine kleine Picada, da uns der Hunger gepackt hatte. Gesättigt machten wir uns auf den Weg zum Anleger. Um acht fuhren wir mit dem letzten, erwartungsgemäß vollbesetzten Boot zurück in die Stadt. In der Mitte des Bootes stapelten sich die mitgebrachten Sonnenstühle der Rosarinos. Ein herrlich skurriles Bild.

Volkssport Jogging

Zurück an Land machten wir uns auf den Weg zum Hostel, diesmal entlang der Küstenstraße, der Rambla Catalunya. Entweder waren wir zur falschen Zeit hier, oder das ist einfach nicht der Ort, um abends spazieren zu gehen. Es kam uns vor, als wären wir mitten in eine Art Volkslauf oder Marathon geraten. Ständig kamen aus allen Richtungen Horden von Joggern auf uns zu gerannt. Auf den Wiesen seitlich der Rambla gab es sogar noch mehr davon. In Gruppen oder einzeln machten die Läufer hier Dehnübungen oder waren anderweitig aktiv. Rosario ist die Stadt der Jogger. Eine Prise Lifestyle darf dabei natürlich auch nicht fehlen.

Ein Boot ankert auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Für das Abendessen hatten wir uns Zutaten für einen Salat besorgt, den wir in der Hostelküche zubereiteten. Dort war ordentlich Betrieb und es war außerdem viel zu warm und zu laut zum Essen, darum haben wir uns in den Innenhof zurückgezogen, wo außer uns nur noch zwei Kanadierinnen aus Vancouver saßen. Die beiden waren frisch aus Uruguay angekommen und standen erst am Beginn ihre Südamerikareise. Sie erzählten von ihren Plänen und wir hatten nicht den Eindruck, dass sie zu der Gruppe der „Destination-Hopper“ gehören, die in kürzester Zeit soviele Reiseziele wie möglich abhaken wollen. Da sich die eine etwas kränklich fühlte, zogen sie sich bald zurück und machten zwei Brasilianern Platz.

Reggaetón Argentino

Auch mit den beiden, Erick und André, kamen wir sofort ins Gespräch. Nach dem üblichen Smalltalk erzählten sie uns ein bisschen mehr über ihr Land und machten uns sehr neugierig auf Brasilien. Von Deutschland hatten sie bisher nur kitschige Stereotype im Kopf: Gutes Bier, in tausend Sorten, blonde Frauen, schnelle Autos und schlechtes Wetter. Und nein, in Deutschland trinkt man das Bier nicht lauwarm. Letzte Nacht waren die Jungs mit einer argentinischen Bekannten in einen Club in Rosario unterwegs. Sie waren total begeistert vom Reggaetón, der dort gespielt wurde und in Argentinien total angesagt ist. Wie mischt man denn Reggae, Merengue, Hip-Hop und Dancehall so zusammen, dass man dazu in einem Club tanzen kann? Klang echt spannend, was sie berichteten. Erick und André klärten uns außerdem über die deutlichen Unterscheide der Musikszenen beider Nachbarländer auf. Während die Musik in Brasilien viel internationaler ausgerichtet ist, hört man in Argentinien fast ausschließlich Einheimisches oder andere spanischsprachige Künstler. Wir erfuhren noch eine ganze Menge über die brasilianische Art zu leben und haben uns einige Zeit später verabschiedet. Der Abend mit den beiden hat uns viel Spaß gemacht.

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