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Die Stadt der Jogger

Der Bus schwankte und schaukelte sich mit mächtig viel Schwung durch die noch junge Nacht. Ich versuchte zu schlafen, aber es gelang mir nicht. Mir erschien es, als würde der Bus wie ein Pferd von Bodenwelle zu Bodenwelle springen. Das Schütteln war zeitweise so heftig, dass man den Halt verlor und kurze Momente in Schwerelosigkeit erlebte. Jeder Straßenkrater riss einen erneut aus dem Schlaf und so war der Weg ins Land der Träume noch holpriger als die Straße. Irgendwann berührte mich etwas am Oberarm. Schlaftrunken ignorierte ich das Zeichen. Wieder berührte mich etwas, diesmal mit mehr Nachdruck. Das kann ich unmöglich träumen. Ich klappte die Schlafmaske hoch und sah einen Argentinier, der höflich um seinen Platz bat. Der Bus war inzwischen bis zum letzten Platz gefüllt und ich musste auf meinen Sitz zurück. Wir hatten uns auf mehreren Plätzen breit gemacht und so musste ich zusätzlich noch ein paar Sachen von den benachbarten Sitzen zusammenkramen. Rasch schlief ich aber wieder ein. Plötzlich knallte etwas zu Boden und riss mich erneut, trotz gut verplombter Ohren, aus dem Schlaf. Im Bus war es stockdunkel und nur die Schattenrisse der Passagiere waren zu erkennen. Ich sah wie ein Mann einen schwarzen Gegenstand vom Boden aufhob. Instinktiv griff ich in meine Hosentasche, um zu prüfen, ob mir die Kamera rausgefallen war. Noch bevor ich mich davon überzeugt hatte, dass alles an seinem Platz war, hatte der Mann den Besitzer des Objekts schon ausfindig gemacht und aufgeweckt. So erhielt dieser sein Handy zurück und wir konnten alle wieder schlafen. Gut dachte ich mir, hier kommt nichts weg…

Strasenkreuzung an der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtteil Centro

Quirliges Rosario

Gegen 9 Uhr morgens erwachte ich erstaunlicherweise gut erholt. Der Bus war inzwischen wieder leer und ich fragte mich, ob ich die Geschehnisse der letzten Nacht nur geträumt hatte. Wir waren bereits im äußeren Bereich des Ballungsraums Rosario. Der Verkehr war wesentlich dichter und die Bebauung links und rechts der Straße wurde mit jedem Kilometer urbaner. Dann ging alles recht schnell und pünktlich um 10 Uhr standen wir schließlich auf dem Terminal de Omnibusses in Rosario. Obwohl es bis zum Hostel noch recht weit sein würde, entschieden wir uns zu Fuß zu gehen. Dies war die beste Möglichkeit einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Irgendwie hatte ich mir Rosario wesentlich kleiner und provinzieller vorgestellt. Aber auf den Straßen ging es ähnlich zu wie in Buenos Aires. Mit einer Million Einwohnern ist Rosario auch nicht grade klein. Die Quirligkeit hat mich trotzdem überrascht. Nach einigen Blocks entlang der Avenida Santa Fe kamen wir an der Medizinischen Fakultät der Universität Rosario vorbei. Viel war dort allerdings nicht los, denn momentan sind Semesterferien. Die umliegenden Seitenstraßen machen einen gemütlichen Eindruck und sind voll von kleinen Cafés, Copy-Shops und sonstigen Läden, die Studenten so brauchen. Noch ein paar Blocks weiter und wir ließen uns in einem der Straßencafés nieder und bestellten, oh Wunder, ein typisch argentinisches Frühstück: Cafe con Leche und Medialunas. Das alles sollte zusammen dann auch nur 8 Peso kosten und markierte damit das günstigste Frühstück, das wir in Argentinien bisher hatten.

Alte Häuser in der Calle San Lorenzo in Rosario im Stadtzentrum

Gegen halb 12 Uhr kamen wir im Hostel, „La Casona de Don Jaime 2“, an und haben eingecheckt. Die Unterkunft hatten wir tags zuvor im Internet reserviert. Da unser Zimmer gerade noch geputzt wurde, versorgte uns die junge Frau vom Counter in der Zwischenzeit mit nützlichen Informationen über die Stadt. Etwas ungewöhnlich war, dass wir hier das Zimmer bereits im Vorraus bezahlen mussten, natürlich bar. Naja, nachdem wir das alles geklärt hatten, sind wir gleich mit Badesachen zum Fährableger, „La Fluvial„, gelaufen. Durch die schöne Altstadt von Rosario kamen wir direkt zum Monumento Nacional a la Bandera. Das erst 1957 erbaute Denkmal zur Ehrung der argentinischen Staatsflagge steht unweit der Küstenlinie des Flusses Paraná. Am Fluvial haben wir uns Tickets für die Überfahrt zu den Inseln gekauft. Dort soll es die schöneren Strände von Rosario geben. Von den wesentlich populäreren „La Florída“-Stränden hatte uns die Perle vom Hostel eher abgeraten.

Denkmal für die Nationalflagge Argentiniens in Rosario

Vom Fluvial fahren vier verschiedene Fährschiffe zu vier verschiedenen Inselstränden. Jedes hat seinen eigenen Anleger, die „Muelle“, und bringt einen an einen anderen Strand. Der Río Paraná ist ein ziemlich mächtiger Fluss. Die Inseln lagen ganz schön weit weg vom Ufer und dahinter geht der Strom ja noch weiter. Wo die Strände genau liegen, zu denen die verschiedenen Boote fahren, war uns völlig unklar. Also nahmen wir einfach das nächstbeste Boot, das kam. Später haben wir uns darüber gewundert, was für ein Aufriss um die verschiedenen Fährlinien gemacht wird. Es ist nämlich ganz egal ist, welches Boot man nimmt, da die Strände direkt nebeneinander liegen.

Balneario Waikiki auf der Insel im Río Parana vor Rosario in Argentinien

Auf der Insel erwarteten uns dann tatsächlich sehr schöne Sandstrände, die alle samt nicht besonders voll waren. Wir fanden einen schattenspenden Baum, unter dem wir es uns gemütlich machen konnten ohne der prallen Sonne ausgeliefert zu sein, in der sich die Einheimischen aalten. Der Wind trug mal mehr, mal weniger die Musik vom Nachbarstrand zu uns herüber und wir konnten kaum glauben, was da gespielt wurde. Die Musik der Münchner Freiheit sei Beispiel genug, um unser Erstaunen auszudrücken. Wir lasen gemeinsam in dem Buch WIR von Jewgeni Samjatin. Danach haben wir das Baden im Río Paraná ausprobiert. Einen richtig sauberen Eindruck macht er ja nicht, der Paraná. Das braune Sediment störte uns dabei weniger, als das Wissen darum, was so alles in diesen Fluss eingeleitet wird. Soweit oberhalb vom Delta bei Tigre sollte es aber gehen, mit dem Baden. Der Untergrund ist sandig und irgendwie rutschig, fast glitschig. Das Ufer ist sehr flach und auch hier galt, wer richtig nass werden will, muss sich hinlegen. Viele der Einheimischen sind gleich mit Klappstuhl angereist und sitzen stundenlang samt Stuhl im wannenwarmen Wasser. Dazwischen ankern kleine Motorboote. Eine ziemliche Idylle und das Baden ist auch ganz ok.

Fußball spielen am Balneario Waikiki auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Abends hatten wir in einem der Strandrestaurants, einem Parador, eine kleine Picada, da uns der Hunger gepackt hatte. Gesättigt machten wir uns auf den Weg zum Anleger. Um acht fuhren wir mit dem letzten, erwartungsgemäß vollbesetzten Boot zurück in die Stadt. In der Mitte des Bootes stapelten sich die mitgebrachten Sonnenstühle der Rosarinos. Ein herrlich skurriles Bild.

Volkssport Jogging

Zurück an Land machten wir uns auf den Weg zum Hostel, diesmal entlang der Küstenstraße, der Rambla Catalunya. Entweder waren wir zur falschen Zeit hier, oder das ist einfach nicht der Ort, um abends spazieren zu gehen. Es kam uns vor, als wären wir mitten in eine Art Volkslauf oder Marathon geraten. Ständig kamen aus allen Richtungen Horden von Joggern auf uns zu gerannt. Auf den Wiesen seitlich der Rambla gab es sogar noch mehr davon. In Gruppen oder einzeln machten die Läufer hier Dehnübungen oder waren anderweitig aktiv. Rosario ist die Stadt der Jogger. Eine Prise Lifestyle darf dabei natürlich auch nicht fehlen.

