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Duchamp und Rrose Sélavy in La Boca

Heute stand La Boca und das wiedereröffnete PROA im Mittelpunkt des Tages. So sind wir am frühen Nachmittag mit dem Bus 29 dorthin gefahren. Laufen war diesmal keine Option, obwohl es nicht sehr weit von San Telmo ist. La Boca ist in Buenos Aires das, was die Altstadt in Montevideo ist: Tagsüber schon nicht ganz ungefährlich und nachts eine No-Go-Area. Der Bus dorthin ist außerdem viel bequemer und nach 15 Minuten ist man da, wo man eigentlich nicht hin will: Am alten, immer noch stinkenden Hafenbecken von La Boca.

El Caminito

Als erstes sind wir ein wenig durch „El Caminito“ und die angrenzenden Gassen gelaufen. Hier stehen buntgetünchte Häuser aus der Zeit, in der sich viele italienische und spanische Einwanderer in dieser Arbeitergegend niederließen. Die Bewohner malten die Wellblechwände ihrer Häuser mit der Farbe an, die beim Streichen der Frachtkähne übrig geblieben war. Hier wurde angeblich auch der Tango geboren.

El Caminito in La Boca Buenos Aires, Argentinien

Diese Buntheit und der Tango verhalfen La Boca zu unverhofftem Ruhm und machten es zu dem, was es heute ist: Ultratouristisch mit fadem Beigeschmack. Alles wirkt absurd und unwirklich, fast abstoßend. An jeder Ecke gibt es Tango-Shows und kitschiges Kunsthandwerk für die Touristen. Eine ganze Weile haben wir das Treiben auf uns wirken lassen.

Tango in La Boca Buenos Aires

Folkloretanz in La Boca Buenos Aires

La Boca macht einen sehr trostlosen Eindruck auf mich. Um an die Touristendollar zu kommen, wird einiges getan. Es stimmt schon, wenn man sagt, dass der Tango ein trauriger Gedanke ist, den man tanzen kann. Das Viertel missbraucht diesen Gedanken aber und lässt ihn sinnentleert wirken. Tango ist hier nur Mittel zum Zweck. Die Tänzer beklatschen sich selbst und die Touristen wirken gelangweilt. Gefangen in der Tangofalle!

Fundacíon PROA

La Boca ist kein Viertel, in dem man sich zu Hause fühlt. Das PROA steht in willkommenem Kontrast zu dem ganzen Mief. Im März letzten Jahres war das PROA noch verhüllt und im Umbau. Das moderne Gebäude erstrahlt jetzt wieder in unerwartetem Glanz. Es wurde von einem italienischen Architektenduo aufwendig saniert und erweitert. Man glaubt es kaum, dass so ein Gebäude hier in La Boca steht. Schon der Vorplatz ist mit sehr viel Liebe zum Detail neu gestaltet worden.

Kann man Werke machen, die nicht Kunst sind?

Der Platz wurde mit Hirnholz gepflastert und macht einen sehr warmen und einladenden Eindruck. Innen ist alles schlicht und elegant: Glas, Stahl, Sichtbeton und viel Holz. Es wirkt typisch spanisch oder italienisch. Ein schönes Detail sind die alten, angerosteten Stahlsäulen im Erdgeschoss, die wahrscheinlich noch vom ursprünglichen Gebäude stammen.

Fundacion PROA in La Boca Buenos Aires

Derzeit läuft eine Ausstellung über  Marcel Duchamp, mit der das PROA im November 2008 neu eröffnet wurde. Duchamp war ein Avantgardist, Tabubrecher und passionierter Schachspieler. Er ist viel zu facettenreich, um umfassend von mir beschrieben zu werden. Den meisten wird er als Urheber der „Ready-mades“ bekannt sein, oder durch den Satz: „Kann man Werke machen, die nicht Kunst sind?“

Saal 2 der Marcel Duchamp Ausstellung im PROA in La Boca Buenos Aires

Weniger bekannt ist vielleicht sein Alter Ego: Rrose Sélavy. Sie hatte ihr Debut in den 1920er Jahren und ist Ausdruck dessen, dass Erotik der wichtigste Faktor in seinem Werk war. Rrose Sélavy ist ein Wortspiel (Eros c’est la vie, zu deutsch: Eros ist Leben). Die Ausstellung war hervorragend gemacht. Zum Einstieg gab es einen Film über Duchamps Leben (sogar mit ENGLISCHEN Untertiteln), der die Ausstellung auch für Leute, die ihn noch nicht kannten, erschließbar machte.

