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Unverhofft kommt oft

Während wir gestern relativ bescheidenes Wetter hatten, strahlte die Sonne heute wieder von einem makellosen Himmel. Im TV wird seit einigen Tagen über die schlimme Dürre berichtet, unter der vor allem die Provinzen Buenos Aires, Sante Fe und Entre Rios leiden. Viele tausend Rinder sind dort bereits verendet, weil es seit Monaten keinen anständigen Regen mehr gab und die Weiden verödet sind. Des einen Freud, des anderen Leid. Ich hoffe, dass einiges vom gestrigen Regen auch in diesen angrenzenden Provinzen runterkam. Vielleicht ist das der Moment über den extrem hohen Fleischkonsum im Land nachzudenken. Braucht man denn wirklich so viele Rinder und müssen Steaks wirklich immer so riesig sein? Laut Süddeutscher Zeitung verzehren die Argentinier pro Jahr und Kopf dreimal soviel Fleisch wie die Deutschen, nämlich satte 154 Pfund. Wie auch immer…

Stadtansicht des argentinischen Rosarios mit Avenida Cordoba vom Monumento a la Bandera

Für uns war es heute an der Zeit zu packen und das Hostel zu räumen. Am späten Abend wollen wir zurück nach Buenos Aires fahren. Das mit dem Zug haben wir uns übrigens aus dem Kopf geschlagen, nachdem wir die Frau im Hostel befragt hatten. Sie meinte zwar, dass es Züge in die Hauptstadt gäbe, diese wären aber völlig unkalkulierbar. Die Fahrtzeiten würden aufgrund des miserablen Streckennetzes total variieren, und wir müssten uns auf Pannen entlang der Strecke einstellen. Eine Dauer zwischen fünf und acht Stunden sei deshalb nichts Ungewöhnliches. Das klang alles nicht sehr erbaulich, und wenn ich an die maroden Schienen denke, die ich bisher so gesehen habe, ist das äußerst plausibel. Dass man nicht viel öfter von Zugunglücken in Argentinien liest, ist eigentlich verwunderlich. Das mag aber zum größten Teil damit zusammenhängen, dass die Züge hier extrem langsam fahren (müssen). Deswegen benutzen wohl die meisten lieber gleich den Bus oder das Auto.

Die argentinische Stadt Rosario mit Río Paraná vom Monumento a la Bandera

So werden wohl auch wir den Bus nehmen, um ins gerade mal etwas mehr als 300 km entfernte Buenos Aires zu kommen. Das ist wesentlich bequemer, und es fahren soviele Busse, dass man nicht vorbuchen muss. Perfekt, dann können wir den ganzen Tag entspannt in Rosario verbringen. Wir ließen erstmal unsere Sachen im Hostel und zogen in Richtung Monumento a la Bandera. Auf dem Turm des Wahrzeichens der Stadt befindet sich eine Aussichtsplattform, von der man einen guten Rundumblick auf Rosario hat. Vorher haben wir dem Flaggenmuseum einen kurzen Besuch abgestattet. Erwartungsgemäß ist das Museum etwas dröge, aber die zahlreichen Wettbewerbsmodelle für den Bau des Denkmals waren ganz interessant. Die tolle Aussicht vom Turm des Denkmals ist den Besuch allemal wert, und so ließen wir uns da oben den Wind um die Ohren pfeifen. Nachdem wir davon genug hatten, sind wir im Stadtzentrum in ein Café gegangen bevor wir letztlich unsere Sachen im Hostel abholten. Die Jungs aus Brasilien hatten noch eine Nachricht für uns hinterlassen. Wir sollen uns auf jeden Fall melden, wenn wir mal in Brasilien unterwegs sind. Das machen wir doch glatt!

Die argentinische Stadt Rosario von oben mit Río Paraná vom Monumento a la Bandera

Balneario La Florída

Wir überlegten, was wir weiter mit diesem jungen Tag anstellen sollten, und fanden, dass wir den Stränden am anderen Ende der Stadt unbedingt einen Besuch abstatten müssten. Auch wenn sie uns bisher von niemandem ernsthaft empfohlen worden sind, muss es doch einen Grund dafür geben, warum diese Strände so beliebt sind. Der Weg dorthin führte uns über das Busterminal. Bei der Gelegenheit haben wir gleich einen Teil unseres Gepäcks dort deponiert. Wir hatten in Erfahrung gebracht, dass der Bus der schwarzen Linie 102 ganz in die Nähe der „La Florída“-Strände fährt. Und so warteten wir ziemlich lange und hielten Ausschau nach einem Bus mit etwas Schwarzem. Es kamen etliche Busse der Linie 102, aber was war eigentlich genau mit schwarz gemeint? Die Busse waren alles andere als schwarz. Wir waren scheinbar nicht die einzigen, die keinen Durchblick hatten, und wurden sogar von einer Argentinierin angesprochen, ob wir wüssten, welcher Bus denn nun zu den Stränden fährt. Wir wussten auch nur das, was uns erzählt worden war. Irgendwann dämmerte es uns, was genau gemeint war. Aber erst nachdem wir in eine „falsche“ 102 gestiegen sind und den Busfahrer gefragt haben. Auf die Banderole kommt es an, diese muss schwarz auf weiß sein! Dieser kleine aber feine Unterschied war uns bisher nicht aufgefallen. Also wieder raus und weiter warten. Inzwischen sprach uns schon die nächste Argentinierin an. Wie sich rausstellte fuhr die schwarze Linie nicht so häufig wie all die anderen 102er. Als der richtige Bus dann endlich kam, sind wir 25 Minuten mitgefahren und liefen die letzten paar Blocks bis zur Strandpromenade zu Fuß.

Balneario "La Florída" in Rosario Argentinien

Wir hatten uns eigentlich mental auf übervolle Strände a la Rimini eingestellt, aber es war nicht annähernd so schlimm. An den Stränden tummelten sich zwar deutlich mehr Menschen als auf den Inseln im Río Paraná, doch im großen Ganzen war es ziemlich ok. Irgendwie gefielen uns die Strände und das ganze Drumherum aber trotzdem nicht. Es gab auch nirgends ein schattiges Plätzchen. Dafür umso mehr Gastronomie. Toll fanden wir jedoch diese einladenden Parrilla-Imbisse, die sich direkt auf der Promenade aneinander reihten, ähnlich wie an der Costanera Sur in Buenos Aires. Auf der Suche nach einem besseren Strandabschnitt liefen wir noch eine Weile weiter und stießen schließlich auf den eigentlichen Balneario „La Florída“. Dieser ist eingezäunt und ein Eintritt von 5 Peso wird fällig. Das sind also die berühmten „La Florída“-Beaches von Rosario. Wofür diese nun genau berühmt sind, bleibt uns ein Rätsel.