Ein Boot ankert auf der Insel im Río Paraná vor Rosario in Argentinien

Für das Abendessen hatten wir uns Zutaten für einen Salat besorgt, den wir in der Hostelküche zubereiteten. Dort war ordentlich Betrieb und es war außerdem viel zu warm und zu laut zum Essen, darum haben wir uns in den Innenhof zurückgezogen, wo außer uns nur noch zwei Kanadierinnen aus Vancouver saßen. Die beiden waren frisch aus Uruguay angekommen und standen erst am Beginn ihre Südamerikareise. Sie erzählten von ihren Plänen und wir hatten nicht den Eindruck, dass sie zu der Gruppe der „Destination-Hopper“ gehören, die in kürzester Zeit soviele Reiseziele wie möglich abhaken wollen. Da sich die eine etwas kränklich fühlte, zogen sie sich bald zurück und machten zwei Brasilianern Platz.

Reggaetón Argentino

Auch mit den beiden, Erick und André, kamen wir sofort ins Gespräch. Nach dem üblichen Smalltalk erzählten sie uns ein bisschen mehr über ihr Land und machten uns sehr neugierig auf Brasilien. Von Deutschland hatten sie bisher nur kitschige Stereotype im Kopf: Gutes Bier, in tausend Sorten, blonde Frauen, schnelle Autos und schlechtes Wetter. Und nein, in Deutschland trinkt man das Bier nicht lauwarm. Letzte Nacht waren die Jungs mit einer argentinischen Bekannten in einen Club in Rosario unterwegs. Sie waren total begeistert vom Reggaetón, der dort gespielt wurde und in Argentinien total angesagt ist. Wie mischt man denn Reggae, Merengue, Hip-Hop und Dancehall so zusammen, dass man dazu in einem Club tanzen kann? Klang echt spannend, was sie berichteten. Erick und André klärten uns außerdem über die deutlichen Unterscheide der Musikszenen beider Nachbarländer auf. Während die Musik in Brasilien viel internationaler ausgerichtet ist, hört man in Argentinien fast ausschließlich Einheimisches oder andere spanischsprachige Künstler. Wir erfuhren noch eine ganze Menge über die brasilianische Art zu leben und haben uns einige Zeit später verabschiedet. Der Abend mit den beiden hat uns viel Spaß gemacht.

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In den Fluten des Río Iguazú

Unser letzter Tag in Puerto Iguazú war angebrochen. Also mussten wir unsere sieben Sachen packen und freuten uns, dass wir nur das Nötigste dabei hatten. So ging alles ziemlich stressfrei. Danach haben wir in aller Ruhe gefrühstückt und anschließend ausgecheckt. Am Busterminal wollten wir uns Tickets für den späten Abend nach Rosario besorgen. Wir hatten geplant, so spät wie möglich zu fahren, sodass wir noch den ganzen Tag im Nationalpark verbringen konnten. Es stellte sich jedoch heraus, dass der letzte Bus bereits um 17 Uhr abfahren würde. Keine der zahlreichen Busgesellschaften hatte eine spätere Abfahrt im Programm. Die Zeit reichte trotzdem für einen weiteren Abstecher in den Nationalpark. Da die meisten Busgesellschaft nur cash akzeptieren, mussten wir vorher noch der Bank einen Besuch abstatten. Unser letztes Bargeld hatten wir im Hostel gelassen und so brauchten wir vor dem Kauf der Tickets erneut efectivo. Hatten wir schon erwähnt, dass in Puerto Iguazú bargeldlos so gut wie gar nichts geht?

Blick in die Garganta del Diablo im Parque Nacional Iguazu in Argentinien

Blick auf den Salto Mbigua im Parque Nacional Iguazú in Misiones, Argentinien

An der Bank angekommen, hieß es dann erstmal anstehen und warten. Scheinbar heben die Argentinier gerne jeden Tag Geld ab oder sie lieben es einfach, in der Schlange zu stehen. Ich glaube hier trifft beides zu, denn viele hoben nur Kleinstbeträge ab. Außerdem haben wir jeden Tag, den wir an der Bank vorbei liefen, lange Schlangen vor den Geldautomaten gesehen. Die Argentinier sind sehr diszipliniert, wenn es darum geht, in einer Schlange anzustehen. Es wird nicht gemeckert, es wird nicht gedrängelt und es wird auch nicht gegängelt. So waren wir auch schon bald dran und konnten Geld ziehen. Zurück am Busterminal haben wir die Tickets nach Rosario gekauft und los ging es in den Parque Nacional Iguazú. Zuvor sind wir noch unser überflüssiges Gepäck in der Gepäckaufbewahrung losgeworden. Wir hatten alles so gepackt, dass wir nur mit einem Rucksack im Park unterwegs sein würden. Darin befanden sich unsere Badesachen und eine große Wasserflasche. Badesachen deshalb, weil heute die Badestelle auf der „Isla San Martín“ fest auf unserem Plan stand. Bei unserem ersten Besuch am Donnerstag war es, als wir im Park ankamen, dafür leider schon zu spät dafür. Also wollten wir es heute nochmal versuchen. Baden ist das, was wir bei den subtropischen Temperaturen hier besonders vermissten. Unser Hostel hatte leider keinen Pool und so war die kalte Dusche in den letzten drei Tagen unser bester Freund.

Kaltes klares Wasser: Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Auf einen Bus in den Park mussten wir nicht lang warten und so waren wir bereits kurz vor 12 Uhr da. Es war ziemlich voll an der einzig geöffneten Kasse. Es scheint hier mehr Personal zum Kontrollieren und Abreißen der Karten als Kassierer bzw. Kassen zu geben. Das Verhältnis war 6:1. Besonders geschäftstüchtig sind die Argentinier wirklich nicht, aber das macht sie so unheimlich liebenswert und sympathisch. Wenn man erstmal in dem gemächlichen argentinischen Tempo angekommen ist, kann man sich über die Hektik und den Stress in Deutschland nur noch wundern und mit dem Kopf schütteln. Das Motto aus dem Dschungelbuch: „Probier´s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit…„, scheint man hier wortwörtlich zu nehmen. Vielleicht hat sich aber auch Balu der Bär die Inspiration zu seinem Lied in Argentinien geholt. Wer weiß… 😉

Nasenbären auf dem Sendero Verde im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Heute wollten wir keine Zeit mit der quälenden Schmalspurbahn verschwenden und sind zu Fuß das kurze Stück zum Paseo Inferior gelaufen. Das geht wesentlich schneller! So ziemlich am Anfang des Sendero Verde (Grüner Pfad) begegnete uns auch gleich eine ganze Nasenbärkolonie. Die putzigen Tierchen haben sich so sehr an den Menschen gewöhnt, dass sie einem sehr nahe kommen. Ihre natürliche Scheu haben sie komplett verloren, so konnten wir die neugierigen Tiere aus nächster Nähe beobachten. Wer hier allerdings wen beobachtet, ist die Frage. Die Nasenbären behielten die potentiellen Nahrungsspender die ganze Zeit im Auge. Einige Touristen konnten es trotz der Warnungen nicht lassen, die Tiere zu füttern. Diese strömten daraufhin rudelweise von überall her und schnappten in der Hoffnung auf mehr nach den Taschen der Touristen. Dummheit bleibt eben nicht lange ungesühnt. Wir zogen weiter und erfreuten uns am Spaziergang auf dem schattigen Dschungelpfad. Wir sahen zahlreiche Tiere und Pflanzen entlang des Weges und liefen vorbei an handtellergroßen Schmetterlingen, deren Schönheit nur von den Blüten, nach denen sie Ausschau hielten, übertroffen wurde. Ein faszinierendes Ökosystem!

Gelbe Blüte im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Schließlich kamen wir lange vor der Schmalspurbahn an dem „Bahnhof Cataratas“ an. Gleich dahinter beginnt der Paseo Inferior, der Trail, der uns ans Ufer des Río Iguazú und die Anlegestelle des Bootes zur Isla San Martín bringen würde. Von dort fährt ein Boot im 10-Minuten-Takt auf die Insel. Wir kamen viel langsamer voran als wir dachten, denn wir wurden wie die Tage zuvor von immer neuen und immer anderen Blickwinkeln auf die Wasserfälle aufgehalten. Die Iguazú-Fälle gehören garantiert zu den am häufigsten fotografierten Plätzen der Erde. Bei den Fotoperspektiven, die einem hier ständig geboten werden, mag das auch kaum verwundern. Über Stock und über Stein ging es letztlich abwärts zum Ufer des Flusses. Der Abstieg über Steintreppen und schmale Wanderpfade war beschwerlich und langwierig. Immer wieder kamen uns Touristen auf dem sehr engen Weg entgegen. Zwischendrin standen Menschen, die einfach Pause machten, sich ausruhten und die atemberaubende Natur bestaunten. Endlich erreichten wir den Bootsanleger. Die geniale Idee mit der Badestelle auf der Isla San Martín hatten außer uns noch viele andere Besucher. So hieß es erneut: Join the queue!