Saal 1 Marcel Duchamp im PROA in La Boca Buenos Aires

Neben Original -Exponaten waren auch Reproduktionen ausgestellt. Nicht alle Werke von Duchamp sind erhalten. Duchamp legte darauf keinen Wert. 1964 autorisierte er jedoch die Reproduktion einiger seiner Ready-mades. Wir erfuhren auch, dass Duchamp 1918/19, in der Zeit seiner Schach-Manie, einige Monate in BsAs verbrachte. Es wundert also kaum, dass er sich vornehmlich mit der Perfektionierung seiner Schachkünste beschäftigte. So schnitzte er hier ein Schachfigurenset. Das sieht übrigens echt toll aus. Das Interesse an dem Museum ist sehr groß. Wir hatten zum Glück die beste Zeit erwischt, nach uns kamen die Besuchermassen.

Café im PROA in La Boca Buenos Aires

Wir haben uns dann in das stylische PROA-Café zurückgezogen und uns gestärkt. Es sah die ganze Zeit schon nach Regen aus, und als wir im Café saßen, begann es zu schütten. So fiel unser Besuch dort etwas länger aus. Abschließend kann man sagen, dass sich der Besuch des PROAs wirklich lohnt. Ich würde jederzeit wieder hingehen.

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Seremos tan felices en Buenos Aires – Wir sind so froh in Buenos Aires

Das war der Titel einer von sieben Ausstellungen, die wir uns heute im Centro Cultural Borges angesehen haben. Die Menschen, die auf den Bildern dargestellt waren, sahen aber alles andere als glücklich aus. Der Titel war wohl eher ironisch gemeint. Man sah Hausfrauen, die mit technischen Geräten kämpften, Fabriken, rauchende Schornsteine, Geschäftsleute in Schlips und Kragen oder Menschenmassen beim gleichgeschalteten Vergnügen in überfüllten Cafés. Eigentlich hatten wir gar nicht vor, heute ins CCB zu gehen. Aber alles der Reihe nach…

Galeria Pacifico in Retiro Buenos Aires

WLAN für alle

Der Tag begann damit, dass wir uns über die langsame Internetverbindung ärgerten. Wir nutzen momentan ein unverschlüsseltes WLAN von einem Copy-Shop bei uns um die Ecke. Das Surfen damit ist allerdings die reinste Qual! So bat ich Brenda (unsere Vermieterin), uns ihr WLAN aus der Galerie zugänglich zu machen. Wir hatten zwar schon alles, was wir für den Zugang brauchten, es funktionierte aber bisher trotzdem nicht richtig. Hinzu kommt, dass die Galerie um 19 Uhr schließt und dann auch das Netz weg ist. Brenda hat sich sowas wie einen Generalschalter gebastelt, damit auch wirklich alles aus ist, wenn sie geht. Ganz süß, aber für uns eher blöd. Wir konnten Sie überzeugen, wenigstens den Router anzulassen. Jetzt scheint alles zu klappen. So können wir einigermaßen schnell Sachen recherchieren oder bloggen. Bei der Gelegenheit haben wir sie gleich noch gefragt, was es mit der Kampagne „No al Tarifazo de los Kirchner!! No Pague La Luz“ auf sich hat. Die Plakate haben wir am Sonntag auf der Feria an vielen der Stände gesehen. Klar war, dass es um Strom ging und dass er wohl teurer wird. Brenda erzählte, dass die Regierung die Strompreise drastisch erhöht hat und der Strom nun mehr als das 3-fache kostet. Auch sei der Vermittlungsversuch eines Ombudmans gescheitert.