Hitch-hiking auf argentinisch

Die rauchenden Grills hatten uns inzwischen so hungrig gemacht, dass wir ein Steak-Sandwich essen wollten. Wir gingen zu dem Stand, der uns am besten gefiel, und bestellten. Dabei kamen wir mit einheimischen Handwerkern ins Gespräch, die dort saßen. Nach dem typischen Smalltalk versuchten wir rauszufinden, ob es von hier eine Möglichkeit gibt, direkt mit dem Bus zum „La Fluvial“ zu kommen. Wir wollten nämlich, nachdem wir die Strände hier für uninteressant befunden hatten, erneut auf die Insel im Río Paraná. Die Strände dort sind wirklich viel schöner! Mit einem erneuten Umweg über das Busterminal würden wir aber zu viel Zeit verlieren. Leider kannten sie sich mit den Bussen auch nicht genauer aus, aber wir wurden ohne mit der Wimper zu zucken eingeladen, in ihrem Auto mitzufahren. Cool, dachten wir. Die beiden Typen sahen ziemlich vertrauenswürdig aus und wir nahmen ihr Angebot dankend an. Wie herrlich unkompliziert es hier zugeht! Nachdem die beiden gewartet hatten, bis wir fertig mit Essen waren, stiegen wir alle in den kleinen VW-Transporter: Der eine ans Steuer, der andere auf den Beifahrersitz und wir in den vollen Laderaum zwischen die ganzen Werkzeuge und Materialien. In Deutschland wäre diese Art der Personenbeförderung verboten, aber hier interessiert das niemand. Man sieht oft Leute auf Ladeflächen mitfahren. Wir freuten uns über diese zeitsparende Mitfahrgelegenheit und hielten uns gut fest. Direkt vor dem Fährterminal wurden wir abgesetzt.

Kiter und Drachen auf dem Inselstrand im Río Paraná in Rosario Argentinien

Las Islas im Río Paraná mit Kite-Surfern in Rosario, Argentinien

Nun noch schnell ein Ticket für die nächste Fähre kaufen, die zu unserem Glück, bereits in drei Minuten ablegte. So hatten wir uns in kürzester Zeit und auf ziemlich abenteuerliche Weise von einem Ende der Stadt ans andere bewegt. Im Boot wartete dann die nächste Überraschung. Es war voll mit den Leuten, die wir aus dem Hostel kannten. Und so fuhren wir ziemlich multikulturell (mit Briten, Amerikanern, Argentinierinnen und Brasilianern) auf die andere Seite des Río Paraná. Dort angekommen trennten sich unsere Wege wieder, da wir die Insel erkunden wollten. Nach Baden war uns nämlich nicht mehr. Es wehte ein ziemlich starker Wind und dieser trieb einen kloakigen Geruch über die Insel. Vielleicht von einem Klärwerk. Lecker roch es jedenfalls nicht.

Rasenmähen und Strandpflege auf der Insel im Río Paraná in Rosario, Argentinien

So liefen wir die schönen Strände einen nach dem anderen ab und beobachteten eine ganze Weile Kite-Surfer. Die hatten heute ideale Bedingungen für ihren Sport. Dazwischen Leute, die die Strände pflegten und Seegras mähten, mit einem Rasenmäher. Skurril! Wir waren derweil auf der anderen Seite der Insel, der Leeseite, angekommen. Dort war es ziemlich einsam und die wenigen Strände waren verlassen. Wir hatten die Insel fast umrundet, als wir von einem Hund gestoppt wurden. Dieser warnte uns von weitem, ihm lieber nicht zu nahe zu kommen. Vielleicht hätte man es riskieren können, denn Hunde, die bellen, beißen bekanntlich nicht. Wir wollten unser Glück heute aber nicht überstrapazieren. Also ab durch die Mitte, zurück zur anderen Seite. Es war auch nur noch knapp eine Stunde, bis das letzte Boot fahren würde. Am Anleger trafen wir wieder auf unsere Hostelfreunde und die Fähre brachte uns zurück in die Stadt.

Beflaggte Strände auf der Insel im Río Paraná in Rosario, Argentinien

Wir verabschiedeten uns und gingen los, um Besorgungen für die Busfahrt zu machen. Dabei gaben wir auch die erste und einzige Pfandflasche wieder ab, die uns in Argentinien bisher begegnet ist. Als wir sie gestern gekauft hatten, wurden wir extra dreimal darauf hingewiesen, dass die Kassiererin dafür Pfand berechnen müsse: Retorno! 4 Peso auf eine PET-Flasche, also fast ein Euro. Wir nahmen sie trotzdem mit, denn die anderen Flaschen waren nicht gekühlt. Mit einem Pfandsystem rechnet hier doch niemand. Ausgerüstet mit all den Einkäufen begegneten wir abermals den Leuten aus dem Hostel. Die konnten nicht glauben, dass wir uns immer noch in Rosario rumtrieben. Wir verabschiedeten uns noch einmal, diesmal endgültig. Vielleicht würde man sich ja in Buenos Aires wieder sehen. Gegen halb 10 Uhr, später als geplant, waren wir am Busterminal. Wie versprochen, gab es auch zu dieser Zeit noch reichlich Busverbindungen in die Capital Federal. Bereits bei der vierten oder fünften Busgesellschaft, bei der wir nachgefragt hatten, gab es noch frei Plätze für einen Bus, der eine Stunde später abfahren sollte.