Warten auf die Überfahrt zur Isla San Martín im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Nachdem wir uns in die Schlange eingereiht hatten, ging es nur schleppend vorwärts. Es war unglaublich heiß und ausgerechnet hier gab es keinen einzigen Baum oder Strauch, der Schatten spenden konnte. In der prallen Sonne standen wir auf den Stufen hinab zum Anleger und warteten, warteten und warteten. Uns lief das Wasser aus allen Poren und zum ersten Mal in der ganzen Zeit war uns die Hitze zu viel. Das Boot zur Insel nahm zu jeder Überfahrt genau 18 Personen mit und keine mehr. Nach mehr als 30 Minuten war es dann endlich soweit. Viel länger hätten wir es in dieser Hitze auch nicht mehr ausgehalten. Nach der kurzen Überfahrt (die übrigens im Eintrittspreis enthalten ist) sind wir sofort im Río Iguazú baden gegangen. Die Abkühlung war bitter nötig! Das Wasser war sauber und erfrischend, man konnte aber nur knietief hinein. Wenn man überall nass werden wollte, dann musste man sich hinlegen. Das Ufer des Flusses ist sehr steinig und die Strömung heftig. Das erklärt die geringe Tiefe, die fürs Baden freigegeben ist. Und so lagen wir in großartiger Kulisse eine ganze Weile zusammen mit anderen Touristen bis zum Hals im Wasser. Ein wirklich tolles Erlebnis, so umzingelt von Wasserfällen zu baden!

Badestelle auf der Isla San Martín im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Isla San Martin mit Blick auf den gleichnamigen Wasserfall im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Baden ist aber längst nicht alles, was man auf dem kleinen Eiland machen kann. Auch hier kann man entlang eines Wanderpfades die Aussicht auf die Fälle vertiefen und die Natur erkunden. Um uns vor der Hitze zu schützen, haben wir unsere T-Shirts wieder angezogen und sind nochmals mit Klamotten ins Wasser gegangen. Die Verdunstungskühle beim Trocknen der Sachen sollte uns helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Um den Pfad auf dem Plateau der Insel zu erreichen, hieß es wieder Treppen steigen. Oben angelangt wurden wir sogleich von Leguanen und bunten Vögeln begrüßt. Der Pfad führte uns einmal um die gesamte Insel und schließlich zu einer Aussichtsplattform mit fantastischem Blick auf den Salto San Martín. Der Geräuschpegel ist hier immens. Die Ausflugsboote, die bis ganz an den Fuß des Wasserfalls heranfahren, sehen von oben aus wie kleine Nussschalen, die scheinbar willenlos in den tosenden Fluten tanzen. Wenn man sich vorstellt, dass es bis weit in die 1930er Jahre möglich war, das Spektakel auch direkt von oben, von der Abbruchkante, zu erleben, wird einem ganz schummrig. Man konnte sich damals von einem Einheimischen bis an die Kante rudern lassen, um dann todesmutig in den Abgrund zu spucken. Dass das früher oder später schief gehen musste, war klar, und so sind diese lebensmüden Fahrten seither verboten.

Blick auf den Salto Escondido im Parque Nacional Iguazu in Argentinien

Isla San Martin im Iguazú Nationalpark in Argentinien

Auf dem Rückweg zum Anleger des Shuttle-Boots haben wir dann noch eine ganze Weile dem Spiel einer Tukan-Familie zugesehen. Die Natur ist wirklich unbeschreiblich schön, bunt und artenreich. Ich will nicht wissen, was nach Einbruch der Dunkelheit hier los ist. Langsam mussten wir uns aber losreißen. Spätestens bis 15 Uhr sollten wir den Park verlassen haben, um unseren Bus nach Rosario zu schaffen. Während wir auf das Boot warteten, haben wir uns nochmal die inzwischen abgetrockneten Klamotten nass gemacht. Angekommen auf der anderen Seite des Flussarmes hatten wir leider keine Zeit mehr für die Fototapeten links und rechts des Weges, sondern eilten direkt zum Ausgang.

Blick in den Schlund des Teufels im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

An der Haltestelle vor dem Parkeingang stand dann zum Glück auch der Bus, der uns rechtzeitig nach Puerto Iguazú brachte. So hatten wir noch ausreichend Puffer bis zur Abfahrt nach Rosario. Den würden wir brauchen, um Essen und Trinken für die Fahrt zu kaufen. Auf den Service im Bus wollten wir uns lieber nicht verlassen, da wir nur normale Holzklasse gebucht hatten. Der Supermarkt am Busterminal hatte allerdings geschlossen. Verwöhnt durch die Öffnungszeiten in Baires haben wir mit derartigen Störungen gar nicht gerechnet. Naja es war Sonntag, was will man erwarten? Zum Glück würde der Minimercado in einer halben Stunde wieder öffnen. Ziemlich knapp zwar, aber verhungern will man ja auch nicht. Wir beschlossen also, dass einer die Last-Minute Einkäufe macht, während der andere schon mal das Gepäck auslöst. Am verwaisten Busterminal war auch tote Hose und man konnte quasi die Grillen zirpen hören. An der Gepäckaufbewahrung begrüßte mich dann zu allem Übel ein Zettel: „Bin gleich wieder da!“ ‒ Bin gleich wieder da? Das kann in Argentinien fast alles bedeuten: Bin nur kurz auf Klo oder komme morgen wieder. Also von fünf Minuten bis zu einer Ewigkeit ist alles drin. Mit einem Schlag war meine hitzebedingte Müdigkeit wie weggeblasen und ich überlegte mir, wie ich die Frau wohl ausfindig machen könnte. Wegen sowas den Bus zu verpassen, wäre echt blöd gewesen. Die ganze Aufregung war aber gar nicht nötig, denn nur kurze Zeit später kam die „junge Dame“ in argentinischer Ruhe um die Ecke geschlendert.

Rosario, wir kommen!

Punkt 17 Uhr saßen wir als erste und einzige völlig erledigt im Bus. Nur allmählich trudelten die anderen drei Fahrgäste ein und es ging los. Die drei Backpacker waren in puncto „argentinisches Tempo“ schon einen Schritt weiter als wir. Dieser Doppelstockbus war wesentlich angeranzter und längst nicht so bequem wie unser letzter, aber immer noch besser als alles was ich an Reisebussen aus Europa kenne. Der untergehenden Sonne entgegen, mit dem aufgehenden Mond hinter uns fuhren wir zurück nach Süden. Bei einem Halt an einer Mautstelle irgendwo in Misiones kamen wir in eine Polizeikontrolle. Nach einer sehr kurzen Inspektion unserer Pässe und Rucksäcke ging es auch schon weiter. Mittlerweile war es dunkel geworden, das Essen wurde uns in die Hand gedrückt und das Unterhaltungsprogramm begann. Das alles interessierte uns wenig, wir wollten lieber unsere Erinnerungen auf Papier festhalten. An unseren Plätzen war leider das Licht defekt und so haben wir uns einfach umgesetzt. Gegen 22 Uhr hielt der Bus in Posadas. Wir kauften uns ein paar Empanadas und stiegen wieder ein. Schließlich wurden wir müde und wollten uns schlafen legen. Wir klappten die Sitze nach hinten und mussten feststellen, dass uns das Kondensat der Klimaanlage ins Gesicht tropfte. Also sind wir zurück auf unsere ursprünglichen Plätze. Dort stank es aber inzwischen bestialisch nach Abgasen und es war unsicher, ob wir auf diesen Sitzen am nächsten Morgen auch tatsächlich wieder aufwachen würden. Am Ende haben wir in der Sitzreihe vor uns einen angemessenen Schlafplatz gefunden…

Mond über der Ruta 12 in Misiones in Argentinien

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Ländergrenzen und andere Konzepte von gestern

Unsere Hoffnung hat sich erfüllt und ein neuer heißer und subtropischer Tag wartete auf uns. Die Klimaanlage hatten wir die letzte Nacht gar nicht erst an gemacht, da es ausreichend kühl zum Schlafen im Zimmer war. Doch heute Morgen, als wir erwachten, war es bereits so stickig, dass wir in unserem eigenen Schweiß lagen. Nach der kalten Dusche haben wir das Frühstück im Hostel ausprobiert. Normalerweise ist das Frühstück in Hostels nicht zu gebrauchen, aber dieses war unerwartet gut. Es gab einen großen Brotkorb voll mit kleinen Brötchen und diversen Facturas (Schweineöhrchen, Blätterteigbatzen, Medialunas etc.). Dazu gab es Kaffee, Butter und Marmelade bzw. Dulce de Leche. Wegen des herrlichen Wetters haben wir unseren Aufenthalt im Hostel für eine Nacht verlängert, um unseren ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen. Wir wollten in den Iguaçu-Nationalpark, diesmal in den auf der brasilianischen Seite. Pedro vom Empfang des Hostels empfahl uns, ein Taxi dorthin zu nehmen, weil es dann mit der Einreise schneller gehen würde und wir so mehr Zeit für den Park hätten.