Centro Cultural Borges

Wir hatten uns also vorgenommen, der Defensa in nördlicher Richtung zu folgen und dann irgendwann mit dem Bus weiter in Stadtteil Palermo zu fahren. Ab der Plaza de Mayo heißt die Straße dann übrigens Reconquista. Der Hunger trieb uns allerdings bereits in Retiro in eine der interessanten Nebenstraßen (Tres Sargentos). In der BarBaroBar hatten wir dann ein sehr spätes Frühstück und Mittag. Und da wir bereits ganz in der Nähe der Galeria Pacifico waren, sind wir von unserem ursprünglichen Plan abgewichen und haben uns das noble Einkaufszentrum angeschaut. Im oberen Bereich des Shopping-Centers befindet sich das Centro Cultural Borges. Das CCB ist auf zeitgenössische Kunst spezialisiert und hat ständig wechselnde Ausstellungen. Manche kann man gratis ansehen und für andere muss man Eintritt bezahlen. Wir hatten keine Karten und konnten uns trotzdem alles anschauen. Jedenfalls wurden wir von niemandem aufgehalten, als wir durch die verschiedenen Ausstellungssäle gelaufen sind. Es waren außer uns auch nicht sehr viele Besucher unterwegs.

Austellung im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Am besten hat uns die Ausstellung „Objectos de mi pasión“ gefallen. Die Sammlung mit den Namen „Prólogo“ von Esteban Tedesco sollte die enge Bindung des Künstlers mit seinem Werk zeigen. Zu sehen gab es Installationen, Fotografien und Gemälde. Das „Back to the lost garden“ von Matías Duville würde ich auch in meine Kunstsammlung aufnehmen. 😉 Dieser hatte auf einer OSB-Platte eine völlig zerstörte Umwelt dargestellt. Die Spanplatte war nicht vollständig bemalt, an vielen Stellen war der raue Untergrund deutlich zu sehen. Zusätzlich wurden, wahrscheinlich nachträglich, einzelne Bereiche der Holzplatte mit einem Meisel bearbeitet und bemalte und nicht bemalte Stücke raus gebrochen. So entstand ein ziemlich aussagekräftiges Gemälde.

Back to the lost garden von Matias Duville [2008] im Centro Cultural Borges in Buenos Aires

Auch die bunte Installation mit kreisrunden Milchglasplatten von Graciela Hasper war sehr schön. Der Bezug zum Titel der Ausstellung wurde besonders deutlich bei den Fotografien von Rosanna Schoijett. Die Aufnahmen zeigen Künstler aller Couleur – Maler, Bildhauer, Aktionskünstler – vor ihren Werken. Hund und Herrchen, sozusagen.

Centro Cultural Borges - Installation von Graciela Hasper ohne Titel und Back to the lost garden von Matias Duville

Nachdem wir uns sattgesehen hatten, sind wir in die Escuela Argentina de Tango (Tango-Schule), die sich in den Nachbarräumen befindet. Wir wollten mal gucken, wie Leute Tango tanzen und haben dann Anfängern beim Lernen zugeschaut. Die Schule macht echt einen sehr angenehmen Eindruck. Der freundliche Mann vom Empfang hielt uns für Interessenten und präsentierte uns gleich die verschiedenen Angebote der Schule. Das ist übrigens gar nicht so teuer: Eine Stunde kostet hier 25 Pesos, nimmt man mehrere Stunden im Paket wird es billiger. Bei dem Überangebot an Tanzschulen in Buenos Aires geht das aber bestimmt noch günstiger.