Strandidylle auf den Inseln im Río Paraná in Rosario, Argentinien

Coming home…

Nachts, kurz nach halb drei, kamen wir in Retiro an. Gekonnt, wie 2 Porteños, die den ganzen Tag nichts anderes machen, hielten wir den Colectivo der Linie 130 an, der gerade an einer Ampel auf der Avenida del Libertador stand. Glück gehabt, denn genau den brauchten wir! Wir freuten uns auf unsere Wohnung und das Bett. Es fühlte sich an, als würden wir nach Hause kommen…

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Land unter

Die rumpelnde Apparatur an unserem Fenster, die betagte Klimaanlage, hatte unser Zimmer im Laufe der Nacht auf arktische Temperaturen runter gekühlt. Mitten in der Nacht sind wir durch die Kälte wach geworden und mussten uns mit allen Decken, die wir finden konnten, zudecken. Auf die Klimaanlage hatten wir leider keinen Einfluss. Das Monstrum kühlt nämlich gleich das ganze Hostel und unser Zimmer befand sich ausgerechnet am Beginn der Kühlkette. *bibber* Schöne Scheiße, aber mit den ganzen Decken ging es einigermaßen. Zu allem Übel mussten wir am Morgen feststellen, dass es regnete und der Himmel alles andere als blau war. So hatten wir es nicht besonders eilig, aus dem Bett zu kommen. Gegen Mittag hielt uns dann trotz anhaltender Regenschauer nichts mehr im Hostel und wir beschlossen, den Tag für einen Museumsbesuch im MACRO zu nutzen.

Hintereingang vom MACRo mit Graffiti in Rosario Argentinien

Pfützen-Hopping

In einer Regenpause verließen wir das Haus und machten uns auf die Suche nach einem Café. Das ist in Argentinien keine schwere Aufgabe, Cafés gibt es an jeder Ecke. Kaum, dass wir ein gemütliches Straßencafé gefunden hatten, fing es auch wieder an, stärker zu regnen. Geschützt durch eine Markise konnten wir trotzdem unseren Kaffee ungestört im Freien trinken. Kalt war es durch den Regen ja nicht geworden, nur nass. Als es nur noch leicht nieselte, schlichen wir weiter die Straßen entlang in Richtung des bunten Getreide-Silos, in dem sich das MACRO befindet. Wir waren nur ein paar hundert Meter weiter gekommen, als wir an einer sehr einladenden Bäckerei vorbeikamen. Da die Auslage im Schaufenster einen geradezu anlachte, gingen wir hinein und kauften ein paar Facturas, die wir bisher noch nicht kannten. Aufs Neue hinderte uns der Regen am Weitergehen und so aßen wir den größten Teil des süßen Backwerks direkt vor Ort. Um halbwegs trocken im Museum anzukommen, blieb uns wohl nichts anderes übrig, als es in Etappen zu versuchen.

Sintfluartiger Regen durch Fenster eines Cafés am Boulevard Oroño in Rosario, Argentina

Das nächste Stück, das wir schafften, war kaum länger als das letzte und endete erneut in einem Café. Diesmal meine es der Wettergott wohl ernst. Wir hatten eben zwei Café con Leche bestellt und blätterten in der argentinischen Boulevardpresse, als es anfing wie aus Kübeln zu schütten. Wir beobachteten den Wolkenbruch durch die großen Scheiben des Cafés und freuten uns, dass wir es gerade noch rechtzeitig hierher geschafft hatten. Plötzlich fing es an von der Decke zu tropfen, immer mehr Wasser bahnte sich seinen Weg in den Innenraum des Lokals. Der Wintergarten-ähnliche Anbau war alles andere als dicht und so wechselten wir die Plätze. Der Regen war inzwischen so heftige, dass das Wasser mehr und mehr das Café überflutete. Das Personal versuchte nun eilig mit Wasserschiebern und Eimern dagegen anzukämpfen. Vergebens! Das Wasser drückte inzwischen sogar durch die Spalten unter den Glasschiebetüren.

Überflutetes Café am Boulevard Oroño in Rosario, Argentinien

Schlagartig hörte es auf zu schütten. Die Entspannung beim Personal konnte man regelrecht von deren Gesichtern ablesen. Vor der Tür jedoch war nichts mehr wie es vorher war. Der Boulevard Oroño war nur noch zu erahnen und hatte sich in eine Seenlandschaft verwandelt. Wasser soweit das Auge reichte. Das wollten wir uns aus der Nähe ansehen. Mit festem Schuhwerk hätten wir jetzt echt ein Problem gehabt. Gut aber, dass wir mit „hippen“ Gummischlappen unterwegs waren. Nein, nicht diese hässlichen Croqs! Knöcheltief wateten wir im warmen Wasser weiter unserem Ziel entgegen. Die vorbeiziehenden Autos produzierten Mega-Wasserfontänen beim Durchqueren des neu entstandenen Seengebiets. Wir beobachtet ein älteres Ehepaar, wie es vorsichtig aus einem Taxi stieg und in die Fluten entlassen wurde. Was für ein Spektakel. Die Einwohner machten aber alle samt einen ziemlich gelassenen Eindruck und begegneten der Situation wie Profis. Bei uns wäre diese Art Regen wohl ein Katastrophenfall.

Normale Niederschläge in Argentinien - Boulevard Oroño in Rosario unter Wasser

Taxi in die Flut nach einem heftigen Regen in Rosario, Argentinien

Museo de arte contemporáneo de Rosario

Gegen 15 Uhr erreichten wir einigermaßen trocken unser Ziel. Schon von weiten sahen wir die bunten Silos, in denen das MACRO residiert. Das Museum für zeitgenössische Kunst steht direkt am Ufer des Río Paraná. Dummerweise war es noch geschlossen und würde erst gegen 16 Uhr öffnen. So mussten wir die Zeit überbrücken und sind durch einen kleinen Park flussaufwärts gelaufen. Dort begegneten wir Anglern, die im wässrigen Boden nach Regenwürmern fischten, und natürlich – wie könnte es in Rosario anders sein – einer Gruppe von Joggern. Aus mannshohen Abflussrohren strömte das Wasser aus der Kanalisation in den Río Paraná. Eine Unmenge Zivilisationsmüll, die der Regen von den Straßen gewaschen hatte, trieb nun in seinen Fluten und verfing sich in der Uferböschung. Es dauerte nicht lang bis der Weg zu Ende war und wir zurück gingen. Den Rest der Wartezeit haben wir im Restaurant „Davis“ direkt am MACRO verbracht und sehr lecker gegessen.