Aussichtsplattform mit Blick auf den Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Grenzerfahrung

Wir sind also erstmal zum Busterminal und haben uns nach einem Taxi erkundigt. Dieses sollte 80 Peso kosten, und wer weiß was da noch so alles hinzu kommt, wenn man erstmal im Taxi sitzt. Eine natürliche Skepsis beim Taxifahren in Lateinamerika ist ratsam! Die Idee mit dem Taxi nach Brasilien zu fahren, war uns von Anfang an unsympathisch. Den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen ist einfach viel näher dran am Alltag und den Menschen. Also haben wir beschlossen, es ohne Taxi zu versuchen. Da gibt’s wesentlich mehr zu erleben. Der Linienbus nach Foz do Iguaçu stand dann auch schon zur Abfahrt bereit. Wir mussten nur noch einsteigen und 3 Peso pro Person bezahlen. Die Grenze lag gleich am Stadtrand, viel näher als ich erwartet hatte. Dort mussten erstmal alle aussteigen und die Ausreiseformalitäten durchlaufen. Nachdem alle ihren argentinischen Ausreisestempel im Dokument hatten, ging es mit demselben Bus über die Brücke über den Río Iguazú zur brasilianischen Grenzstation.

Salto Rivadavia und Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Dort hieß es dann wieder aussteigen, um diesmal die Einreisestempel für Brasilien zu bekommen. Dabei gab es keinerlei Schwierigkeiten. Nervig ist die ganze Prozedur trotzdem, u.a. weil der Bus weiterfährt und man auf den nächsten warten muss. Grenzen sind schon ein absurdes Konstrukt, an denen Menschen zu Ausländern gemacht werden. Auf den Bus zur Weiterfahrt mussten wir nicht lange warten, höchstens 10 min, und unser Ticket war weiter gültig. Gleich an der nächsten Haltestelle nach der Grenze sind wir wieder ausgestiegen, um auf der anderen Straßenseite mit einem anderen Bus in Richtung Aeroporto / Parque Nacional do Iguaçú zu fahren. So erspart man sich den Weg in die Stadt und hierher zurück. Nach genau einer Stunde und 20 Minuten kamen wir im brasilianischen Nationalpark an. Die Einreise mit dem Bus verlief total easy und unkompliziert. Ein Taxi hätte uns höchstens 20 Minuten erspart. Diese Ersparnis steht allerdings in keinem Verhältnis zu dem Erlebnis der Busfahrt und den gewonnenen Erkenntnissen über die öffentlichen Verkehrsmittel im Grenzgebiet.

Busfahren auf Brasilianisch nach Foz do Iguaçu in Brasilien

Benvindo, Bienvenido und Willkommen

Das Parkgelände macht einen viel moderneren und großzügigeren Eindruck als auf der argentinischen Seite. Der Eintritt ist billiger und man kann die 21,15 Reais (knapp 7 EUR) mit EC-Karte bezahlen. Am Einlass wurden wir überraschenderweise mit „Hallo“ und „Viel Spaß“ begrüßt. Auf den Karten war nämlich vermerkt, das wir Deutsche sind. Die Fortbewegung im Park erfolgt ausschließlich mit Bussen. Die Entfernungen sind deutlich größer als die im argentinischen Nationalpark. Zu Fuß kann man gar nichts erreichen. Als erstes wollten wir natürlich die Fälle sehen und sind bis zur vorletzten Haltestelle gefahren. Hier beginnt der Wanderweg, der einen mit Dauerpanoramen auf die Wasserfälle verwöhnt.

Blick aus Brasilien in die Garganta del Diablo im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Am Beginn des Wanderpfads begegnete uns auch gleich ein Nasenbär. Diese Tiere sehen total putzig aus, trotzdem ist Vorsicht geboten. Nasenbären können ganz schön aggressiv werden, wenn sie sich bedrängt fühlen. Dass man sie nicht füttern soll, versteht sich ja von selbst. Nach nur wenigen Metern bietet sich dann auch schon der erste Panoramablick auf die Fälle. Hier bleibt einem zum ersten Mal die Spucke weg! Egal wie nah man den Fällen in Argentinien kommt, ihre schiere Größe kann man nur von dieser Seite erahnen. Wie es halt so ist: Der mit dem schönsten Haus sieht am wenigsten davon. So auch hier: Argentinien hat zwar den größeren Teil der Fälle auf seinem Territorium, aber die spektakulärsten Sichten hat man von Brasilien aus. Es ist also unbedingt empfehlenswert, sich beide Seiten anzusehen. Da es wiedermal sehr heiß war, klebten nach kurzer Zeit die Klamotten am Körper. Hut ab vor den Leuten, die hier in langen Jeans rumrennen! Der Wanderpfad führt einen immer dichter und dichter an die Wasserfälle und eröffnet einen spektakulären Blick nach dem anderen. Den Höhepunkt bildet ein Besuchersteg, der auf halber Höhe an den Eingang der Garganta del Diablo führt. Auf allen Seiten tost das Wasser und fällt in die Tiefe. Die Gischt kann man hier von unten sehen, wird von ihr eingehüllt und nass gemacht.

Gischt zum Duschen am Steg oberhalb des Wasserfalls Santa Maria mit Blick in die Garganta del Diablo im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Erfrischende Gischt am Steg zur Garganta del Diablo im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Ich kann absolut nachvollziehen, wie sich die Guaraní, die Ureinwohner, die Entstehung der Wasserfälle erklärt haben: Einer ihrer Krieger, Caroba, war in die Frau eines Waldgottes verliebt. Die junge Naipur erwiderte diese Liebe und eines Tages beschlossen die beiden, flussabwärts mit einem Kanu zu fliehen. Der Waldgott bemerkte die Flucht jedoch und wollte sie aufhalten. Mit göttlicher Kraft senkte er das Flussbett ab. Die Fluten schlugen über Naipur zusammen und sie kam ums Leben. Als Fels steht sie nun für ewig am Fuße der Wasserfälle. Caroba hatte auch kein Glück. Er wurde in einen Baum verwandelt und musste fortan auf die zu Fels gewordene Geliebte schauen.

Salto Lanusse im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Nass und erfrischt zurück vom Steg haben wir am Ende des Pfades den Fahrstuhl auf die obere Besucherplattform genommen. Auch hier bieten sich wieder neue Aussichten auf das großartige Naturschauspiel und es fällt schwer, sich davon zu lösen. Wir wollten aber noch den Dschungel sehen und sind zu einer der anderen Haltepunkte an der Parkstraße aufgebrochen. Von dort geht der „Poço Preto“-Trail los. Diese ca. 4 stündige Wanderung führt einen durch den Dschungel direkt an das Ufer des Río Iguazú, von wo es mit einem Boot weiter flussabwärts geht. An einer anderen Stelle kommt man dann wieder an Land und zurück zur Straße. Ein Dschungel-Parcours sozusagen. Das klang sehr vielversprechend.