Tangoschule im Centro Cultural Borges Buenos Aires

Retiro

Irgendwie verging die Zeit rasend schnell und es war schon wieder fast halb acht. Wir verließen das CCB in Richtung Plaza San Martin im Herzen von Retiro. Dort schlenderten wir durch den angrenzenden Park und ruhten uns aus. Hinter der Plaza, wo die Calle Florida beginnt, haben wir uns ein Dulce de Leche Diät-Eis gekauft. Das war total lecker, aber trotzdem noch sehr süß. Ich will nicht wissen, wie dann die normale Variante schmeckt. An Dulce de Leche kommt man hier einfach nicht vorbei.

Cartoneros an der Plaza San Martin im Stadtteil Retiro in Buenos Aires

Retiro macht einen sehr französischen Eindruck. Man kommt sich vor wie in Paris. Sehr schöne und gepflegte Häuser, kleine Lädchen und Cafés überall. Auch sind hier die Bürgersteige tadellos in Ordnung. Das ist nicht selbstverständlich in Buenos Aires. Cartoneros, die im Müll nach Papier und Pappe suchen, gibt es aber auch hier. Wir haben noch eine Weile die vorbeilaufenden Menschen beobachtet. In der Dämmerung machten wir uns über die Avenida Santa Fe und die Avenida 9 de Julio in Richtung Heimat auf. Dabei haben wir allerlei interessante Dinge entdeckt, wie z.B. dass das Teatro Colón immer noch geschlossen ist, obwohl es im Oktober letzten Jahres wiedereröffnet werden sollte. Es sieht noch immer so aus, wie bei meinem letzten Besuch. Auch das Teatro Cervantes ist noch immer eingerüstet. Wir werden die Tage mal vorbei gehen und schauen ob es dort Führungen gibt.

Avenida 9 de Julio mit Obelisk in Buenos Aires

Kapitalismus ist Egoismus. Gefunden in den Strassen von Buenos Aires

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Feria de San Telmo

Jeden Sonntag findet in San Telmo in der Defensa, Humberto 1° und auf der Plaza Dorrego die Feria de San Pedro Telmo statt. Ähnliche Kunsthandwerks- und Trödelmärkte gibt es in Buenos Aires viele, aber keine Feria ist so beliebt und groß wie diese. Besonders die vielen Touristen flanieren hier durch das spanisch-koloniale Ambiente und genießen ihren Sonntag. Ich hatte bei meinem letzten Besuch keine Gelegenheit mir das Treiben anzusehen. Da es aber nun quasi direkt vor der Haustür stattfand, mischten wir uns einfach in die Menschenmenge und haben uns den Trubel genauer angeschaut.

Feria de San Telmo an der Plaza Dorrego

So weit das Augen reichte schlenderten Menschen die Defensa hoch und runter. Für das Ereignis werden sonntags die betroffenen Bereiche für den Verkehr gesperrt. So kann man ganz gemütlich auf den Straßen bummeln und muss keine Angst haben, von einem Colectivo überfahren zu werden. Vor allem bei Touristen scheint die Feria sehr beliebt zu sein und so hört man an allen Ecken englisch, italienisch, französisch und deutsch. Links und rechts der Straße haben Händler und Kleinkünstler ihre Stände aufgebaut. Viele bieten ihre Waren auch direkt auf Tüchern, die auf dem Boden ausgebreitet sind, an.

Teigtaschenverkaufer am Plaza Dorrego in San Telmo Buenos Aires

Hier kann man fast alles kaufen: Von selbstgestrickter Kleidung, Evita und Che Guevara Postern, plattgewalzten, bunten Glasflaschen mit oder ohne Uhrwerk, bis hin zu komischen Handyständern aus Draht. Kunstmaler und Grafiker stellen ihre Werke aus und suchen Käufer. Das Angebot auf diesem bunten Basar ist unüberschaubar groß. Auch wurde selbstgebackenes unter die Leute gebracht, wie z.B. kleine Empanadas und große, mit Zwiebel, Käse und Gemüse gefüllte Teigtaschen. Zwischen den Ständen haben die ansässigen Cafés und Bars ihre Stühle und die für Buenos Aires so typisch quadratischen Tische aufgestellt. Dort konnte man wunderbar Kaffee trinken und das Geschehen beobachten.