Bruschetta, Salat und Pommes im Restaurant "Davis" am MACRo in Rosario, Argentinien

Por favor no tocar las obras – Bitte nicht berühren

Das MACRO würde man sicher nicht in einer Reihe mit dem MoMa, dem Tate Modern oder dem Hamburger Bahnhof nennen, aber verstecken braucht es sich deswegen noch lange nicht. Unkonventionell und originell zeigt es auf zehn Stockwerken ein breites Spektrum an Gegenwartskunst. Am besten man fährt mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, genießt eine Weile die tolle Aussicht und arbeitet sich dann nach unten durch. Die Ausstellungsräume sind alle nicht sehr groß, sodass ein Rundgang nicht sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Im 7. Stock gab es eine interessante Audioinstallation namens „Nocturno“ von Diana Schufer. Der größte Raum des ganzen Gebäudes war komplett verdunkelt und von der Decke hingen spärlich beleuchtete Lautsprecher aus denen Stimmen zu hören waren. Ein Weg führte ans Ende des Raumes entlang der verstreut angebrachten, kleinen Lautsprecher, aus denen aufgezeichnete Stadtgespräche aus Buenos Aires tönten. Durch die Dunkelheit wurde der Fokus fast vollständig auf das Gehör gelenkt. Die Idee fanden wir beide ziemlich gut, aber leider scheiterten wir an der Installation auf Grund unserer mangelhaften Spanischkenntnisse.

Besucherinnen im Museum für Gegenwartskunst MACRO in Rosario, Argentinien

Besucherinnen betrachten eine Videoinstallation im MACRo in Rosario, Argentina

Zwei Stockwerke tiefer wurde der Ausstellungsraum in eine Camera obscura umfunktioniert. In der Außenwand des selbstverständlich abgedunkelten Raumes befand sich ein winziges Loch. Die gebündelten Lichtstrahlen zeichneten den Río Paraná samt Inseln auf die gegenüberliegende weiße Wand. Die kopfüberstehende Abbildung war quasi eine Live-Sendung des Geschehens auf dem Fluss. Simple und genial! In den folgenden Stockwerken gab es weitere Installationen und die erst seit Banksy anerkannte Gattung der Street-Art zu sehen. Die Werke erinnerten mich sehr an das, was ich in der kleinen Galerie im „Hollywood in Cambodia“ im Stadtteil Palermo in Baires gesehen habe. Das MACRO ist auch ein Ort zum Anfassen und Mitmachen. Es scheint dort öfters lustige Happenings zu geben, bei denen jedermann „Kunst machen“ kann. Die Werke der letzten Aktion, nämlich mit bunter Farbe punkig beschmierte T-Shirts, gab es dann auch gleich im hauseigenen Design-Shop zu kaufen.

Angeln am Ufer des Río Paraná in Rosario, Argentinien

Wer mal eine virtuelle Tour durch die Gegend rund ums MACRO machen will kann hier klicken, dort findet man auch viele weitere 3D Touren durch Rosario.

Runde durch Rosario

Das Wetter hatte sich mittlerweile stabilisiert und dem Regen war für heute endgültig die Puste ausgegangen. Auf dem Rückweg machten wir einen Rundgang durch die Parks flussabwärts. Am Zentralbahnhof „Rosario Central“ dachten wir für einen Augenblick, dass wir den Hauptbahnhof gefunden hätten. Wir spielten nämlich mit dem Gedanken, den Zug zurück nach Buenos Aires zu nehmen. Dieser Irrtum klärte sich aber relativ schnell durch den Graswuchs zwischen den Schienen und die fehlenden Reisenden auf. Die Anlage dient heute als Gemeindehalle für Kunst und Kultur. So zogen wir ohne Zuginformationen weiter zum Parque España. Die Treppen vor der Plaza dienten den zahlreichen Joggern als Kraft- und Konditionsprobe. Durch die unter Wasser stehenden Wiesen liefen wir weiter zu den alten Lagerhallen, in denen sich die „Escuela de artes urbanas“ befindet. Dort konnten wir Artisten beim Kopfstandüben zusehen. Schließlich kamen wir wieder am Monumento a la Bandera an. Das gleichnamige Museum war für heute schon geschlossen, so dass wir langsam zurück zum Hostel gingen. In der Fußgängerzone feierten wir das Ende des Regens mit einer Portion Eis und besuchten ein wunderschönes, altes Kaufhaus aus dem 19. Jahrhundert, das derzeit zur chilenischen Kaufhauskette „Falabella“ gehört. Der Innenraum des Kaufhauses sah aus, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Galería Falabella in der Fussgängerzone Avenida Cordoba in Rosario, Argentinien

Decke der Galería Falabella in der Fussgangerzone Avenida Cordoba in Rosario, Argentinien

Nach Mitternacht machten wir uns erneut auf die Pirsch durch die Stadt. Wir wollten uns mal das Nachleben anschauen. Im Hostel hatten sie uns dafür die Avenida Pellegrini empfohlen. Wenn was geht, dann da. Dienstag ist aber nicht der beste Tag, um auszugehen. Außerdem sind Semesterferien und den meisten Rosarinos wird es heute zu frisch draußen sein. So liefen wir durch ein fast ausgestorbenes Rosario bis wir endlich die Straße erreichten. Da war auch tatsächlich noch was los. Links und rechts der großen Straße waren etliche Bars und Restaurants geöffnet. Voll war es aber nirgend so richtig, außer in den ungefähr 1000 Eisdielen. Die sind echt toll, aber nicht das, was wir uns unter Nachtleben vorgestellt hatten. Auf dem Rückweg sind wir nochmal am Denkmal der Staatsflagge vorbei und haben ein paar Nachtaufnahmen gemacht. Nachts wird das Wahrzeichen in den argentinischen Nationalfarben weiß und blau angestrahlt.