Steg an den Schlund des Teufels im Parque Nacional do Iguaçu in Brasilien

Besucherplattform_am_Salto Floriano im Parque do Iguaçu in Brasilien

Als wir jedoch gegen 16 Uhr dort ankamen, war der Trail bereits geschlossen. Leider sind diese wichtigen Informationen über Schließ- und Öffnungszeiten der verschieden Attraktionen nur schwer zugänglich. Auf der Karte, die wir am Eingang erhalten haben, stand jedenfalls nichts davon. Es blieb uns noch die Möglichkeit, wieder eine Busstation zurück zu fahren und unser Glück an einem anderen Trail zu versuchen. Dort angekommen, hätten wir auch noch an einer Tour teilnehmen können. Ob sich das lohnen würde, blieb jedoch völlig unklar. Die meiste Zeit würde man eingepfercht in einem Elektrowagen durch den Dschungel chauffiert. Bis auf einen ca. 600m kurzen geführten Fußmarsch und eine Bootsfahrt an die Wasserfälle versprach der Trail wenig Abenteuer und Entdeckungen. Es roch nach einer klassischen Touristenfalle. Wir hatten kein großes Interesse an dieser Ausfahrt und wollten die knapp 100 Euro pro Person lieber für etwas ausgeben, was uns mehr Spaß machen würde. So langsam erklärt sich auch der günstige Eintritt. Für jeden Trail und für jede Attraktion wird man auf brasilianischer Seite kräftig zur Kasse gebeten. Der einzig kostenfreie Wanderpfad, war der an die Garganta. Eigentlich schade, dass die Natur unter dem Vorwand des Naturschutzes so kommerzialisiert wird. Auf der argentinischen Seite ist das besser und man kann mehr von der Natur erleben ohne weitere Kosten. Wir beschlossen, den Park zu verlassen und stattdessen noch Foz do Iguaçu anzuschauen.

Salto Rivadavia und Salto Tres Mosqueteros im Parque Nacional Iguazú in Argentinien

Stippvisite in Foz do Iguaçu

Die Fahrt in die Stadt dauerte recht lange, aber so hatten wir genügend Muse, die an uns vorbeiziehenden Örtlichkeiten zu studieren. Brasilien ist schon anders als Argentinien oder Uruguay. Nicht nur durch die Sprache. Auf dem Weg zum Busterminal haben wir z.B. etliche Biergärten gesehen, die haargenau einem deutschen Biergarten entsprachen. Die nannten sich sogar „Biergarten“. Die Fahrt bis zur Endstation am Busterminal hätten wir uns eigentlich sparen können, denn dort gibt es nichts zu sehen. Man steigt besser früher aus, dort wo die Biergärten sind. So liefen wir also die halbe Busstrecke wieder zurück. Foz do Iguazçu scheint über eine ziemlich große arabische Minderheit zu verfügen. Überall gab es Schawarma und Döner. Wie man das bei der Hitze essen kann, bleibt eines von vielen brasilianischen Geheimnissen.

Salto Floriano an der Garganta del Diablo im Parque do Iguaçu in Brasilien

In einer Farmacia haben wir uns Apres Sun Lotion besorgt, um unsere verbrannten Arme einzucremen. Irgendwann an der Straße, in der Nähe des Rathauses, fanden wir auch eine Touristeninformation, bei der wir uns über die touristischen Attraktionen von Foz do Iguaçu erkundigen wollten. Neben fließend Spanisch wurde hier auch gutes Englisch gesprochen. Die Wahrscheinlichkeit, auf jemanden zu treffen, der Englisch spricht, ist in Brasilien sehr hoch. Das kann man nicht genug hervorheben. Vielleicht liegt das daran, dass die Landessprache Portugiesisch nicht sehr verbreitet ist. Bemerkenswert war, dass die Dame frei heraus meinte, dass es hier eigentlich nichts zu sehen gäbe. Eventuell wäre der große Paraná-Staudamm von Interesse, der insbesondere bei Dunkelheit sehenswert sei. Dann machte sie uns auf ein kleines Problem aufmerksam, nämlich, dass der letzte Bus nach Argentinien in ca. 5 Minuten, kurz vor 19 Uhr, von der Bushaltestelle gegenüber der Touristeninformation abfahren würde. Später kommt man dann nur noch mit einem Taxi rüber. Damit war unser brasilianisches Abenteuer auch schon fast zu Ende.

Stadtansicht mit Bus von Foz do Iguaçu in Brasilien

So weit die Füsse tragen…

Nur Augenblicke später saßen wir im Bus zur Grenze. Auf der Fahrt fiel uns noch eine große Werbetafel für eine Wäscherei auf. An dieser hing tatsächlich richtige Wäsche und flatterte fröhlich im Wind. Das nenn‘ ich mal plastische Werbung! An dem brasilianischen Grenzposten hätte der Busfahrer wohl erst gar nicht angehalten, hätten wir ihn nicht laut rufend dazu aufgefordert. Wir wollten die Ein- und Ausreiseregularien dieser Staaten aber lieber nicht missachten. Ein fehlender Ausreisestempel kann bei einem späteren Einreiseversuch leicht als Überziehung des 90-Tage-Visums interpretiert werden. Wir haben auch davon gehört, dass Touristen in Paraguay mit empfindlichen Strafen rechnen müssen, wenn sie ohne argentinischen Ausreisestempel im Pass angetroffen werden. Das gleiche ist für die beiden anderen Länder auch anzunehmen. Also sind wir raus aus dem Bus und rein in den Grenzposten. Anders als bei der Einreise wartete dieser Bus jedoch nicht bis wir fertig waren, und so standen wir an der Grenzstation in dem Bewusstsein, dass uns wohl gerade der letzte Bus weggefahren ist. Wir überlegten, ob wir ein vorbeifahrendes Taxi anhalten, trampen oder einfach die paar hundert Meter zur argentinischen Seite zu Fuß gehen sollten. Wir entschieden uns für das letztere und machten uns auf den Weg. Es dauerte nur wenige Minuten und uns wurde klar, dass wir den Weg total unterschätzt hatten. Nach jeder Biegung hofften wir endlich an die Brücke zu kommen, aber diese kam und kam nicht. Da wir keine andere Wahl hatten gingen wir immer weiter und hofften noch bei Tageslicht anzukommen. Die Vorstellung, im Dunkeln zwischen zwei Staaten umherzuirren, war nicht sehr verlockend. Da kam sie endlich!

Internationale Grenze zwischen Argentinien und Brasilien

Gleich nach der Brücke ist auch schon der argentinische Grenzposten mit dem angeblich besten Duty-free Supermarkt des Kontinents. Uns trieb der Durst in diesen Shopping-Schuppen. Aber außer überteuerten Klamotten, Sonnenbrillen, Parfüm, legalen Drogen aller Art und Bausets für Bahlsen-Lebkuchenhäuser, gab es nichts zu kaufen. Nicht mal Wasser! Wer fällt eigentlich heute noch auf Duty-free Shops rein? Nach dieser Enttäuschung erledigten wir schleunigst die Grenzformalitäten und stellten erfreut fest, dass das Glück uns wieder treu war: Wir waren gerade rechtzeitig gekommen, um von einem Bus, der nach Puerto Iguazú fuhr, mitgenommen zu werden. Was lernen wir daraus? Der letzte Bus ist nie der letzte Bus! Einen halben Tag und vier neue Stempel im Pass später waren wir wieder zurück, glücklich und zufrieden und um viele Eindrücke reicher.

Río Iguazú als natürliche Grenze zwischen Argentinien und Brasilien bei Foz do Iguaçu

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Durch den Monsun

Ein heftiges Gewitter riss uns in den frühen Morgenstunden aus den Träumen. Es blitzte und donnerte. Der Regen war so stark, dass er auf dem Flachdach unseres Zimmers einen höllischen Lärm machte. Da wir so etwas in der Form noch nicht erlebt hatten, beschlossen wir trotz der Müdigkeit, uns den Wolkenbruch draußen anzusehen. Es muss noch sehr früh am Morgen gewesen sein, denn es war noch nicht ganz hell. Die Regentropfen waren so groß wie kleine Elefanten. Das Wasser wurde von der Kanalisation nicht mehr aufgenommen und schoss in wahren Sturzbächen die abschüssigen Straßen von Puerto Iguazú herunter. Es hatte sich auch merklich abgekühlt, aber kalt war es deswegen trotzdem nicht. Da wir noch sehr müde waren, konnte uns das Schauspiel nicht lange fesseln, und wir legten uns wieder hin und schliefen trotz des Trommelkonzerts auf dem Dach wieder ein. Irgendwie hatte der monsunartige Regen auch was Beruhigendes, Monotones.