Zwei Milchkaffee und 2 Medialunas auf der Feria de San Telmo

Die Plaza Dorrego war ebenfalls komplett mit Ständen zugebaut. Dort gab es gleichermaßen Kleinkunst und Trödel zu kaufen. An einigen Stellen gab es Tango-Shows, vor denen sich die Touristen stapelten. Wir haben uns die Vorführung eines älteren Paars angeschaut. Der Tanz der beiden wirkte sehr anmutig.

Tango auf der Plaza Dorrego in San Telmo Buenos Aires

Eines der vielen Antiquitätengeschäfte in San Telmo Buenos Aires

So gegen 16 Uhr sind wir unweit der Plaza Dorrego in die Iglesia Nuestra Señora de Belén. Ein ehemaliges Jesuitenkloster mit einem schönen, eklektizistischen Portal. In der Kirche sollten heute Führungen stattfinden. Wir haben dann eine persönliche Führung in spanischer Sprache für 3 Peso gebucht. Englisch war leider nicht verfügbar, von Deutsch ganz zu schweigen. So wurden wir ca. 40 Minuten durch das Gebäude geführt und erfuhren trotz der Sprachbarriere so einiges über die Geschichte der Anlage.

HDR Aufnahme eines Altars in der Kirche Nuestra Señora de Belén in San Telmo

Das kirchliche Gebäude wird heute nur noch für Konzerte und Veranstaltungen genutzt. Um 17 Uhr sollte hier die musikalische Fakultät des amerikanischen Williams College ein Gastkonzert mit Werken klassischer und moderner Komponisten aufführen. Die Proben dazu waren bereits voll im Gange.

Tango auf der Plaza Dorrego in San Telmo Buenos Aires

Zum Nachmittag riss dann doch noch der Himmel auf und die Sonne kam zum Vorschein. So heiß wie gestern wurde es allerdings nicht. So wie heute war das Wetter genau richtig. Sehr angenehm und warm. Die Zeit verging unglaublich schnell, weil es so viel zu sehen gab. Zum Abschluss der Feria, so gegen 19 Uhr, zog dann die Centro Murga Caprichosos de San Telmo (eine karnevalsähnliche Truppe) lärmend mit Pauken, Schellen aber ohne Trompeten durch die Defensa. Danach wurden die meisten Stände auch schon wieder abgebaut und die Feria ging langsam zu Ende.

Centro Murga Caprichosos de San Telmo auf der Feria

Centro Murga Caprichosos de San Telmo auf der Feria

Centro Murga Caprichosos de San Telmo auf der Feria

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Unterwegs in den Straßen von Buenos Aires

Heute wollten wir es noch mal wissen. Wie lange muss man eigentlich laufen bis einem die Füße weh tun? Das Ziel für den Tag war u.a. das Shoppingcenter Abasto de Buenos Aires im gleichnamigen Stadtteil. Noch ein bisschen mehr Shopping könnte sicher nicht schaden und dabei gleich ein paar unbekannte Viertel und Straßenzüge in Buenos Aires aufdecken. Perfekt! Also sind wir so gegen halb zwei, nach unserem alltäglichen „Cafe con leche y medialunas“-Ritual im Café Origen, in Richtung Westen aufgebrochen. Unser Weg führte uns von San Telmo, durch den nördlichsten Zipfel von Constitución direkt in das nächste Quartier „San Cristóbal„.

San Cristóbal an einem ganz normalen Tag

Viel war an diesem Tag (noch) nicht los und so präsentierte sich das Viertel beschaulich und ruhig. Ab uns zu kamen uns Schüler entgegen oder standen nach Schulschluss noch vor den Colleges. Das Tragen von Schuluniformen scheint in Argentinien absolut Usus zu sein. Das ist uns bereits bei unserem Kurztrip nach Tigre aufgefallen. Dort sind wir kurz vor Tigre an unzähligen, ziemlich noblen und privaten Colleges vorbeigefahren und immer wieder mal sind Schüler in den Bus 60 gestiegen, um ein paar Stationen mitzufahren. Jedes College hatte natürlich seine eigene Uniform. Wie dem auch sei, San Cristóbal machte jedenfalls einen ziemlich guten Eindruck. Man konnte den Bewohnern herrlich bei Ihrem Alltagsleben zuschauen.