Nacht über dem Propileo des Monumento a la Bandera in Rosario in Argentinien

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Die Stadt der Jogger

Der Bus schwankte und schaukelte sich mit mächtig viel Schwung durch die noch junge Nacht. Ich versuchte zu schlafen, aber es gelang mir nicht. Mir erschien es, als würde der Bus wie ein Pferd von Bodenwelle zu Bodenwelle springen. Das Schütteln war zeitweise so heftig, dass man den Halt verlor und kurze Momente in Schwerelosigkeit erlebte. Jeder Straßenkrater riss einen erneut aus dem Schlaf und so war der Weg ins Land der Träume noch holpriger als die Straße. Irgendwann berührte mich etwas am Oberarm. Schlaftrunken ignorierte ich das Zeichen. Wieder berührte mich etwas, diesmal mit mehr Nachdruck. Das kann ich unmöglich träumen. Ich klappte die Schlafmaske hoch und sah einen Argentinier, der höflich um seinen Platz bat. Der Bus war inzwischen bis zum letzten Platz gefüllt und ich musste auf meinen Sitz zurück. Wir hatten uns auf mehreren Plätzen breit gemacht und so musste ich zusätzlich noch ein paar Sachen von den benachbarten Sitzen zusammenkramen. Rasch schlief ich aber wieder ein. Plötzlich knallte etwas zu Boden und riss mich erneut, trotz gut verplombter Ohren, aus dem Schlaf. Im Bus war es stockdunkel und nur die Schattenrisse der Passagiere waren zu erkennen. Ich sah wie ein Mann einen schwarzen Gegenstand vom Boden aufhob. Instinktiv griff ich in meine Hosentasche, um zu prüfen, ob mir die Kamera rausgefallen war. Noch bevor ich mich davon überzeugt hatte, dass alles an seinem Platz war, hatte der Mann den Besitzer des Objekts schon ausfindig gemacht und aufgeweckt. So erhielt dieser sein Handy zurück und wir konnten alle wieder schlafen. Gut dachte ich mir, hier kommt nichts weg…

Strasenkreuzung an der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtteil Centro

Quirliges Rosario

Gegen 9 Uhr morgens erwachte ich erstaunlicherweise gut erholt. Der Bus war inzwischen wieder leer und ich fragte mich, ob ich die Geschehnisse der letzten Nacht nur geträumt hatte. Wir waren bereits im äußeren Bereich des Ballungsraums Rosario. Der Verkehr war wesentlich dichter und die Bebauung links und rechts der Straße wurde mit jedem Kilometer urbaner. Dann ging alles recht schnell und pünktlich um 10 Uhr standen wir schließlich auf dem Terminal de Omnibusses in Rosario. Obwohl es bis zum Hostel noch recht weit sein würde, entschieden wir uns zu Fuß zu gehen. Dies war die beste Möglichkeit einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Irgendwie hatte ich mir Rosario wesentlich kleiner und provinzieller vorgestellt. Aber auf den Straßen ging es ähnlich zu wie in Buenos Aires. Mit einer Million Einwohnern ist Rosario auch nicht grade klein. Die Quirligkeit hat mich trotzdem überrascht. Nach einigen Blocks entlang der Avenida Santa Fe kamen wir an der Medizinischen Fakultät der Universität Rosario vorbei. Viel war dort allerdings nicht los, denn momentan sind Semesterferien. Die umliegenden Seitenstraßen machen einen gemütlichen Eindruck und sind voll von kleinen Cafés, Copy-Shops und sonstigen Läden, die Studenten so brauchen. Noch ein paar Blocks weiter und wir ließen uns in einem der Straßencafés nieder und bestellten, oh Wunder, ein typisch argentinisches Frühstück: Cafe con Leche und Medialunas. Das alles sollte zusammen dann auch nur 8 Peso kosten und markierte damit das günstigste Frühstück, das wir in Argentinien bisher hatten.

Alte Häuser in der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtzentrum

Gegen halb 12 Uhr kamen wir im Hostel, „La Casona de Don Jaime 2“, an und haben eingecheckt. Die Unterkunft hatten wir tags zuvor im Internet reserviert. Da unser Zimmer gerade noch geputzt wurde, versorgte uns die junge Frau vom Counter in der Zwischenzeit mit nützlichen Informationen über die Stadt. Etwas ungewöhnlich war, dass wir hier das Zimmer bereits im Vorraus bezahlen mussten, natürlich bar. Naja, nachdem wir das alles geklärt hatten, sind wir gleich mit Badesachen zum Fährableger, „La Fluvial„, gelaufen. Durch die schöne Altstadt von Rosario kamen wir direkt zum Monumento Nacional a la Bandera. Das erst 1957 erbaute Denkmal zur Ehrung der argentinischen Staatsflagge steht unweit der Küstenlinie des Flusses Paraná. Am Fluvial haben wir uns Tickets für die Überfahrt zu den Inseln gekauft. Dort soll es die schöneren Strände von Rosario geben. Von den wesentlich populäreren „La Florída“-Stränden hatte uns die Perle vom Hostel eher abgeraten.

Denkmal für die Nationalflagge Argentiniens in Rosario

Vom Fluvial fahren vier verschiedene Fährschiffe zu vier verschiedenen Inselstränden. Jedes hat seinen eigenen Anleger, die „Muelle“, und bringt einen an einen anderen Strand. Der Río Paraná ist ein ziemlich mächtiger Fluss. Die Inseln lagen ganz schön weit weg vom Ufer und dahinter geht der Strom ja noch weiter. Wo die Strände genau liegen, zu denen die verschiedenen Boote fahren, war uns völlig unklar. Also nahmen wir einfach das nächstbeste Boot, das kam. Später haben wir uns darüber gewundert, was für ein Aufriss um die verschiedenen Fährlinien gemacht wird. Es ist nämlich ganz egal ist, welches Boot man nimmt, da die Strände direkt nebeneinander liegen.

Balneario Waikiki auf der Insel im Río Parana vor Rosario in Argentinien

Auf der Insel erwarteten uns dann tatsächlich sehr schöne Sandstrände, die alle samt nicht besonders voll waren. Wir fanden einen schattenspenden Baum, unter dem wir es uns gemütlich machen konnten ohne der prallen Sonne ausgeliefert zu sein, in der sich die Einheimischen aalten. Der Wind trug mal mehr, mal weniger die Musik vom Nachbarstrand zu uns herüber und wir konnten kaum glauben, was da gespielt wurde. Die Musik der Münchner Freiheit sei Beispiel genug, um unser Erstaunen auszudrücken. Wir lasen gemeinsam in dem Buch WIR von Jewgeni Samjatin. Danach haben wir das Baden im Río Paraná ausprobiert. Einen richtig sauberen Eindruck macht er ja nicht, der Paraná. Das braune Sediment störte uns dabei weniger, als das Wissen darum, was so alles in diesen Fluss eingeleitet wird. Soweit oberhalb vom Delta bei Tigre sollte es aber gehen, mit dem Baden. Der Untergrund ist sandig und irgendwie rutschig, fast glitschig. Das Ufer ist sehr flach und auch hier galt, wer richtig nass werden will, muss sich hinlegen. Viele der Einheimischen sind gleich mit Klappstuhl angereist und sitzen stundenlang samt Stuhl im wannenwarmen Wasser. Dazwischen ankern kleine Motorboote. Eine ziemliche Idylle und das Baden ist auch ganz ok.