Früüühstück…

Gegen 11 Uhr sind wir dann aus unserem Koma erwacht und mussten feststellen, dass der Regen kaum nachgelassen hatte. Trotzdem musste einer von uns nach draußen, um Frühstück zu besorgen. Der Regen ließ zwar manchmal ein wenig nach, aber nur, um dann kurz darauf umso stärker wieder loszulegen. So kam die Suche nach etwas Essbarem einem Vollbad gleich. Die zwei heißen Kaffees und diversen Facturas (Süße Teilchen) überlebten den Transport aber schadlos. Der Regen war genau so, wie man ihn sich im Dschungel vorstellt: Warm und heftig. Man könnte mit Shampoo und Seife bewaffnet auf die Straße gehen und duschen.

Wetterkarte der Unwettersituation in der Region Misiones in Argentinien

Plan B

Bis zum frühen Nachmittag hatten wir noch gehofft, dass es aufhören würde. Als es gegen 14 Uhr immer noch aus Eimern schüttete, gaben wir unsere Pläne, in den Nationalpark zu fahren, für heute endgültig auf. Wir haben uns daraufhin verschiedene Wetterprognosen im Internet angeschaut. Alle waren gleich entmutigend: Dauerregen für die nächsten Tage! Der Typ an der Rezeption des Hostels meinte allerdings, dass man sich hier auf die Prognosen nicht verlassen kann. Er sagte, dass bereits für die letzten fünf Tage Dauerregen vorhergesagt war, aber es erst heute anfing zu regnen. Zum Teufel mit den ganzen Prognosen, aber einen Plan B brauchen wir trotzdem! Falls es weiter so regnen sollte, würden unsere Iguazú-Pläne buchstäblich ins Wasser fallen. Also haben wir uns mit möglichen Alternativen beschäftigt. Zurück nach Buenos Aires zu fahren war keine Option. Bariloche war von hier einfach viel zu weit entfernt, denn dorthin wären wir zwei volle Tage im Bus unterwegs. Asunción, die Hauptstadt von Paraguay, wäre zwar leicht zu erreichen, aber die Wettervorhersage war genau die gleiche wie die für Puerto Iguazú. Was ist mit Brasilien? Schließlich befinden wir uns hier in einem Dreiländereck. São Paulo liegt in Reichweite und Interesse an der Megacity hatten wir beide. Im Internet hatten wir drei Busunternehmen und eine Fahrzeit von 14 Stunden recherchiert. Das ist absolut machbar. Und auf dem Rückweg würden wir dann hier nochmal unser Glück versuchen. Klingt gut!

Es war inzwischen schon 19 Uhr und hatte aufgehört zu regnen. Also haben wir uns am Busterminal um Tickets bemüht. Vom Busterminal in Puerto Iguazú fährt allerdings nur eine einzige Gesellschaft nach São Paulo, nämlich Crucero del Norte. Die anderen beiden Gesellschaften Pluma und Expresso Kaiowa fahren auf der brasilianischen Seite in Foz do Iguaçu ab. Bei Crucero del Norte gab es noch zwei Plätze, die jedoch im Bus verstreut lagen. Nachteil zwei war, dass wir zu einer unmöglichen Zeit in São Paulo ankommen würden, nämlich um 6 Uhr morgens. Nachteil drei, wir hätten alles in cash bezahlen müssen. Hier läuft alles über Bargeld! Das Hostel war schließlich auch noch nicht bezahlt und auch die wollen efectivo. Selbst im Nationalpark ist nur Bares Wahres. Wir haben zwar mittlerweise rausbekommen, das wir mehrfach pro Tag 300 Peso abheben können. Pro Transaktion sind dann aber gut 5 Euro fällig. Das größere Problem ist jedoch, dass man dann mit soviel Bargeld rumrennt. Die zweite Gesellschaft, Pluma, fährt zwar von der brasilianischen Seite, hatte aber wenigstens ein Verkaufsbüro in Puerto Iguazú, so dass wir für die simple Buchung nicht gleich nach Brasilien einreisen müssen. Die Tickets konnte man hier sogar mit Karte bezahlen. Pluma hatte aber für Sonntag auch nur noch Plätze mit einer sehr frühen Ankunft. Der Bus, der um 10 Uhr ankommt, hatte erst ab Montag wieder freie Plätze. Hinzu kam, dass wir dafür einen Termin am Donnerstag in Buenos Aires hätten verschieben müssen. Die ganze Aktion würde sich sonst nicht lohnen. Für eine simple Ticketanfrage bei Kaiowa hätten wir uns eine ca. 1,5-2 stündige Einreiseprozedur nach Brasilien aufgehalst. Da uns das alles zu umständlich erschien, haben wir die São Paulo Pläne wieder aufgegeben. So haben wir kurzerhand beschlossen, morgen nach Rosario zu fahren, sollte das schlechte Wetter anhalten. Dorthin gibt es täglich genügend Busse und Plätze.

Hafen von Puerto Iguazú in Argentinien

Dreiländereck

Da wir heute nicht mehr soviel anstellen konnten, blieb nur noch übrig, das Örtchen Puerto Iguazú zu entdecken. Als erstes sind wir zum Puerto, dem Hafen. Dort ist nicht viel los, eigentlich ist der Begriff Hafen schon zu hochgegriffen. Es ist nicht viel mehr als eine Anlagestelle, allerdings mit regelmäßiger Fährverbindung nach Foz do Iguaçu und Ciudad del Este. Der Hafen liegt deutlich unterhalb der Stadt. Auf den Straßen dorthin strömte noch immer das Wasser in Bächen in den Río Iguazú.

Blick auf den Río Iguazú vom Hafen in Puerto Iguazú in Argentinien

Plötzlich füllte sich eine Art Aussichtsplattform etwas oberhalb des Anlegers und aus allen Richtungen kamen Menschen. Dies ist wohl der Platz, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Wir sind aber weiter zum Dreiländereck, dem „Hito Tres Fronteras“ gelaufen. Hier begegnen sich, getrennt durch die Flüsse Iguazú und Paraná, die drei Länder Argentinien, Paraguay und Brasilien. Eine Art Obelisk in weiß und blau symbolisiert den Grenzstein auf argentinischer Seite. Als wir ankamen, war es schon dunkel und wir konnten die Lichter der drei Grenzstädte sehen. Richtige Städte sind eigentlich nur das brasilianische Foz do Iguaçu und Ciudad del Este, die am schnellsten wachsende Stadt Paraguays. Puerto Iguazú ist nicht mehr als ein größeres Dorf, aber gar nicht unsympathisch. Dort haben wir etwas mit Nachtaufnahmen experimentiert und über Belichtungszeiten gesprochen.

Blick auf Ciudad del Este in Paraguay und rechts daneben Foz do Iguaçu in Brasilien vom Hito Tres Fronteras in Puerto Iguazú in Argentinien

Eine Argentinierin aus BsAs hat das Treiben mitbekommen und uns in makellosem Deutsch angesprochen. Wir haben uns noch ein wenig mit ihr unterhalten, bis wir schließlich weitergezogen sind. Auf dem Weg zurück in die Stadt haben wir an einem Kiosk ein paar schöne Postkarten gekauft. Der Kioskbetreiber teilte uns bei der Gelegenheit gleich noch mit, dass Schalke 04 momentan auf dem 7. Tabellenplatz rangiert. Da war er offenbar besser informiert als wir. Zurück im Hostel haben wir uns nach Restaurants mit bargeldloser Zahlung erkundigt. Die beiden Typen vom Empfang übertrafen sich gegenseitig mit ihren Empfehlungen. Sehr gut gegessen haben wir letztlich in dem italienischen Restaurant „Il Fratello„.

In der Hoffnung, dass morgen die Sonne wieder scheint sind wir danach ins Bett gefallen.

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Wieviel Schmerz kann eine Kameralinse einfangen?

Heute wollten wir uns in erster Linie um unseren Ausflug nach Puerto Iguazú kümmern. Die großartigen Wasserfälle im Norden Argentiniens im Länderdreieck mit Brasilien und Paraguay müssen wir unbedingt sehen. Da aber zurzeit überall Hauptsaison ist, wurde uns empfohlen, lieber alles im Voraus zu buchen. Die Gefahr, kein Zimmer mehr zu bekommen, wollten wir im Dschungel lieber nicht eingehen.

Bevor wir jedoch die Unterkunft buchen und Bustickets besorgen konnten, waren noch so einige andere Dinge zu erledigen. Inzwischen war unsere Kleidung aufgebraucht, so dass wir nun unbedingt mal waschen mussten und Bargeld brauchten wir auch noch. In unserer Wohnung gibt es leider keine Waschmaschine, aber ganz in der Nähe, in der Independencia, gibt es einen vertrauenerweckenden, kleinen Waschsalon.