Verkauf und Reparatur von alten Nähmaschinen in Buenos Aires

Pastaherstellung zum Zugucken in Buenos Aires

Uralte Druckmaschine druckt Visitenkarten in Buenos Aires

Da wurden Hunde ausgeführt oder Waren des täglichen Bedarfs ge- oder verkauft. Einige Handwerker waren in ihren Werkstätten beschäftigt und andere standen auf der Straße und unterhielten sich mit Ihren Nachbarn. San Cristóbal scheint eines dieser durchschnittlicheren Wohnviertel zu sein. Während wir so liefen, sind wir natürlich auch wieder an unzähligen Bäckereien vorübergegangen. Ehrlich gesagt, kann man da nicht sehr lange widerstehen und so haben wir uns bei der nächsten Gelegenheit ein paar süße Kleinigkeiten geholt.

Süße Leckereien aus einer Bäckerei in Buenos Aires

Verkäuferin verpackt ein paar unsere Leckerlies aus einer der vielen tollen Baeckerei in Buenos Aires

Später, an einem Kiosco, haben wir uns dazu noch Mineralwasser und Coke gekauft und fertig war unser spontanes, süßes Picknick, dass wir in dem kleinen Park an der Plaza 1 de Mayo hatten. Ich glaube wir waren die einzigen Touristen dort. Das Viertel ist einfach zu abseits der typischen Touristentrampelpfade. Nach der kurzen Rast kreuzten wir nur einen Block später die Avenida Rivadavia und befanden uns damit bereits in Once [sprich: On’sse].

Hektische Geschäftigkeit in Once

Der Stadtteil Once hat eine lange jüdische Tradition. Once kann man wohl am ehesten noch mit New York’s Lower East Side oder dem ehemaligen Berliner Scheunenviertel vergleichen. Überall kann man noch die ehemaligen, stark jüdischen Kultureinflüssen sehen und spüren. Heute gilt Once als lautes und hektisches Händlerviertel mit vielen Geschäften und Outlets. Beim Weiterlaufen sind wir dann in die Larrea Straße eingebogen.

Geschäftige Larrea Straße im Stadtteil Once von Buenos Aires

In dieser engen Straße konnten wir uns dann ein Bild von dieser Geschäftigkeit machen. Dort reiht sich Fachgeschäft an Fachgeschäft und auch sonst war die Straße sehr belebt und rastlos. Hier gibt es sehr spezialisierte Läden vornehmlich für Stoffe, Unter- und sonstige Wäsche, sowie Kopfbedeckungen aller Art, Geschenkpapiere und Verpackungen.

Hochspezialisierte Fachgeschäfte findet man überall in den Strassen von Buenos Aires

Buenos Aires ist bekannt für diese starke Spezialisierung der Geschäfte. Man trifft oft auf Straßenzüge, die sich auf ein ganz bestimmtes Handelsgut bzw. Produkt spezialisiert haben. So gibt es z.B. eine Straße, in der man alles rund ums Thema „Auto“ bekommt. In einer anderen Straße findet man einen Buchladen nach dem nächsten. Und in wieder einer anderen Straße reiht sich Baumarkt an Baumarkt. Das ist schon sehr auffallend und eindrücklich. Nachdem wir ein paar Geschäfte besucht hatten, bogen wir auf die Avenida Corrientes und folgten ihr weiter in Richtung Abasto.

„Abasto de Buenos Aires“-Shoppingcenter in Abasto

Vorbei an unzähligen weiteren Outlets und Marktständen und -hallen, gelangten wir schließlich nach weiteren 20 Minuten Fußweg zum Shoppingcenter „Abasto“. Unsere Erwartungen an diese Shopping-Mall waren gering. Die spektakuläre Architektur versprach aber dennoch ein nicht ganz so gewöhnliches Einkaufszentrum angelsächsischer Art.