Fußball spielen am Balneario Waikiki auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Abends hatten wir in einem der Strandrestaurants, einem Parador, eine kleine Picada, da uns der Hunger gepackt hatte. Gesättigt machten wir uns auf den Weg zum Anleger. Um acht fuhren wir mit dem letzten, erwartungsgemäß vollbesetzten Boot zurück in die Stadt. In der Mitte des Bootes stapelten sich die mitgebrachten Sonnenstühle der Rosarinos. Ein herrlich skurriles Bild.

Volkssport Jogging

Zurück an Land machten wir uns auf den Weg zum Hostel, diesmal entlang der Küstenstraße, der Rambla Catalunya. Entweder waren wir zur falschen Zeit hier, oder das ist einfach nicht der Ort, um abends spazieren zu gehen. Es kam uns vor, als wären wir mitten in eine Art Volkslauf oder Marathon geraten. Ständig kamen aus allen Richtungen Horden von Joggern auf uns zu gerannt. Auf den Wiesen seitlich der Rambla gab es sogar noch mehr davon. In Gruppen oder einzeln machten die Läufer hier Dehnübungen oder waren anderweitig aktiv. Rosario ist die Stadt der Jogger. Eine Prise Lifestyle darf dabei natürlich auch nicht fehlen.

Ein Boot ankert auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Für das Abendessen hatten wir uns Zutaten für einen Salat besorgt, den wir in der Hostelküche zubereiteten. Dort war ordentlich Betrieb und es war außerdem viel zu warm und zu laut zum Essen, darum haben wir uns in den Innenhof zurückgezogen, wo außer uns nur noch zwei Kanadierinnen aus Vancouver saßen. Die beiden waren frisch aus Uruguay angekommen und standen erst am Beginn ihre Südamerikareise. Sie erzählten von ihren Plänen und wir hatten nicht den Eindruck, dass sie zu der Gruppe der „Destination-Hopper“ gehören, die in kürzester Zeit soviele Reiseziele wie möglich abhaken wollen. Da sich die eine etwas kränklich fühlte, zogen sie sich bald zurück und machten zwei Brasilianern Platz.

Reggaetón Argentino

Auch mit den beiden, Erick und André, kamen wir sofort ins Gespräch. Nach dem üblichen Smalltalk erzählten sie uns ein bisschen mehr über ihr Land und machten uns sehr neugierig auf Brasilien. Von Deutschland hatten sie bisher nur kitschige Stereotype im Kopf: Gutes Bier, in tausend Sorten, blonde Frauen, schnelle Autos und schlechtes Wetter. Und nein, in Deutschland trinkt man das Bier nicht lauwarm. Letzte Nacht waren die Jungs mit einer argentinischen Bekannten in einen Club in Rosario unterwegs. Sie waren total begeistert vom Reggaetón, der dort gespielt wurde und in Argentinien total angesagt ist. Wie mischt man denn Reggae, Merengue, Hip-Hop und Dancehall so zusammen, dass man dazu in einem Club tanzen kann? Klang echt spannend, was sie berichteten. Erick und André klärten uns außerdem über die deutlichen Unterscheide der Musikszenen beider Nachbarländer auf. Während die Musik in Brasilien viel internationaler ausgerichtet ist, hört man in Argentinien fast ausschließlich Einheimisches oder andere spanischsprachige Künstler. Wir erfuhren noch eine ganze Menge über die brasilianische Art zu leben und haben uns einige Zeit später verabschiedet. Der Abend mit den beiden hat uns viel Spaß gemacht.

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In den Fluten des Río Iguazú

Unser letzter Tag in Puerto Iguazú war angebrochen. Also mussten wir unsere sieben Sachen packen und freuten uns, dass wir nur das Nötigste dabei hatten. So ging alles ziemlich stressfrei. Danach haben wir in aller Ruhe gefrühstückt und anschließend ausgecheckt. Am Busterminal wollten wir uns Tickets für den späten Abend nach Rosario besorgen. Wir hatten geplant, so spät wie möglich zu fahren, sodass wir noch den ganzen Tag im Nationalpark verbringen konnten. Es stellte sich jedoch heraus, dass der letzte Bus bereits um 17 Uhr abfahren würde. Keine der zahlreichen Busgesellschaften hatte eine spätere Abfahrt im Programm. Die Zeit reichte trotzdem für einen weiteren Abstecher in den Nationalpark. Da die meisten Busgesellschaft nur cash akzeptieren, mussten wir vorher noch der Bank einen Besuch abstatten. Unser letztes Bargeld hatten wir im Hostel gelassen und so brauchten wir vor dem Kauf der Tickets erneut efectivo. Hatten wir schon erwähnt, dass in Puerto Iguazú bargeldlos so gut wie gar nichts geht?