Die süße, kleine Wäscherei "Lav Telmo" in der Independencia 510 in Buenos Aires

Da gibt man einfach die Wäsche ab und holt sie später oder am nächsten Tag wieder ab. Im Laden haben wir uns dann mit Händen und Füßen mit der putzigen, älteren Dame verständigt und schließlich unsere Wäsche in Ihre Obhut gegeben. Morgen gegen 12 können wir sie dann abholen. Geschafft! Bezahlen müssen wir die Wäsche erst beim Abholen. Was für ein Glück, denn wir konnten bisher noch kein Geld ziehen obwohl wir mehrere Banken ausprobiert haben. Von halb drei bis halb vier machen die Banken einfach dicht. Dann werden die Geldautomaten wieder aufgefüllt, hat uns unsere Vermieterin erklärt. Gut zu wissen…

… und jetzt erstmal was essen

Da wir wie gesagt kein Bargeld hatten, blieb uns nichts anderes übrig, als uns nach einem Restaurant umzusehen, in dem man mit Kreditkarte zahlen kann. So sind wir flux ins „El Federal“ an der Ecke Peru und Carlos Calvos. Dort hatten wir einen anständigen Salat in einer Schale aus Brotteig. Im Menü dazu gab es noch ein Getränk nach Wahl und einen Café zum Abschluss.

Das El Federal an der Ecke Carlos Calvos und Peru

So gestärkt konnten wir uns nun um die Tickets kümmern. Da wir für die mehr als 1000 Kilometer ca. 17 Stunden unterwegs sein werden, wollten wir möglichst komfortabel Reisen. Daher kam nur ein Cama Suite (Super Cama) in Frage. Das ist die bestmögliche Art bequem zu reisen, so ähnlich wie Business Class im Flugzeug. Die anderen Kategorien sind zwar günstiger, aber total gerädert ankommen ist das einfach nicht wert.

Subte Linea C zum Bahnhof Retiro in Buenos Aires

Busterminal Retiro

Es gibt sehr viele Anbieter von Busreisen nach Iguazú und alle haben unterschiedliche Bezeichnungen für die Klassen im Bus. Man sollte also genauer hingucken, was man bucht. Am großen Busterminal in Retiro haben wir uns bei „Via Bariloche„, so heißt die von uns favorisierte Busgesellschaft, nach freien Plätzen erkundigt und wollten eine Art Suite buchen, in der sich der Sitz zu einem Bett ganz nach hinten klappen lässt. Man kann also einfach schlafen und morgens aufwachen und hoffentlich entspannt ankommen. Soviel zu unserem Plan. Für Dienstag war aber bereits alles ausgebucht, nur am Mittwoch gab es noch genau zwei Suiten. Die haben wir dann auch genommen und so fahren wir am Mittwochabend, quasi über Nacht, nach Puerto Iguazú.

Gewürzregale in einem Shop am Bahnhof Retiro

Für Dienstag haben wir dann auch gleich Nägel mit Köpfen gemacht und beschlossen nach Tigre ins Delta vom Río Paraná und Río de la Plata zu fahren. Nachdem das organisatorische erledigt war, sind wir zur nahen Plaza San Martín gelaufen, um dort in die Florida Straße shoppen zu gehen. Wir wollten nach kurzen Hosen schauen. Davon kann man bei dem heißen Wetter nicht genug haben. Die Florida ist eigentlich nicht wirklich gut zum Einkaufen geeignet, jedenfalls nicht für uns. Die ganze Meile wirkt wie aus den 1980er Jahren und so ist auch das Angebot da. In der Galeria Pacifico sind wir dennoch fündig geworden.

Aufmacher der Ausstellung "Vidas sitiadas" im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Und weil wir schon mal da waren haben wir nochmal einen Abstecher ins Centro Cultural Borges in den oberen Etagen gemacht. Dort gab es eine neue dokumentarische Fotoausstellung namens „Vidas sitiadas“. Wenn jemand weiß, wie man den Titel am besten übersetzt, möge er doch bitte einen Kommentar hinterlassen.

Ausstellung "Vidas sitiadas" im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Die Ausstellung drehte sich um die Darstellung menschlichen Schmerzes durch die Linse einer Kamera. So sah man beispielweise einen zusammengekrümmten, magersüchtigen jungen Mann in einem Krankenhausbett am Tropf. Oder Portraits von Patienten einer Psychiatrie, die jahrelang mit Psychopharmaka ruhiggestellt wurden. Auch ein Foto eines während der Militärdiktatur mehrfach inhaftierten Pfarrers war zu sehen. Man sah ihm die Verbitterung förmlich an. Die Fotos stimmten alle sehr nachdenklich und die Aufnahmen waren äußerst würdevoll und ästhetisch.

Opfer der argentinischen Militardiktatur

Auf dem Heimweg haben wir uns dann noch ein paar Sachen für den Dschungel besorgt, u.a. Antimückenlotion. Das Geld ist sicher sinnvoll investiert! Zuhause haben wir dann das Hostelzimmer gebucht. Die Verfügbarkeit eines Doppelzimmers war kein Problem, trotz Hochsaison und Karneval. Auf ein Mehrbettzimmer hatten wir beide keine große Lust. Nur wenn es gar nicht anders gegangen wäre.

Die Schauspielerin Maria auf einem Foto von Matias Sacchi Szaqii in der Ausstellung "Vidas Sitiadas" im Centro Cultural Borges

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Zeitzeugen

Am späten Nachmittag haben wir eine Fahrt mit der guten, alten U-Bahn der Linie A gemacht. Dieser Zug ist für mich ein Zeuge der alten Zeit. Sehr mondän muss es zugegangen sein im Buenos Aires Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Diese Linie war die erste U-Bahn auf dem südamerikanischen Kontinent. Eine Fahrt mit den Holzwagen, die noch ganz regulär fahren, gehört zum Pflichtprogramm in dieser Stadt. In Deutschland wäre ein Zug dieser Art heutzutage undenkbar. Die Türen lassen sich während der Fahrt öffnen und man kann den Kopf aus dem Fenster halten. Der TÜV würde hier wohl alle Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Alter U-Bahnwagen in der Subte Linea A in Buenos Aires

Wir sind an der Plaza de Mayo gestartet und bis zur Station Rio de Janeiro gefahren. Von dort wollten wir durch die Straßen zum Parque del Centenario laufen. Eigentlich hatten wir an dem Park gar kein Interesse. Wir waren aber grad mal in der Nähe und auf unserer BsAs Karte waren dort drei Sehenswürdigkeiten, u. a. ein Planetarium, eingezeichnet. Grund genug, da mal vorbei zu laufen. Dort angekommen empfing uns bereits laute Rockmusik und das erste, was wir sahen, war ein Skate- und BMX-Parcours. Auf einer Seite des Parcours waren Schlagzeug, Boxen und Verstärker aufgebaut. Der eigentliche Park lag dahinter und war wie üblich in BsAs umzäunt.

BMXer im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Skateboarding im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Hier aber scheint ein Treffpunkt für die alternative Szene zu sein. Auf den Mauern des Parcours saßen viele Jugendliche und schauten den Skatern beim Freestylen zu. Dazu wummerte Rockmusik aus den Boxen. An einigen Stellen lagen politische Plakate auf den Boden, die u.a. die Invasion Israels in Gaza verurteilten. Uns ist in Uruguay und Argentinien schon mehrfach aufgefallen, dass die israelische Gazapolitik zu heftigen Äußerungen auf Häusern, Plakaten und Bannern führt.

Rock im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Im eigentlichen Parkgelände ging es zu wie an einen Sonntag im Volkspark Friedrichshain. Viele junge Menschen auf den Wiesen am faulenzen und sehen und gesehen werden. Der obligatorische Matetee darf natürlich nicht fehlen. Im Zentrum des Parks befindet sich ein kleiner, künstlich angelegter Teich, um den die Tauben ihre Runden zogen.

Taubenplage im Parque del Cntenario in Caballito, Buenos Aires

Alles machte einen sehr entspannten Eindruck. Die Menschen hier genossen das tolle Wetter und hatten Spaß mit der Familie oder Freunden. Nichts Besonderes, Alltag eben. Da wir das Planetarium noch nicht gefunden hatten, sind wir einfach weiter durch den Park gelaufen. Auf der anderen Seite fand mal wieder eine Feria statt. Diese Ferias sind ein echtes ein Phänomen. Man kann sie schon gar nicht mehr zählen. Diese hier machte eher den Eindruck eines ganz normalen Flohmarktes. Vergleichbar mit dem am Boxhagener Platz in Friedrichshain, wie er früher war. Keine erkennbaren kommerziellen Händler. Es gab fast nur altes, gebrauchtes Zeugs: Postkarten, Fotos und Alltagsgegenstände.