Shoppingcenter Abasto de Buenos Aires

Im weitläufigen Gebäude befinden sich mehr als 200 Markengeschäfte, ein recht umfangreicher Vergnügungspark, mehrere Kinos und ein riesiger Gastronomiebereich, inklusive eines koscheren McDonald’s. Ansonsten gibt es dort nicht viel Spannendes zu sehen. Viele der Läden und Marken kann man auch in Europa oder Amerika finden und zu ähnlichen Preisen dort kaufen. Alles in allem ist es recht uniform und langweilig und könnte, so wie es ist, auch in Kalifornien (USA) oder sonstwo stehen. Nach nicht mal anderthalb Stunden haben wir das Center wieder verlassen.

Im Innern des Shoppingcenters Abasto de Buenos Aires

Riesenrad im Shoppingcenter Abasto de Buenos Aires

Kitschige Spielwiese im Abasto de Buenos Aires

Wir wollten uns lieber weiter die nähere Umgebung ansehen. Unweit vom Shoppingcenter befindet sich u.a. das Carlos Gardel Museum. Der Tenor, der wegen seiner herrlich schmachtenden Stimme auch „Der Dunkelhäutige von Abasto“ genannt wurde, wuchs als Immigrant hier in Abasto auf und prägte sein Viertel nachhaltig mit seinem Tango Canción. Eine Weltkarriere folgte. Leider war das Museum in dem bunten Haus geschlossen und so blieb uns nicht viel übrig als langsam wieder in Richtung Stadtzentrum zu laufen.

Feinstaubkonzentration jenseits von Gut und Böse

So sind wir zur Avenida Cordoba gelaufen und diese dann bis zur Avenida 9 de Julio gefolgt. Ein ziemlicher Weg durch die Rush-Hour-Hölle von Buenos Aires. An der Kreuzung Uriburu und Cordoba sind wir noch an einem ziemlich großen Krankenhauskomplex vorbeigelaufen. Das General Hospital aus der gleichnamigen Serie, die seit den 60er Jahren ausgestrahlt wird, kann da durchaus mithalten. Das Gebäude zur Serie steht übrigens nicht in New York, wie oft angenommen, und auch nicht hier in Buenos Aires, sondern in Los Angeles. Kein wirklich schöner Komplex, vor allem nicht an dieser lauten und vielbefahrenen Cordoba Straße, aber auf jeden Fall gigantisch bis kolossal. Nur kurze Zeit später sind wir dann noch an einem sehr schönen Gebäude vorbei gelaufen, dem Full-screenPalacio de las Aguas Corrientes. Darin befindet sich ein Museum zur Geschichte das „Wasserpalastes“ und der allgemeinen Wasserversorgung von Buenos Aires.

Unbekanntes Gebäude in der Avenida Cordoba in Buenos Aires

Sitzend an der Kreuzung 9 de Mayo / Cordoba

Ziemlich zugerußt und rastbedürftig haben wir uns an einen Brunnen an der Megakreuzung niedergelassen und den Feierabendverkehr beobachtet. Der Verkehr in dieser Stadt ist wirklich unglaublich erdrückend, mörderisch und laut. Gefahren wird hier nach wenig Regeln und dem Prinzip des Stärkeren. Ich glaube, wenn wir dort eine Verkehrszählung gemacht hätten, würde uns nach kurzer Zeit das Zählwerk kollabieren.

Rush-Hour in Buenos Aires

Zwischendrin sieht man dann noch ein paar Leute, die sich mit dem Fahrrad „umbringen“ wollen. Radfahren in den Straßen von Buenos Aires geht aus meiner Sicht so gut wie gar nicht und ist als grob fahrlässig einzustufen. Trotz des ganzen Chaos funktioniert die Stadt irgendwie und macht einen sehr quirligen, lebenswerten Eindruck.