Blick in die Garganta del Diablo im Parque Nacional Iguazu in Argentinien

Blick auf den Salto Mbigua im Parque Nacional Iguazú in Misiones, Argentinien

An der Bank angekommen, hieß es dann erstmal anstehen und warten. Scheinbar heben die Argentinier gerne jeden Tag Geld ab oder sie lieben es einfach, in der Schlange zu stehen. Ich glaube hier trifft beides zu, denn viele hoben nur Kleinstbeträge ab. Außerdem haben wir jeden Tag, den wir an der Bank vorbei liefen, lange Schlangen vor den Geldautomaten gesehen. Die Argentinier sind sehr diszipliniert, wenn es darum geht, in einer Schlange anzustehen. Es wird nicht gemeckert, es wird nicht gedrängelt und es wird auch nicht gegängelt. So waren wir auch schon bald dran und konnten Geld ziehen. Zurück am Busterminal haben wir die Tickets nach Rosario gekauft und los ging es in den Parque Nacional Iguazú. Zuvor sind wir noch unser überflüssiges Gepäck in der Gepäckaufbewahrung losgeworden. Wir hatten alles so gepackt, dass wir nur mit einem Rucksack im Park unterwegs sein würden. Darin befanden sich unsere Badesachen und eine große Wasserflasche. Badesachen deshalb, weil heute die Badestelle auf der „Isla San Martín“ fest auf unserem Plan stand. Bei unserem ersten Besuch am Donnerstag war es, als wir im Park ankamen, dafür leider schon zu spät dafür. Also wollten wir es heute nochmal versuchen. Baden ist das, was wir bei den subtropischen Temperaturen hier besonders vermissten. Unser Hostel hatte leider keinen Pool und so war die kalte Dusche in den letzten drei Tagen unser bester Freund.

Kaltes klares Wasser: Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Auf einen Bus in den Park mussten wir nicht lang warten und so waren wir bereits kurz vor 12 Uhr da. Es war ziemlich voll an der einzig geöffneten Kasse. Es scheint hier mehr Personal zum Kontrollieren und Abreißen der Karten als Kassierer bzw. Kassen zu geben. Das Verhältnis war 6:1. Besonders geschäftstüchtig sind die Argentinier wirklich nicht, aber das macht sie so unheimlich liebenswert und sympathisch. Wenn man erstmal in dem gemächlichen argentinischen Tempo angekommen ist, kann man sich über die Hektik und den Stress in Deutschland nur noch wundern und mit dem Kopf schütteln. Das Motto aus dem Dschungelbuch: „Probier´s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit…„, scheint man hier wortwörtlich zu nehmen. Vielleicht hat sich aber auch Balu der Bär die Inspiration zu seinem Lied in Argentinien geholt. Wer weiß… 😉

Nasenbären auf dem Sendero Verde im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Heute wollten wir keine Zeit mit der quälenden Schmalspurbahn verschwenden und sind zu Fuß das kurze Stück zum Paseo Inferior gelaufen. Das geht wesentlich schneller! So ziemlich am Anfang des Sendero Verde (Grüner Pfad) begegnete uns auch gleich eine ganze Nasenbärkolonie. Die putzigen Tierchen haben sich so sehr an den Menschen gewöhnt, dass sie einem sehr nahe kommen. Ihre natürliche Scheu haben sie komplett verloren, so konnten wir die neugierigen Tiere aus nächster Nähe beobachten. Wer hier allerdings wen beobachtet, ist die Frage. Die Nasenbären behielten die potentiellen Nahrungsspender die ganze Zeit im Auge. Einige Touristen konnten es trotz der Warnungen nicht lassen, die Tiere zu füttern. Diese strömten daraufhin rudelweise von überall her und schnappten in der Hoffnung auf mehr nach den Taschen der Touristen. Dummheit bleibt eben nicht lange ungesühnt. Wir zogen weiter und erfreuten uns am Spaziergang auf dem schattigen Dschungelpfad. Wir sahen zahlreiche Tiere und Pflanzen entlang des Weges und liefen vorbei an handtellergroßen Schmetterlingen, deren Schönheit nur von den Blüten, nach denen sie Ausschau hielten, übertroffen wurde. Ein faszinierendes Ökosystem!

Gelbe Blüte im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Schließlich kamen wir lange vor der Schmalspurbahn an dem „Bahnhof Cataratas“ an. Gleich dahinter beginnt der Paseo Inferior, der Trail, der uns ans Ufer des Río Iguazú und die Anlegestelle des Bootes zur Isla San Martín bringen würde. Von dort fährt ein Boot im 10-Minuten-Takt auf die Insel. Wir kamen viel langsamer voran als wir dachten, denn wir wurden wie die Tage zuvor von immer neuen und immer anderen Blickwinkeln auf die Wasserfälle aufgehalten. Die Iguazú-Fälle gehören garantiert zu den am häufigsten fotografierten Plätzen der Erde. Bei den Fotoperspektiven, die einem hier ständig geboten werden, mag das auch kaum verwundern. Über Stock und über Stein ging es letztlich abwärts zum Ufer des Flusses. Der Abstieg über Steintreppen und schmale Wanderpfade war beschwerlich und langwierig. Immer wieder kamen uns Touristen auf dem sehr engen Weg entgegen. Zwischendrin standen Menschen, die einfach Pause machten, sich ausruhten und die atemberaubende Natur bestaunten. Endlich erreichten wir den Bootsanleger. Die geniale Idee mit der Badestelle auf der Isla San Martín hatten außer uns noch viele andere Besucher. So hieß es erneut: Join the queue!

Warten auf die Überfahrt zur Isla San Martín im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Nachdem wir uns in die Schlange eingereiht hatten, ging es nur schleppend vorwärts. Es war unglaublich heiß und ausgerechnet hier gab es keinen einzigen Baum oder Strauch, der Schatten spenden konnte. In der prallen Sonne standen wir auf den Stufen hinab zum Anleger und warteten, warteten und warteten. Uns lief das Wasser aus allen Poren und zum ersten Mal in der ganzen Zeit war uns die Hitze zu viel. Das Boot zur Insel nahm zu jeder Überfahrt genau 18 Personen mit und keine mehr. Nach mehr als 30 Minuten war es dann endlich soweit. Viel länger hätten wir es in dieser Hitze auch nicht mehr ausgehalten. Nach der kurzen Überfahrt (die übrigens im Eintrittspreis enthalten ist) sind wir sofort im Río Iguazú baden gegangen. Die Abkühlung war bitter nötig! Das Wasser war sauber und erfrischend, man konnte aber nur knietief hinein. Wenn man überall nass werden wollte, dann musste man sich hinlegen. Das Ufer des Flusses ist sehr steinig und die Strömung heftig. Das erklärt die geringe Tiefe, die fürs Baden freigegeben ist. Und so lagen wir in großartiger Kulisse eine ganze Weile zusammen mit anderen Touristen bis zum Hals im Wasser. Ein wirklich tolles Erlebnis, so umzingelt von Wasserfällen zu baden!