Sonntags im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Dann standen wir plötzlich vor dem MACN, einem naturwissenschaftlichen Museum. Das Museum haben wir einfach mitgenommen, weil wir schon mal da waren. Das Interessanteste daran war auch schon das Gebäude. In der atemberaubenden Geschwindigkeit von 25 min haben wir uns alles angeschaut. Ungefähr 1000 tote Tiere, ausgestopft, skelettiert oder eingelegt. Es roch in dem Gebäude ziemlich nach Formaldehyd und Terrarium. Als wir wieder draußen waren, fanden wir dann auch das olle Planetarium. Es machte einen noch heruntergekommeneren Eindruck als das Museum, wer weiß aus welcher Zeit das stammt. Das interessante an dem Parque del Centenario ist ohnehin nicht das Planetarium oder das Museum, sondern der Eindruck, den man von den Anwohnern gewinnen kann. Wir haben noch eine ganze Weile unsere Gedanken schweifen lassen, nebenan spielte eine Gruppe Fußball und erzeugte auf dem trockenen Boden eine Staubwolke wie bei einem mittelschweren Hurrikan. Dann sind wir weiter.

Fussball im Parque del Centenario in Caballito, Buenos Aires

Unser nächstes Ziel war das Café Las Violetas an der U-Bahnstation Castro Barros. Unterwegs lernten wir das spanische Wort für obdachlos: sin techo. An einem stählernen Brückengeländer über eine Bahntrasse gab es unter dem Motto „Arte sin techoobdachlose Straßenkunst zu sehen. Das „Las Violetas“ ist eines dieser erhaltenswerten und per Gesetz geschützten Cafés (Café notable). Ein weiterer Zeitzeuge des Prunks von Buenos Aires aus einer längst vergangenen Epoche. Als wir dort nach relativ kurzem Fußmarsch ankamen, war es sehr, sehr voll. Der Doorman fand aber noch einen Platz für uns, von dem man das Geschehen im Café bestens im Blick hatte. Wir tranken Cappuccino Italiana (das „a“ ist übrigens kein Tippfehler, so steht’s auf der Karte) und aßen superleckeren Kuchen. Der Renner in dem Café ist aber so eine Art gemischte Platte, ultraviel Süßkram und dazwischen Herzhaftes.

Café Las Violetas in Buenos Aires

Es fällt einem immer wieder auf, dass man sich in manchen dieser Läden den Arsch abfriert und man dann ganz froh ist, wenn man wieder raus in die schwül-warme Stadt kann. Wir liefen noch entlang der Avenida Rivadavia bis zur Plaza Miserere und stiegen dort in die Subte Linea A.

Café Las Violetas in Buenos Aires

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Duchamp und Rrose Sélavy in La Boca

Heute stand La Boca und das wiedereröffnete PROA im Mittelpunkt des Tages. So sind wir am frühen Nachmittag mit dem Bus 29 dorthin gefahren. Laufen war diesmal keine Option, obwohl es nicht sehr weit von San Telmo ist. La Boca ist in Buenos Aires das, was die Altstadt in Montevideo ist: Tagsüber schon nicht ganz ungefährlich und nachts eine No-Go-Area. Der Bus dorthin ist außerdem viel bequemer und nach 15 Minuten ist man da, wo man eigentlich nicht hin will: Am alten, immer noch stinkenden Hafenbecken von La Boca.

El Caminito

Als erstes sind wir ein wenig durch „El Caminito“ und die angrenzenden Gassen gelaufen. Hier stehen buntgetünchte Häuser aus der Zeit, in der sich viele italienische und spanische Einwanderer in dieser Arbeitergegend niederließen. Die Bewohner malten die Wellblechwände ihrer Häuser mit der Farbe an, die beim Streichen der Frachtkähne übrig geblieben war. Hier wurde angeblich auch der Tango geboren.

El Caminito in La Boca Buenos Aires, Argentinien

Diese Buntheit und der Tango verhalfen La Boca zu unverhofftem Ruhm und machten es zu dem, was es heute ist: Ultratouristisch mit fadem Beigeschmack. Alles wirkt absurd und unwirklich, fast abstoßend. An jeder Ecke gibt es Tango-Shows und kitschiges Kunsthandwerk für die Touristen. Eine ganze Weile haben wir das Treiben auf uns wirken lassen.

Tango in La Boca Buenos Aires

Folkloretanz in La Boca Buenos Aires

La Boca macht einen sehr trostlosen Eindruck auf mich. Um an die Touristendollar zu kommen, wird einiges getan. Es stimmt schon, wenn man sagt, dass der Tango ein trauriger Gedanke ist, den man tanzen kann. Das Viertel missbraucht diesen Gedanken aber und lässt ihn sinnentleert wirken. Tango ist hier nur Mittel zum Zweck. Die Tänzer beklatschen sich selbst und die Touristen wirken gelangweilt. Gefangen in der Tangofalle!

Fundacíon PROA

La Boca ist kein Viertel, in dem man sich zu Hause fühlt. Das PROA steht in willkommenem Kontrast zu dem ganzen Mief. Im März letzten Jahres war das PROA noch verhüllt und im Umbau. Das moderne Gebäude erstrahlt jetzt wieder in unerwartetem Glanz. Es wurde von einem italienischen Architektenduo aufwendig saniert und erweitert. Man glaubt es kaum, dass so ein Gebäude hier in La Boca steht. Schon der Vorplatz ist mit sehr viel Liebe zum Detail neu gestaltet worden.

Kann man Werke machen, die nicht Kunst sind?

Der Platz wurde mit Hirnholz gepflastert und macht einen sehr warmen und einladenden Eindruck. Innen ist alles schlicht und elegant: Glas, Stahl, Sichtbeton und viel Holz. Es wirkt typisch spanisch oder italienisch. Ein schönes Detail sind die alten, angerosteten Stahlsäulen im Erdgeschoss, die wahrscheinlich noch vom ursprünglichen Gebäude stammen.

Fundacion PROA in La Boca Buenos Aires

Derzeit läuft eine Ausstellung über  Marcel Duchamp, mit der das PROA im November 2008 neu eröffnet wurde. Duchamp war ein Avantgardist, Tabubrecher und passionierter Schachspieler. Er ist viel zu facettenreich, um umfassend von mir beschrieben zu werden. Den meisten wird er als Urheber der „Ready-mades“ bekannt sein, oder durch den Satz: „Kann man Werke machen, die nicht Kunst sind?“

Saal 2 der Marcel Duchamp Ausstellung im PROA in La Boca Buenos Aires

Weniger bekannt ist vielleicht sein Alter Ego: Rrose Sélavy. Sie hatte ihr Debut in den 1920er Jahren und ist Ausdruck dessen, dass Erotik der wichtigste Faktor in seinem Werk war. Rrose Sélavy ist ein Wortspiel (Eros c’est la vie, zu deutsch: Eros ist Leben). Die Ausstellung war hervorragend gemacht. Zum Einstieg gab es einen Film über Duchamps Leben (sogar mit ENGLISCHEN Untertiteln), der die Ausstellung auch für Leute, die ihn noch nicht kannten, erschließbar machte.

Saal 1 Marcel Duchamp im PROA in La Boca Buenos Aires

Neben Original -Exponaten waren auch Reproduktionen ausgestellt. Nicht alle Werke von Duchamp sind erhalten. Duchamp legte darauf keinen Wert. 1964 autorisierte er jedoch die Reproduktion einiger seiner Ready-mades. Wir erfuhren auch, dass Duchamp 1918/19, in der Zeit seiner Schach-Manie, einige Monate in BsAs verbrachte. Es wundert also kaum, dass er sich vornehmlich mit der Perfektionierung seiner Schachkünste beschäftigte. So schnitzte er hier ein Schachfigurenset. Das sieht übrigens echt toll aus. Das Interesse an dem Museum ist sehr groß. Wir hatten zum Glück die beste Zeit erwischt, nach uns kamen die Besuchermassen.

Café im PROA in La Boca Buenos Aires

Wir haben uns dann in das stylische PROA-Café zurückgezogen und uns gestärkt. Es sah die ganze Zeit schon nach Regen aus, und als wir im Café saßen, begann es zu schütten. So fiel unser Besuch dort etwas länger aus. Abschließend kann man sagen, dass sich der Besuch des PROAs wirklich lohnt. Ich würde jederzeit wieder hingehen.

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