Zurück in San Telmo

Zurück in San Telmo sind wir in einem dieser erhaltenswerten und deswegen denkmalgeschützten Restaurants eingekehrt. Das „El Federal“ an der Ecke der Straßenkreuzung Carlos Calvo und Peru glänzt mit originalgetreuer Einrichtung bis ins kleinste Detail und machte einen warmen aber doch sehr dunklen Eindruck. Das Tageslicht hatte sich inzwischen auch verabschiedet und die Beleuchtung im Restaurant war eher spärlich. Es war bereits nach 19 Uhr und wir hatten Kohldampf und genehmigten uns eine von diesen variantenreichen Vesperplatten mit Wurst, Käse und Oliven. Dazu den Salat des Hauses und Pasta. Basta! Danach war das große Loch im Bauch für heute versiegelt. Nach diesem ausgiebigen Essen haben wir noch mal einen Abstecher ins Café Origen gemacht, um dort einen Verdauungskaffee zu trinken. Gegen halb 10 Uhr waren wir dann ziemlich müde und erschöpft wieder in der Casa Perú und haben die Füße hochgelegt. Wir wollten heute auch nicht zu spät ins Bett, da wir für morgen 10 Uhr bereits ein Termin abgemacht hatten.

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La Boca

Heute waren wir im Viertel „La Boca„. Es grenzt südöstlich an San Telmo und ist vorallem durch seine originellen Häuser und der Straße „El Caminito“ bekannt. Es ist aber auch für die Armut, Kriminalität und die extreme Umweltverschmutzung bekannt. Wir hatten aufgrund der Nähe zu San Telmo beschlossen dort hin zu laufen. Schon nach einigen Straßenzügen merkte man wie das Niveau mehr und mehr sank, ja geradezu abstürzte und die Häuser mehr und mehr Blech- und Holzhütten glichen.

Ein Haus in La Boca Buenos Aires

Straßenschlucht und Brücke im Viertel "La Boca" in Buenos Aires

Manche Straßenzüge waren sehr Favelaartig sodaß einem Angst und Bange wurde und man sich fragte wie man hier leben kann. Nun, diese Menschen haben sicher keine andere Wahl als dort unter diesen Bedingungen zu hausen, leben kann man das wirklich nicht mehr nennen. Von diesen Zuständen haben wir lieber keine Bilder gemacht um nicht zu sehr als Touristen aufzufallen und einen Überfall zu riskieren. In La Boca merkt man besonders stark, dass Argentinien doch ein sehr armes Schwellenland ist. Nach diesen wirklich krassen Eindrücken und stinkenden Kloaken fanden wir endlich „El Caminito“, die touristische Straße in La Boca.

El Caminito in La Boca

Eines der bunten Wellblechhäuser in La Boca “El Caminito”

Da trafen wir dann auch auf viele Touristen, denen man vorher nicht begegnet ist. Wir vermuteten, dass sie aus sicherheitsgründen lieber mit dem Taxi oder Bus an Ort und Stelle fahren. Ich würde das Besuchern auch eher empfehlen. Das Viertel ist nichts für schwache Nerven und sollte unbedingt nach Einbruch der Dunkelheit gemieden werden. El Caminito entsprach den Erwartungen und präsentierte sich sehr touristisch. Bunte Holz- und Wellblechhäuser die aus abgewrackten Schiffen gebaut wurden. Es gab auch einige Restaurants dort, aber nach den gesehenen Umweltverschmutzungen ist uns der Appetit gründlich vergangen. Das zähe, schwarze Etwas, was wohl mal ein Fluß war, ist die dreckigste und stinkigste Dreckpampe, die ich je gesehen hab. Wirklich hochbedenklich und abstoßend. Ohne El Caminito wäre dieses Viertel wohl sicher ganz verloren und so ist es gut, dass die Anwohner ein wenig von dem touristischen Rummel in dieser Straße profitieren.

Umweltverschmutzung in La Boca Buenos Aires

Verdreckte Mündung in La Boca in Buenos Aires

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