Badestelle auf der Isla San Martín im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Isla San Martin mit Blick auf den gleichnamigen Wasserfall im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Baden ist aber längst nicht alles, was man auf dem kleinen Eiland machen kann. Auch hier kann man entlang eines Wanderpfades die Aussicht auf die Fälle vertiefen und die Natur erkunden. Um uns vor der Hitze zu schützen, haben wir unsere T-Shirts wieder angezogen und sind nochmals mit Klamotten ins Wasser gegangen. Die Verdunstungskühle beim Trocknen der Sachen sollte uns helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Um den Pfad auf dem Plateau der Insel zu erreichen, hieß es wieder Treppen steigen. Oben angelangt wurden wir sogleich von Leguanen und bunten Vögeln begrüßt. Der Pfad führte uns einmal um die gesamte Insel und schließlich zu einer Aussichtsplattform mit fantastischem Blick auf den Salto San Martín. Der Geräuschpegel ist hier immens. Die Ausflugsboote, die bis ganz an den Fuß des Wasserfalls heranfahren, sehen von oben aus wie kleine Nussschalen, die scheinbar willenlos in den tosenden Fluten tanzen. Wenn man sich vorstellt, dass es bis weit in die 1930er Jahre möglich war, das Spektakel auch direkt von oben, von der Abbruchkante, zu erleben, wird einem ganz schummrig. Man konnte sich damals von einem Einheimischen bis an die Kante rudern lassen, um dann todesmutig in den Abgrund zu spucken. Dass das früher oder später schief gehen musste, war klar, und so sind diese lebensmüden Fahrten seither verboten.

Blick auf den Salto Escondido im Parque Nacional Iguazu in Argentinien

Isla San Martin im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Auf dem Rückweg zum Anleger des Shuttle-Boots haben wir dann noch eine ganze Weile dem Spiel einer Tukan-Familie zugesehen. Die Natur ist wirklich unbeschreiblich schön, bunt und artenreich. Ich will nicht wissen, was nach Einbruch der Dunkelheit hier los ist. Langsam mussten wir uns aber losreißen. Spätestens bis 15 Uhr sollten wir den Park verlassen haben, um unseren Bus nach Rosario zu schaffen. Während wir auf das Boot warteten, haben wir uns nochmal die inzwischen abgetrockneten Klamotten nass gemacht. Angekommen auf der anderen Seite des Flussarmes hatten wir leider keine Zeit mehr für die Fototapeten links und rechts des Weges, sondern eilten direkt zum Ausgang.

Blick in den Schlund des Teufels im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

An der Haltestelle vor dem Parkeingang stand dann zum Glück auch der Bus, der uns rechtzeitig nach Puerto Iguazú brachte. So hatten wir noch ausreichend Puffer bis zur Abfahrt nach Rosario. Den würden wir brauchen, um Essen und Trinken für die Fahrt zu kaufen. Auf den Service im Bus wollten wir uns lieber nicht verlassen, da wir nur normale Holzklasse gebucht hatten. Der Supermarkt am Busterminal hatte allerdings geschlossen. Verwöhnt durch die Öffnungszeiten in Baires haben wir mit derartigen Störungen gar nicht gerechnet. Naja es war Sonntag, was will man erwarten? Zum Glück würde der Minimercado in einer halben Stunde wieder öffnen. Ziemlich knapp zwar, aber verhungern will man ja auch nicht. Wir beschlossen also, dass einer die Last-Minute Einkäufe macht, während der andere schon mal das Gepäck auslöst. Am verwaisten Busterminal war auch tote Hose und man konnte quasi die Grillen zirpen hören. An der Gepäckaufbewahrung begrüßte mich dann zu allem Übel ein Zettel: „Bin gleich wieder da!“ ‒ Bin gleich wieder da? Das kann in Argentinien fast alles bedeuten: Bin nur kurz auf Klo oder komme morgen wieder. Also von fünf Minuten bis zu einer Ewigkeit ist alles drin. Mit einem Schlag war meine hitzebedingte Müdigkeit wie weggeblasen und ich überlegte mir, wie ich die Frau wohl ausfindig machen könnte. Wegen sowas den Bus zu verpassen, wäre echt blöd gewesen. Die ganze Aufregung war aber gar nicht nötig, denn nur kurze Zeit später kam die „junge Dame“ in argentinischer Ruhe um die Ecke geschlendert.

Rosario, wir kommen!

Punkt 17 Uhr saßen wir als erste und einzige völlig erledigt im Bus. Nur allmählich trudelten die anderen drei Fahrgäste ein und es ging los. Die drei Backpacker waren in puncto „argentinisches Tempo“ schon einen Schritt weiter als wir. Dieser Doppelstockbus war wesentlich angeranzter und längst nicht so bequem wie unser letzter, aber immer noch besser als alles was ich an Reisebussen aus Europa kenne. Der untergehenden Sonne entgegen, mit dem aufgehenden Mond hinter uns fuhren wir zurück nach Süden. Bei einem Halt an einer Mautstelle irgendwo in Misiones kamen wir in eine Polizeikontrolle. Nach einer sehr kurzen Inspektion unserer Pässe und Rucksäcke ging es auch schon weiter. Mittlerweile war es dunkel geworden, das Essen wurde uns in die Hand gedrückt und das Unterhaltungsprogramm begann. Das alles interessierte uns wenig, wir wollten lieber unsere Erinnerungen auf Papier festhalten. An unseren Plätzen war leider das Licht defekt und so haben wir uns einfach umgesetzt. Gegen 22 Uhr hielt der Bus in Posadas. Wir kauften uns ein paar Empanadas und stiegen wieder ein. Schließlich wurden wir müde und wollten uns schlafen legen. Wir klappten die Sitze nach hinten und mussten feststellen, dass uns das Kondensat der Klimaanlage ins Gesicht tropfte. Also sind wir zurück auf unsere ursprünglichen Plätze. Dort stank es aber inzwischen bestialisch nach Abgasen und es war unsicher, ob wir auf diesen Sitzen am nächsten Morgen auch tatsächlich wieder aufwachen würden. Am Ende haben wir in der Sitzreihe vor uns einen angemessenen Schlafplatz gefunden…

Mond über der Ruta 12 in Misiones in Argentinien

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